26.02.2011

Chisten in Nahost: „Für uns ist die Scharia Alltag“

Wie die Christen unter verschiedenen Systemen im Orient ihren Glauben leben, warum die USA ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen und wie Kinderlosigkeit die Christen schwächt, erklärt der Patriarch der mit Rom unierten Melkitischen Kirche, Gregorios III. Laham, im Interview mit der „Tagespost“.

Chisten in Nahost: „Für uns ist die Scharia Alltag“

Wie die Christen unter verschiedenen Systemen im Orient ihren Glauben leben, warum die USA ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen und wie Kinderlosigkeit die Christen schwächt, erklärt der Patriarch der mit Rom unierten Melkitischen Kirche, Gregorios III. Laham, im Interview mit der „Tagespost“.

 Von Stephan Baier

TP - 23.02.2011 16:18 - Zu Jahresbeginn gab es Aufsehen erregende Umstürze in Tunesien und Ägypten, jetzt Demonstrationen in Libyen und Bahrain, morgen vielleicht Unruhen in Jordanien und Algerien: Woher kommt diese Welle der Unruhe in der arabischen Welt?

Ich bin leider kein Politiker, um eine richtige Antwort zu geben. Aber ich meine, es gab eine lange Zeit der Gärung. Die ganze Welt ruft seit einiger Zeit immer mehr nach Gerechtigkeit. Auch in der Bischofssynode für den Nahen Osten haben wir im Vorjahr sehr stark gerufen nach der Freiheit des Glaubens, nach Religionsfreiheit und nach bürgerlichen Freiheiten der Menschen. Alles das hat schon eine bestimmte Wirkung auf diese Region, insbesondere durch die moderne Technik. Dazu kommt, was die Menschen in der arabischen Welt zu schlucken haben – alles das hat schon seine Wirkung auf die Menschen gehabt. Sie hatten lange Zeit eine andere Art des Lebens, doch nun sind sie aufgewacht.

In Ägypten hatte man den Eindruck, die Kirche wisse lange nicht, ob sie sich auf die Seite Mubaraks oder auf die der Demonstranten stellen solle. Es gab Stimmen von Bischöfen für jede Seite.

Sicher, denn die Kirche ist dort in der Minderheit und es bedarf einer gewissen Weisheit, weil wir ja das Gute für alle Menschen wünschen. Wir müssen unseren Platz finden in allen Fällen und allen Kämpfen. Es ist notwendig, dass die Kirche hier eine gewisse Flexibilität hat und sich den unterschiedlichen Systemen und Regierungen anpassen kann.

Drohen durch eine – sehr wahrscheinliche – künftige Regierungsbeteiligung der Muslimbruderschaft den Christen nun neue Gefahren? Es ist ja nicht anzunehmen, dass ausgerechnet die Muslimbrüder die Scharia in Ägypten abschaffen.

Wir haben als Christen seit langen, langen Jahrhunderten gelernt, dass wir mit allen Systemen leben. Die Scharia ist für uns keine Neuigkeit, denn wir leben seit Jahrhunderten mit der Scharia. Das ist anders als in Europa! In Europa ist die Scharia ein anderes System des Lebens, des Alltagslebens und nicht nur des Glaubens. Für uns ist die Scharia Alltag. Wir leben damit, und wir wissen, wie wir gleichzeitig die Freiheit der Glaubensausübung – Gottesdienste, Katechese, Jugendarbeit, Religionsunterricht – praktizieren können. Das alles haben wir immer gehabt, obwohl wir schon lange unter der Scharia leben.

In Jordanien scheint der König der Garant für die Religionsfreiheit und für die Rechte der Christen zu sein. Wird die Welle der Unruhen nun auch Jordanien erfassen und verändern? Ist die sprichwörtliche jordanische Harmonie in der Gesellschaft jetzt in Gefahr?

Teilweise sind schon einige Zeichen der Unruhe da. Für uns Christen gibt es aber keine Gefahr, auch wenn wir wissen, dass der Regierende ein Garant ist. Wir setzen auf unsere Loyalität, auf unsere Geschichte und auf unsere Präsenz in der Gesellschaft, in der Politik, in der Kultur des Landes. Viele Muslime genießen unsere christlichen Schulen und die Hilfen, die sie hier erfahren. Das ist eine Stärke für uns. Wir hoffen, dass der König bleibt und dass es in Jordanien für uns nicht gefährlich wird.

Ein vergleichsweise hohes, durch die Säkularität dieser Diktatur bedingtes Maß an Religionsfreiheit gibt es für die Christen auch in Syrien.

In Syrien ist die Religionsfreiheit am meisten und am besten garantiert, weil wir hier einen säkularen Staat haben. In allen anderen Ländern der Region herrscht der Islam vor. In Syrien ist der Islam zwar gesellschaftlich präsent, aber nicht staatlich. Das allein ist für uns schon eine Garantie und eine Stärkung. Hinsichtlich der Religionsfreiheit herrscht in Syrien ein besonderer Status. Im Libanon sowieso, aber das ist ein religiöses Land – doch Syrien ist ein säkularer Staat. Hier bekommen wir Wasser und Licht kostenlos, können Kirchen bauen so viele wir wollen, der Religionsunterricht wird in Zusammenarbeit mit dem Staat durchgeführt. Das sind positive Akzente. Ich glaube nicht, dass irgendeine Regierung in einem Staat plötzlich alles ändert. Sie müssen auch vorsichtig vorgehen: in Ägypten und Tunesien ebenso wie andernorts.

Im Libanon herrscht nun seit kurzem eine Regierung von Hisbollahs und damit indirekt von Teherans Gnaden. Kann das für die Christen im Libanon gefährlich werden?

Nein, auf keinen Fall. Der Libanon ist ein Land, wo Krisen kommen und gehen, aber die Politiker finden immer irgendeinen Ausweg. Im Libanon herrscht eine besondere Situation, wo es keine Gefahr für die Christen gibt. Die größte Gefahr ist, dass wir Christen immer weniger Kinder haben, und damit weniger Präsenz und Einfluss in der Gesellschaft. Dazu muss man hoffen, dass endlich der Friede in unserer Region kommt, denn unsere größte Hoffnung und der größte Garant für uns wäre der Friede.

Doch die Friedensbemühungen sind jüngst gescheitert am mangelnden Kompromisswillen Israels in der Siedlungsfrage. Damit ist Obamas Nahost-Friedensinitiative doch am Ende?

Es ist wahr, und leider ist es so! Ich verstehe nicht, warum die USA nicht die Kraft haben, einen bestimmten Druck auf Israel, ihrem besten und engsten Partner, auszuüben. Amerika kann doch auch auf andere Länder Druck ausüben, auf den Irak etwa. Aber nie wagen die USA ein Wort gegen die Politik Israels zu sagen, etwa gegen die Siedlungsexpansion im UN-Sicherheitsrat. So verlieren die USA ihre Glaubwürdigkeit in der arabischen und islamischen Welt. Und das ist wie Holz für das Feuer des Islamismus, Fanatismus und Terrorismus! Die USA müssen verstehen, dass sie uns retten können, dass sie die Demokratie ermöglichen können: durch die Lösung des Konflikts zwischen Israel und Palästina, der schon 62 Jahre alt ist, ohne dass es bisher eine Aussicht auf eine Lösung gibt.

Jetzt haben die USA mit Hosni Mubarak einen Partner und Verbündeten im Nahen Osten verloren. Wird damit der amerikanische Einfluss noch geringer? Und steigt nun die Gefahr eines neuen Kriegs?

Ja, die Gefahren sind da. Mubaraks Ende ist sicher ein großer Verlust für die USA und für den Frieden. Ägypten ist der größte arabische Staat und der größte islamische Staat in der arabischen Welt – und auch der arabische Staat, wo die Christen die relativ größte Anzahl haben. Da ist schon ein großer Verlust für die Bemühungen um den Frieden! Wir haben schon auch Angst, dass sich die Lage verschlimmern könnte. Dass ein neuer Krieg kommt, glaube ich nicht. In den gegenwärtigen Turbulenzen im Nahen Osten ist niemand bereit, einen neuen Krisenherd zu schaffen.

In Ägypten demonstrierten Christen und Muslime gemeinsam auf dem Tahrir-Platz. Könnte das das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen prägen und verändern?

Ich war an den vier ersten Tagen der Revolution in Ägypten, vom 24. bis 28. Januar. Und ich muss sagen, dass ich sehr dankbar bin, dass es in den 18 Tagen der Revolution überhaupt kein Zeichen von Ressentiments gegen Christen gegeben hat. Es war ein Beispiel für den Zusammenhalt von Christen und Muslimen. Auch schon nach dem Attentat auf die Kirche von Alexandria gab es eine Welle von Hilfe und Solidarität. Das hat die Welle der Revolution mit vorbereitet. Der 1. Januar spielte für die Revolution schon eine vorbereitende Rolle. Es gab damals sehr viele Märsche, Demonstrationen und Artikel. Ich glaube nicht, dass es in Ägypten einen Bürgerkrieg oder einen Religionskrieg geben wird.

Warum ist das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in manchen arabischen Staaten sehr gut, in anderen dagegen extrem schwierig?

Sehr schwierig ist es nirgends, abgesehen vom Irak, denn dort herrscht das Chaos. Im Irak geht es nicht nur um Christen und Muslime, sondern um Sunniten gegen Schiiten, Kurden gegen Araber. Es gibt Probleme für die Christen im Irak und in Ägypten. Aber im allgemeinen war die Lage sonst ruhig und für die Christen recht angenehm. In allen arabischen Ländern ist ein gewisses Maß religiöser Freiheit gewährleistet, aber mit bestimmten Stufen: am besten im Libanon, gefolgt von Syrien, Jordanien, Palästina, Israel, Ägypten. Dann weniger in Kuwait, Bahrain, den Emiraten, Oman. Nur nicht in Saudi-Arabien. In den anderen Ländern gibt es Glaubensfreiheit, aber nicht Gewissensfreiheit, was die Bekehrung vom Islam zum Christentum einschließen würde. Man kann nicht sagen, dass die Lage so schwierig ist. Ohne diese Krisen wie derzeit in Ägypten, Irak und Sudan war die Lage in den vergangenen Jahren ziemlich ruhig und für die Christen recht positiv. Wir hoffen, dass wir durch die Bischofssynode eine bestimmte Stärkung gewonnen haben. Hier wurde die Problematik des Nahen Ostens auf die Weltebene gehoben. Das war doch eine gute Vorbereitung auf die neuen Entwicklungen in unseren Ländern.

Die Nahost-Bischofssynode vom Oktober 2010 hat die Probleme benannt. Aber was hat sie konkret gebracht für die Christen im Orient?

Wir haben jetzt in den verschiedenen Ländern der Region auch Bischofskonferenzen, die bestimmte Programme zusammengestellt haben für die Verwirklichung der Ergebnisse. Ich war in Ägypten Ende Dezember für die Versammlung der katholischen Bischöfe und Patriarchen. Dort haben wir ein Programm erstellt. In der Vorwoche tagten wir mit vier Patriarchen und 43 Bischöfen im Libanon, damit die Synode auch in der Tat verwirklicht wird. Das braucht auch Arbeit an der Basis, in den Gemeinden. Die Nahost-Bischofssynode hat viel Bewegung gebracht in den Diözesen und Pfarreien, bei den Orden und bei der Jugend. Wir werden eine Analyse machen, was wir im Sinne der Synode bereits für unsere Christen tun, was wir verbessern können und was wir an Neuem einführen.

Eines der größten Probleme für die Christen im ganzen Orient ist die Emigration. Wie lässt sich der dramatischen Abwanderung so vieler, und gerade der gebildeten Christen entgegenwirken?

Emigration ist nicht nur religiös bedingt, sondern durch die gesamte Atmosphäre, durch Krisen und Chaos. Meistens ist die Emigration verursacht durch wirtschaftliche Probleme und mangelnde Arbeitsmöglichkeiten, durch Krisen und Spannungen – aber nicht durch Religiöses. Ich muss aber sagen, dass der Konflikt zwischen Israel und Palästina, zwischen Israelis und Arabern der Grund ist für viele Probleme der Christen, unter anderem auch für die Gefahr der Emigration. Dazu kommt, dass die Christen weniger Kinder haben und somit eine immer kleinere Minderheit werden. Das bringt auch wieder wirtschaftliche Probleme mit sich. Das alles hat seine Wirkung. Das Schlimmste und der Grund der meisten Probleme aber ist der Konflikt, der seit 62 Jahren besteht und bei dem es keine Hoffnung auf eine Lösung gibt. Das ist für uns das Schwierigste!

Was erwarten Sie von der Europäischen Union und von den Vereinigten Staaten von Amerika hinsichtlich ihrer Nahost-Politik?

Helfen Sie uns, dass die Welt einen Druck auf Israelis und Palästinenser ausübt, damit der Frieden kommt. Wenn kein Frieden kommt, sind wir alle Kandidaten für die Emigration! Wenn es Frieden gibt, sind viele Probleme irgendwie gelöst: auch Islamismus, Fundamentalismus und Terror. Wir setzen sehr auf den Druck unserer Freunde in der Europäischen Union und in Amerika zugunsten des Friedens. Ich habe deshalb einen Brief an alle arabischen Länder geschrieben, und auch an die Staaten der Europäischen Union und an die USA, und habe gebeten um mehr Einflussnahme für den Frieden. Sicher, unsere Hoffnung ist in Gott, aber was die Menschen und Staaten betrifft, so bitten wir, Frieden zu schaffen im Heiligen Land.

Was können die Gläubigen im Westen für die Christen im Orient tun?

Wir müssen sehr dankbar sein für alles, was wir bekommen, etwa für unsere Projekte, Schulen und Waisenhäuser. Diese Hilfe ist nicht nur materiell, sondern sie ermöglicht uns, dass wir soziale und kulturelle Projekte und Schulen errichten. Die sind ein Ort der Toleranz zwischen Christen und Muslimen, und zur Pflege der gemeinsamen Kultur. Das alles schafft eine bestimmte Atmosphäre der Annahme des anderen: wo Lehrer und Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen miteinander leben und Hilfe erhalten. Deshalb ist die materielle Hilfe für die Kirche in den arabischen Ländern auch eine geistliche Hilfe.

Hintergrund

 

Die melkitische Kirche ist apostolischen Ursprungs und teilte sich 1734 in einen katholischen und einen orthodoxen Teil. Die Melkitische Griechisch-Katholische Kirche feiert den byzantinischen Ritus in arabischer Sprache. Sie zählt 1,6 Millionen Gläubige in Syrien, Libanon, Jordanien, Israel, Palästina und Ägypten sowie mittlerweile auch in großen Diasporadiözesen in Brasilien, Argentinien und Australien. Oberhaupt dieser Kirche ist seit 2000 Patriarch Gregorios III. Laham (geboren 1933, zum Bischof geweiht 1981) als griechisch-katholischer „Patriarch von Antiochien und dem Ganzen Orient, von Alexandrien und von Jerusalem“. Ihm unterstehen 34 Bischöfe und etwa 600 Priester, die sich um die arabischsprachigen Katholiken des byzantinischen Ritus kümmern. Das Verhältnis des Melkitischen Patriarchats zur Griechisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien, deren Patriarch Ignatius IV. ebenfalls in Damaskus residiert, ist freundschaftlich. sb

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