21.01.2011
Deutschland: Bischof Johannes Friedrich - "Islamfeindlichkeit stellt Angst vor dem Unbekannten dar"
Vortrag beim interkulturellen Abend in Mailand über die Herausforderung des religiösen und kulturellen Pluralismus
Deutschland: Bischof Johannes Friedrich - "Islamfeindlichkeit stellt Angst vor dem Unbekannten dar"
Vortrag beim interkulturellen Abend in Mailand über die Herausforderung des
religiösen und kulturellen Pluralismus
(MEDRUM) 21.01.11 - Mailand/Hannover - Der religiöse und kulturelle
Pluralismus stellt nach den Worten des Leitenden Bischofs der Vereinigten
Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr.
Johannes Friedrich (München), sowohl für die Politik wie für die
christlichen Kirchen Europas eine enorme Herausforderung" dar. In einem
Vortrag im Rahmen eines Interkulturellen Abends in der Chiesa Cristiana
Protestante di Milano zusammen mit der Gemeinschaft Sant'Egidio sagte
Friedrich, in dieser Situation haben wir jedem Versuch der politischen
Instrumentalisierung der Religion entgegenzutreten". Dies gelte auch im
Blick auf die in Europa grassierende Islamfeindlichkeit", die letztlich
eine Angst vor dem Unbekannten" darstelle. Dies teilte die VELKD am
Donnerstag mit.
Forderung nach kultureller oder religiöser Einheitlichkeit im Widerspruch
zur Verfassung
Der Vortrag stand unter dem Thema Der religiöse und kulturelle Pluralismus
- Eine Herausforderung für den sozialen Zusammenhalt in Europa".
Verschiedene Sprachen und Kulturen, verschiedene geschichtliche Erfahrungen
in einer Gesellschaft seien eine Bereicherung. Aber ethnische, sprachliche,
kulturelle und nicht zuletzt religiöse Unterschiede in einer Gesellschaft
enthalten auch Konfliktpotentiale, die zu leugnen naiv wäre", so Friedrich.
Deshalb gelte es, "mit Klugheit Differenzen zuzulassen". So habe die
Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland das Festhalten an einer
deutschen Minderheitskultur im Ausland - etwa in Osteuropa, ausdrücklich
gefördert.
Einreiseberechtigt in Deutschland und automatisch deutsche Staatsbürger
seien bis heute auch Menschen, die weder in Deutschland geboren seien, noch
jemals dort gelebt, die aber im Ausland am deutschen Volkstum festgehalten
hätten. Friedrich weiter: Warum, so frage ich, soll es gut sein, wenn
Deutsche im Ausland an der deutschen Kultur festhalten, aber schlecht, wenn
Türken in Deutschland an der türkischen Kultur festhalten? Voraussetzung
dafür, dass Differenz zugelassen werden kann, ist nach meiner Überzeugung
allerdings vor allem zweierlei: einmal die Anerkennung der für alle
geltenden Gesetze in dem Land, in dem man leben will, zum anderen der
gleichberechtigte Zugang aller zu den Bildungschancen der Gesellschaft - was
bedeutet, dass man neben der Muttersprache die Landessprache in Wort und
Schrift beherrschen muss." Im Übrigen werde die Integration durch die
gesellschaftliche Anerkennung der Herkunftssprachen und -kulturen gefördert,
während die Forderung nach Gleichheit und kultureller oder religiöser
Einheitlichkeit sowohl dem Geist unserer Verfassung wie dem
Integrationsgedanken widerspreche.
Interreligiöser Dialog gegen bedrohliche Empfindungen
Das Zusammenleben in einer pluralistischen Welt verlangt nach der Klärung
der eigenen Identität", hob der Leitende Bischof hervor. Unklare Identität
aber, religiöse und kulturelle Verunsicherung, führt zu
Abstoßungsreaktionen, möglicherweise auch zu Fremdenfeindlichkeit und
Islamophobie." Es sei auffällig, dass Fragen wie Soll der Islam in
Deutschland verboten werden?" oder Soll bei Muslimen die freie
Religionsausübung eingeschränkt werden?" bei Meinungsumfragen in
Ostdeutschland eine höhere Quote an Zustimmung bekämen als in
Westdeutschland - wobei die Zustimmung auch im Westen erschreckend hoch sei.
Dahinter steckt, dass in einer Gesellschaft, der die eigene religiöse
Tradition fremd geworden ist, eine fremde und engagiert praktizierte
Religiosität bedrohlich wirkt. Gerade deshalb trete ich für den
interreligiösen Dialog ein."
Staat muss religiös neutral bleiben
Der Staat muss nach Friedrichs Worten religiös neutral bleiben und sich aus
der Debatte um die Inhalte der Religion heraushalten". Dennoch sei der
interreligiöse Dialog, den Christen mit Muslimen, Buddhisten, Hindus führen,
nicht nur ein kirchliches Anliegen: Er ist zugleich ein Dienst am Frieden
und am Zusammenhalt in der Gesellschaft. Es ist der Auftrag der Christen,
ihr ureigner Beitrag zum Zusammenleben in einer pluralistischen
Gesellschaft, dass sie ihre eigene religiöse Identität immer neu bestimmen -
auf den Wahrheitsanspruch des eigenen Glaubens und der eigenen Religion
nicht verzichtend, aber den anderen Religionen unpolemisch, freundlich,
offen und dialogisch gegenübertretend." Hier liege wohl der Schlüssel, wie
man in Europa der Herausforderung des religiösen und kulturellen Pluralismus
begegnen könne. Wer um die eigene christliche Identität weiß, in seiner
Tradition verwurzelt ist und die Vielfalt des Christentums aus eigener
Anschauung kennt, kann auch offen sein für das Andere, mitunter Fremde
anderer Religionen."
Quellen:
Unter Verwendung von Material der VELKD