22.01.2011

Deutschland: Huber wünscht sich "Weiterentwicklungen des Islam"

Der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, greift in der F.A.Z. Thilo Sarrazin erneut an, kritisiert aber zugleich den Mangel an Toleranz im Islam

Deutschland: Huber wünscht sich "Weiterentwicklungen des Islam"

Der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, greift in der F.A.Z.

Thilo Sarrazin erneut an, kritisiert aber zugleich den Mangel an Toleranz im Islam

| 23.01.2011  Der Islam hat bis heute kein "überzeugendes Konzept der
Toleranz" entwickelt. Das ist "eines der größten Integrationshemmnisse". Das
schreibt der ehemalige Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, in einem Beitrag der Samstagsausgabe der
"Frankfurter Allgemeinen Zeitung".





Huber, der von 1994 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche
Berlin-Brandenburg und von 2003 bis 2009 EKD-Ratsvorsitzender war, plädiert
in dem Beitrag für Regeln der  Zuwanderung. Die "weltweiten Verflechtungen
und die besondere demographische Situation unseres Landes" ließen keine
andere Wahl. Die Regeln der Zuwanderung müssten sich an den
"wirtschaftlichen Notwendigkeiten" ausrichten. Notwendig sei die "Einsicht,
dass wir in einem Einwanderungsland leben". Dessen Zustand sollte jedoch
"ohne falsche Dramatisierungen, aber mit der notwendigen Nüchternheit"
betrachtet werden.

Wichtige Einwanderergruppen hätten mittlerweile ein Bildungsniveau erreicht,
das mit dem der deutschen Mehrheitsbevölkerung vergleichbar sei, so Huber.
Dennoch sei festzustellen: "Die größten Integrationsdefizite zeigen sich bei
Türken, Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien und
Afrikanern." Ein "Katastrophenszenario" sei jedoch unangemessen.
"Insbesondere ist es unangebracht, die großen Herausforderungen der
deutschen Gesellschaft vorwiegend auf die Zuwanderung zurückzuführen." In
einer "pessimistischen Stimmung" angesichts der umgedrehten Alterspyramide
könne eine wachsende Migrationsbevölkerung schnell als Bedrohung
wahrgenommen werden, warnt Huber. "Dass der Anteil an Kindern ausländischer
Herkunft in Grundschulen weit höher ist als im Durchschnitt der Bevölkerung,
erfüllt viele Deutsche mit Sorge." Doch ein "Sündenbockmechanismus" führe in
die Irre.

Sarrazins These mit christlichem Menschenbild unvereinbar

Der "Respekt vor der gleichen Würde jedes Menschen" sei der Ausgangspunkt
für den Umgang mit den Problemen einer Integrationsgesellschaft. "Der
Gedanke der Egalität hat in Judentum und Christentum eine wichtige Wurzel.
Wenn nun mit neuem Nachdruck gesagt wird, dass das Christentum und das
Judentum 'zweifelsfrei zu Deutschland' gehören, dann geht es nicht so sehr
um besondere kulturelle Ausprägungen der jüdisch-christlichen Tradition,
sondern zuallererst um den universalistischen Kern der im Judentum
wurzelnden christlichen Botschaft. Dieser Kern besteht darin, dass das
Bekenntnis zu dem einen Gott sich mit einer universalistischen Anerkennung
der Gottebenbildlichkeit und damit der gleichen Würde aller Menschen
verbindet."

Im Blick auf das Menschenbild gelte: "Verschieden und doch gleich". Thilo
Sarrazin habe diese Ebenbürtigkeit mit seinem Buch "Deutschland schafft sich
ab" "massiv in Zweifel" gezogen. Ein Zusammenhang zwischen genetisch
bedingter Intelligenz und Schichtzugehörigkeit sei "nur marginal
beeinflussbar". Weil Sarrazin weiten Regionen der Erde einen Mangel an
Intelligenz zuschreibe, erkläre er Zuwanderung aus diesen Regionen für
unerwünscht. "Dadurch erhält seine Argumentation eine ethnische
Konnotation." Sarrazins Menschenbild passe nicht mit einem Bild vom Menschen
als einer Person, die mit einer unantastbaren Würde ausgestattet ist,
zusammen, so Huber. "Das christliche Menschenbild verlangt vielmehr, die in
einem Menschen liegenden Begabungen und Chancen so gut wie möglich zu
fördern und zur Entfaltung zu bringen. Genetisch bedingte
Intelligenzunterschiede ändern an dieser Aufgabe genauso wenig wie sozial
bedingte Nachteile in der familiären Förderung."

"Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist nicht ganz dicht."

Gleichzeitig gibt Huber zu bedenken, dass es "gruppenbezogene
Menschenfeindlichkeit" nicht nur innerhalb der deutschen Gesellschaft gebe.
"Auch Schüler deutscher Sprache und Herkunft bekommen es mit ihr in
Klassenzimmern und auf Schulhöfen zu tun. 'Schweinefleischfresse' ist zu
einem verbreiteten Schimpfwort geworden; wer 'Christian' heißt, kann
Probleme mit muslimischen Mitschülern bekommen, weil in seinem Namen das
Wort 'Christ' steckt." So etwas solle die Überzeugung zum Ausdruck bringen,
dass der Islam überlegen sei.

"Nur noch der Islam nimmt heute einen Absolutheitsanspruch für sich in
Anspruch", so Huber. Was landläufig "Multikulti" genannt werde, begnüge sich
oft nur mit einem bloßen Nebeneinander der Kulturen, kritisiert Huber. "Die
Pflicht, die jeweilige Sprache zu lernen, entspringt gerade nicht der
Erwartung einer kulturellen Unterwerfung, sondern dem universalistischen
Prinzip, zur Kommunikation bereit zu sein."

Zum Thema Toleranz meint Huber: "Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist
nicht ganz dicht." Er fügt hinzu: "Wer die Freiheiten einer
rechtsstaatlichen Ordnung in Anspruch nehmen will, ist aufgefordert, auch
das Seine zur Bewahrung und Verteidigung dieser Freiheit beizutragen." Dazu
gehöre auch die Religionsfreiheit. Es sei "auch für das interreligiöse
Gespräch in Deutschland nicht gleichgültig, ob islamische Länder die
Religionsfreiheit der Nicht-Muslime achten oder nicht".

Huber wünscht sich "Weiterentwicklungen des Islam". Denn bis heute habe der
Islam "kein überzeugendes Konzept der Toleranz" entwickelt. Das wiederum sei
"eines der größten Integrationshemmnisse".



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