22.01.2011
Religionsfreiheit: Es sind nicht nur Christen betroffen
UN-Religionsberichterstatter Bielefeldt erklärt, warum Christenverfolgung ein heikler Begriff ist
Religionsfreiheit: Es sind nicht nur Christen betroffen
UN-Religionsberichterstatter Bielefeldt erklärt, warum Christenverfolgung
ein heikler Begriff ist
Tagesspiegel, 23.01.2011 16:59 Uhr - Das Massaker an koptischen ägyptischen
Christen an Neujahr schien einen Eindruck zu bestätigen, der sich seit
geraumer Zeit verfestigt: Es gibt eine neue Form der Christenverfolgung.
Schließlich ist die Lage der Christen ausgerechnet im Nahen Osten, wo das
Christentum entstand, schon lange dramatisch. Die christliche Minderheit
dort schrumpft und leidet etwa im Irak seit dem Krieg unter Morden und
Diskriminierung; selbst in der laizistischen Türkei ist ihre
Religionsfreiheit beschränkt. Aber auch in Indonesien wurden erst kürzlich
Protestanten angegriffen.
Herr Professor Bielefeldt, gibt es eine neue Christenverfolgung?
Zunächst und vor allem: Die aktuell hohe Aufmerksamkeit für die Lage der
Kopten und der Christen im Nahen Osten überhaupt, ist wichtig und sollte
anhalten.
Gerade Ägypten gegenüber hat der Westen die Augen zu lange verschlossen,
weil man das Land für einen Anker der Stabilität in der Region hielt. Die
ägyptischen Kopten leiden schon seit Jahrzehnten unter systematischer
Diskriminierung. Zum Beispiel werden Genehmigungen für die Renovierung von
Kirchen oft jahrelang verschleppt. Im öffentlichen Dienst sind die Kopten
dramatisch unterrepräsentiert. Und obwohl sie in den letzten Jahren immer
wieder Opfer von Gewalt wurden, hat es nur ganz wenige Gerichtsurteile gegen
die Täter gegeben. Mit dem Begriff Christenverfolgung wäre ich trotzdem eher
zurückhaltend.
Wieso?
Es geht um Verletzungen des universalen Menschenrechts auf
Religionsfreiheit, von denen vielfach Christen betroffen sind, aber eben
auch Angehörige anderer Minderheiten wie etwa die Bahai. Darüber hinaus
werden auch innerislamische Minderheiten oder muslimische Dissidenten in
Ägypten und anderen Ländern der Region unterdrückt. Und schließlich gibt es
ja auch Menschen, die sich der Religion gegenüber generell distanziert
verhalten. Auch deren Freiheit muss gewährleistet werden. Religionsdistanz
oder gar Religionslosigkeit ist aber in Staaten wie Ägypten nicht
vorgesehen.
Die Zahlen scheinen aber eine andere Sprache zu sprechen. Es gibt die These,
die auch Papst Benedikt vertritt, dass Christen weltweit die meistverfolgte
Glaubensgemeinschaft sind. Stimmt das?
Quantitative Schätzungen in diesem Zusammenhang sind schwierig und sollten
vorsichtig interpretiert werden. Häufig liest man die Zahl von 100 Millionen
oder mehr verfolgten Christen. Soweit ich das verstanden habe, werden dabei
alle Christen, die als Minderheiten in solchen Staaten leben, die die
Religionsfreiheit missachten, pauschal addiert. Sofern es sich dabei um
muslimisch geprägte Staaten handelt, wird meines Wissens gleichzeitig
vorausgesetzt, dass für Muslime keinerlei Probleme in Sachen
Religionsfreiheit gegeben seien eine, wie ich finde, unzulässige Annahme.
Außerdem wäre es wichtig, bei der Analyse der Lage der verschiedenen
Religionsgruppen interne Unterschiede angemessen zu berücksichtigen.
Welche meinen Sie?
In manchen Staaten des Nahen Ostens werden etwa protestantische Christen mit
besonderem Misstrauen betrachtet, weil sie im Rufe stehen, aktive Mission zu
betreiben was oft staatlich nicht toleriert wird, obwohl die
Religionsfreiheit auch das Recht auf aktive Glaubensverkündigung umfasst.
Besonders schwierig ist vielerorts auch die Situation der Zeugen Jehovas,
die zu den weltweit am stärksten verfolgten Gruppen gehören.
Uns im Westen stecken beim Stichwort Christenverfolgung vermutlich die
Hollywood-Bilder der fünfziger Jahre im Kopf, wilde Tiere im Kolosseum,
denen der Kaiser standhafte Christen zum Fraße vorwirft. Wie weit trägt der
Begriff heute?
Solche Assoziationen gehen in die Irre. Das alte Rom war im Umgang mit
religiösem Pluralismus ausgesprochen pragmatisch und überhaupt nicht
gesinnungspuristisch. Die Christen wurden verfolgt, insofern sie den
kultischen Loyalitätsbeweis gegenüber Kaiser und Staat verweigerten.
Zeitgenössischen Fundamentalisten geht es demgegenüber um Einheit und
Reinheit in religiösen Fragen. Sie bedrohen deshalb zum Beispiel in
Indonesien nicht nur Christen, sondern alle, die nicht in ihr Schema von
reiner Lehre und reinem Lebenswandel passen: Andersgläubige, liberale
Muslime, Homosexuelle, kritische Geister jedweder Art.
Das klingt, im negativen Sinne, ziemlich modern.
Der heutige Fundamentalist begnügt sich, anders als Kaiser Diokletian
damals, eben nicht mit ein paar Körnchen Weihrauch für den Staatskult.
Vielmehr geht es um systematische Gesellschaftspolitik, in der religiöse
Imperative und technokratische Vorstellungen von social engineering in
paradoxer Weise verbunden werden. Insofern hat der religiöse
Fundamentalismus unverkennbar moderne Züge, auch wenn er alle liberalen
Errungenschaften der Moderne bekämpft.
Das Gespräch führte Andrea Dernbach.
Heiner Bielefeldt (52) war Gründungsdirektor des Instituts für
Menschenrechte.
Seit 2010 ist der Historiker und katholische Theologe
UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit.
www.tagesspiegel.de/politik/es-sind-nicht-nur-christen-betroffen/3726
706.html