21.03.2011

Japan nach der Katastrophe: Beten zu wem?

Ein Kommentar von Dr. Jürgen Schuster, Dozent für Interkulturelle Theologie an der Internationalen Hochschule Liebenzell i. Gr. Er war von 1983 bis 1998 als Missionar nördlich von Tokio tätig.

Japan nach der Katastrophe: Beten zu wem?

Ein Kommentar von Dr. Jürgen Schuster, Dozent für Interkulturelle Theologie an der Internationalen Hochschule Liebenzell i. Gr. Er war von 1983 bis 1998 als Missionar nördlich von Tokio tätig.

 

Angesichts der Schreckensnachrichten aus Japan ist immer wieder dieser Satz zu hören: „Jetzt hilft nur noch beten.“ Selbst der Nachfahre der „Sonnengöttin“ und „Himmlische Herrscher“ (Tenno), Kaiser Akihito, sagte in seiner überraschenden Fernsehansprache, er bete für die Sicherheit der Menschen. Doch zu wem betet er? Was gibt den Japanern Halt angesichts der Katastrophe?  

Auch Japaner kennen das Sprichwort „Not lehrt beten“. Wenn ihnen eine Krisensituation über den Kopf zu wachsen droht, dann wenden sie sich an ihre Götter: „Kurushii toki no kamidanomi“ („in der Not die Götter bitten“). Allerdings gehen sie grundsätzlich anders als wir Mitteleuropäer an Bedrohungen heran. Die japanische Autorin Hisako Matsubara spricht von der „Bambusweisheit“: Man muss sich nicht jedem Sturm wie eine trotzende Eiche entgegenstellen, denn wird der Wind zu stark, bricht die Eiche zwangsläufig ab. Bambus hingegen biegt sich vor dem Sturm und richtet sich anschließend wieder auf. „Biegsam sein und sich unter dem Ansturm einer Gefahr neigen“, nennt Matsubara deshalb eine alte japanische Volksweisheit. „Ganbare!“, heißt es in der Krise: „Halte durch!“ Japaner ziehen den Kopf ein, um sich in der Katastrophe zu schützen, und warten ab, bis der Sturm vorüber ist.

Trotzdem verfallen sie dabei nicht in eine unbewegliche Starre. Ganz im Gegenteil: Die meisten Japaner versuchen, einen Zustand der Normalität so schnell wie möglich wieder herzustellen. Man geht weiter zur Arbeit und zur Schule, soweit das möglich ist. Eine Gesellschaft, in der die Menschen ihre Sicherheit aus etablierten Abläufen im gesellschaftlichen Leben gewinnen, tut gut daran, so weit wie möglich an einer solchen Normalität festzuhalten.

Anders als bei dem letzten schweren Erdbeben in Kobe im Januar 1995 hat diesmal auch die Regierung schnell reagiert. Normalerweise werden Entscheidungen in Japan als Konsensentscheidungen getroffen, an denen alle Verantwortlichen beteiligt sind. Um die Entscheidungs­prozesse zu beschleunigen, hat Ministerpräsident Naoto Kan kurz nach Bekanntwerden der Katastrophe in Fukushima höchstpersönlich die Verantwortung für die notwendigen Maßnahmen am Atomreaktor übernommen.

Unter den „Helden“ sind auch Christen

Selbstverständlich ist auch bei Japanern die Angst vor einer radioaktiven Verstrahlung groß. Die äußere Ruhe darf nicht über eine innere Unruhe und Hilflosigkeit hinwegtäuschen. Umso größeren Respekt verdienen die Männer, die sich freiwillig für die Arbeiten an den Katastrophenreaktoren in Fukushima zur Verfügung gestellt haben. Hier zeigt sich ein tiefes Verantwortungsbewusstsein für das Wohl der Allgemeinheit, das in unserer individualisierten Gesellschaft weit weniger stark ausgeprägt ist und von vielen Europäern vermutlich nicht wirklich verstanden wird. Unter diesen Männern sollen auch einige Christen sein.

Schintoismus: bestimmt von Geistern

An wen wenden sich die Japaner mit ihrer Angst angesichts einer solchen Katastrophe? Diese Frage lässt sich zwar mit einem einfachen Wort beantworten: an ihre kami, ihre Götter. 8 Millionen kami zählt man im Schinto, der traditionellen Religion Japans. Schintoismus ist eine Form des Animismus, d. h. eine Glaubensüberzeugung, nach der Geistwesen aus der unsichtbaren Welt Einfluss nehmen auf die Welt der Menschen und der Natur. Damit ist aber die Frage nach der Gottesvorstellung der einzelnen Japaner noch nicht beantwortet. Die Vorstellungen sind sehr verschieden, denn die Volksreligiosität in Japan kennt keine einheitliche Gotteslehre. Viele verbinden Bilder ihrer verstorbenen Eltern mit den kami. So wie man sich zu Lebzeiten an die Eltern wenden konnte mit einer Bitte um Hilfe, so kann man das auch nach ihrem Tod tun. Dazu passt, dass sich nach japanischer Vorstellung die Seele eines verstorbenen Menschen in der unsichtbaren Welt wachstümlich entwickelt: von einer hilflosen Totenseele, die angewiesen ist auf die Gebete und Riten der Hinterbliebenen, hin zu einem Zustand spiritueller Vollkommenheit, in dem die Seele selber den Status eines kami erreicht. Dabei sind diese kami keinesfalls allmächtig. Es sind auch Gottesvorstellungen denkbar, in denen sich die eigene Mutter oder der eigene Vater mit Tränen in den Augen bei den hinterbliebenen Angehörigen entschuldigt, dass sie bzw. er nicht in der Lage war, sie vor dem Unglück zu bewahren, so die Vorsitzende der deutsch-japanischen Gesellschaft in Karlsruhe, Teruko Matsushima-Fritz, sinngemäß in einem Radio-Interview. Die Götter werden auf diese Weise sehr menschlich gedacht.

Buddhismus: vom Wachstum der Totenseele

Neben dem Schintoismus bestimmt der Buddhismus in Japan die religiöse Vorstellungswelt. Während lebensfrohe Ereignisse wie die Hochzeit oder die Geburt eines Menschen von den meisten Japanern mit Schinto-Riten begangen werden, sind alle Rituale, die sich mit dem Tod und der Erinnerung an Verstorbene beschäftigen, einer der vielen Ausdrucksformen des Buddhismus in Japan zuzuordnen. Die oben erwähnte Überzeugung, dass sich eine Totenseele im Jenseits wachstümlich entwickeln muss – aus einem Zustand des Angewiesenseins auf die Hinterbliebenen (wie ein Säugling nach der Geburt) hin zu einem eigenständigen, vollkommenen spirituellen Wesen – , findet im Buddhismus ihren konkreten Ausdruck in der rituellen Begleitung. Ein solches Wesen kann – je nach religiösem Kontext – als hotoke (buddhistische Bezeichnung für den Zustand eines vollkommenen Geistwesens) oder als kami (schintoistischer Begriff für ein spirituelles Wesen oder eine Gottheit) bezeichnet werden. Diese vollkommenen Geistwesen können rettend und helfend in die Geschehnisse dieser Welt eingreifen.

Ein großes Problem bei einer Naturkatastrophe ist für die Japaner: Viele Menschen wurden mitten aus dem Leben gerissen, ohne dass sie ihr Leben zu einem erfolgreichen und zufriedenen Abschluss bringen konnten. Die Entwicklung ihrer Seelen im Jenseits ist dadurch gefährdet. Sie brauchen in besonderer Weise die Gebete und Fürsorge der Hinterbliebenen. So ist nach der Katastrophe von den Überlebenden nicht nur der Schmerz über die verlorenen Angehörigen zu verarbeiten. Sie tragen auch Verantwortung dafür, dass sich die Seelen der Verstorbenen im Jenseits auf gesunde Weise weiterentwickeln und schließlich den Status eines hotoke oder kami erreichen können. Geschieht das nicht, besteht die Gefahr, dass solche Geister in ihrem Unmut Unglück über die Familie bringen! Die Übernahme von Verantwortung für die Seelen derer, die die Krise nicht überstanden haben, gehört dabei für die Überlebenden so selbstverständlich dazu wie der Wiederaufbau der äußeren Lebensbedingungen. Allerdings setzt sie diese Verantwortung auch massiv unter Druck, ihre Riten nicht zu vernachlässigen. Dazu wird es nötig sein, den verloren gegangenen buddhistischen Hausaltar zu ersetzen, um der Toten zu gedenken und ihren Seelen eine ungebrochene Entwicklung im Jenseits zu ermöglichen.

Jeder ist allein mit seinen Göttern

In diesem diffusen religiösen Kontext erleben Missionare immer wieder, dass sich Menschen in einer konkreten Notsituation mit der Bitte an sie wenden: „Bete für mich (zu deinem Gott)!“ Oder sie äußern sich dankend, weil das Gebet eines Christen ihnen Trost gespendet hat. Hier gewinnt man den Eindruck, dass die nebulösen Gottesvorstellungen der japanischen Volksreligiosität Menschen in der Krise keinen wirklichen Halt geben. Solange das Leben normal verläuft, vermitteln die religiösen Riten einen Sinn von Sicherheit im Umgang mit der unsichtbaren Welt. In der Not können Japaner nur darauf hoffen, dass die kami ihnen immer noch gewogen sind und ihnen helfen werden, die Krise – wie ein Bambus – zu überstehen.

Die Krise könnte eine Chance für die christliche Mission sein

In einer Katastrophe, wie Japan sie gerade erlebt, bietet auch der christliche Glaube keine für den Verstand greifbaren Antworten auf das „Warum?“. Aber wir Christen können in der Krise gerade auch mit unseren Anfragen und Anklagen diesen einen, persönlichen Gott bestürmen: „Warum lässt du, mein Gott, das zu? Kyrie eleison. Herr, erbarme dich.“ Den christlichen Glauben trägt die Grundgewissheit, dass Gott auch dann, wenn sein Handeln gegen mich gerichtet zu sein scheint, mein Vater ist, bei dem ich mich bergen kann. Es sollte unsere Bitte als Christen sein, dass Menschen in Japan durch den Schleier ihrer Tränen hindurch den einen Gott als diesen Vater erkennen, an den sie sich mit ihrer Klage wenden können, der ihnen Trost gibt – und der sie mit einer Hoffnung beschenkt, die ihr irdisches Leben prägt und die sie begleitet bis hinein in die neue Schöpfung, wo Gott selber „alle Tränen abwischen wird von ihren Augen“ (Offenbarung 21,4).

 Quelle: idea