01.07.2025
Syrien: Eine neue Zeit der Ungewissheit und des Martyriums
Erzbischof Tobji zur Gegenwart der syrischen Christen
(Von Gianni Valente für fidesdienst) Aleppo (Fides) - Neun Tage sind seit dem Massaker an mindestens 25 Christen vergangen, die während der Teilnahme an einer Messe in der griechisch-orthodoxen St. Elias-Kirche in Damaskus getötet wurden. Und dieses Massaker wird für immer mit dem Stigma des Märtyrertums der syrischen Christen im Syrien nach dem Sturz des Assad-Regimes verbunden bleiben.
„Nach dem Massaker“, bestätigt Joseph Tobji, der maronitische Erzbischof von Aleppo, gegenüber Fides, „schrieben sie an die Wand einer Kirche im Bezirk Hama die Worte ‘auch ihr werdet bald an der Reihe sein‘“. Jemand will es so aussehen lassen, als ob das erst der Anfang wäre. „Man schickt mir Fotos von Flugblättern, die an christlichen Häusern angebracht sind und auf denen ‚Syrien muss gereinigt werden‘ steht, mit Zeichnungen von Bomben und Kalaschnikov-Gewehren. Eine Einschüchterung, die an die Inschriften an den Häusern der Christen in Mosul erinnert. Das sind die Dinge, die unter Christen kursieren. Vielleicht sind es nicht einmal echte Fotos, sondern jemand generiert sie mit künstlicher Intelligenz und schickt sie im Netz herum. Aber die Angst, die sie erwecken, ist echt”.
Erzbischof Tobji beschreibt eine Situation, die für die syrischen Christen voller Ungewissheiten ist. „Diejenigen, die jetzt das Sagen haben, sagen uns immer, dass die Christen nicht angetastet werden dürfen, dass sie ein wesentlicher Bestandteil des Landes und der syrischen Gesellschaft sind“, betont er, „Zu Weihnachten und Ostern schickten sie ihre Sicherheitseskorten, um Messen in Kirchen und bei Prozessionen zu schützen. Die Sicherheitsdienste haben bereits Schutzmaßnahmen und -systeme auf den Weg gebracht. Wenn wir sie rufen, kommen sie. Aber die Menschen glauben nicht daran. Angst und Verzagtheit herrschen vor“. Denn es ist klar, dass „nicht alle Fraktionen und bewaffneten Gruppen auf diejenigen hören, die jetzt die Regierung stellen“.
Der derzeitige Präsident Ahmed al-Sharaa, führte unter dem Namen Abu Mohammad al-Dscholani, führte die „Hayat Tahrir al Sham“ (HTS) an, die an der Offensive beteiligt war, die zum Sturz des Regimes von Bashar al-Assad in den Jahren des Syrienkriegs führte.
“Im heutigen Syrien“, räumt Erzbischof Tobji ein, “unterstützt nicht einmal ein großer Teil der syrischen Muslime die mögliche Errichtung eines islamistischen Regimes. Aber die islamistische Mentalität zeigt sich im Detail. Sie hat Auswirkungen auf das tägliche Leben. Mit Aufzügen, die für Männer reserviert sind, und solchen, die für Frauen reserviert sind, in staatlichen Ämtern mit Schaltern für Frauen und anderen für Männer, und so weiter“.
„Vor ein paar Tagen gingen ein Junge und ein Mädchen abends die Straße entlang, ein Mann hielt sie an und fragte sie, warum sie zusammen seien. Sie antworteten, dass sie verlobt sind, und er fing an, sie zu befragen, er verlangte, dass jemand das bestätigt, er ließ sie die Mutter von einem der beiden anrufen und fing an, auch sie zu befragen, wobei sie bestätigte, dass der Junge und das Mädchen verlobt sind... Bei solchen Episoden beginnen viele zu sagen: Das ist nicht mehr unser Land. So viele junge Leute suchen ständig nach einem Visum, um ins Ausland zu gehen, um einer Situation zu entkommen, die sie für unwiederbringlich halten“, berichtet der Erzbischof.
„Die katholischen Bischöfe“, so Erzbischof Joseph Tobji, “haben gemeinsam darüber nachgedacht, wie sie sich in dieser Zeit verhalten sollen“. „Wir teilen den Gedanken, dass, wenn der Herr uns hier, im Syrien des Jahres 2025, festhält, er in dieser Situation etwas von uns will, dass wir uns nicht verstecken oder zuschauen sollen: Es gibt einen Ruf des Herrn, der von uns ein Handeln verlangt“, betont er.
Aus diesem Grund brachten die katholischen Bischöfe von Aleppo ein Komitee auf den Weg, um den Dialog mit allen Teilen des Landes zu fördern. Vor einigen Wochen organisierte das Komitee eine dreitägige Konferenz, um im Namen der nationalen Versöhnung über die Gegenwart und Zukunft Syriens zu diskutieren. „Wir haben auch einige derjenigen eingeladen, die die Verfassungserklärung redigiert haben. Wir haben frei gesprochen. Es wurde auch Kritik an der derzeitige Regierung kritisierten geübt und andere brachten ihre Unterstützung zum Ausdruck. Aber das war nur der Anfang eines Prozesses. Jetzt untersuchen wir, wie wir Wege finden können, um Frieden und Versöhnung zu fördern“.
Es ist offensichtlich, dass die derzeitige regierende Gruppe nicht alle bewaffneten Gruppierungen und Gebiete kontrolliert. Große Teile des Landes stehen unter der Kontrolle von Kurden und Drusen. „Es gibt keine Polizei auf den Straßen, die Situation ist verfahren und die neuen Machthaber sind in Politik und Verwaltung noch unerfahren“, sagt der maronitische Erzbischof von Aleppo, “Manchmal treffen sie Entscheidungen, die an der Realität vorbeigehe. Sie haben Tausende und Abertausende von Beamten entlassen, indem sie sie massenhaft als korrupt abstempelten oder sie für überflüssig erklärten. Und nun wissen die Familien dieser ehemaligen Mitarbeiter des Apparats nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Brot kostet nach wie vor zehnmal mehr als früher, und die Menschen kommen ohne Brot nicht über die Runden. Alle beklagen sich immer noch über den Mangel an Strom, Wasser, und für das schon seit vielen Jahren. Das Schlimmste sind die teuren Preise für Medikamente, Arztpraxen und Mieten“.
Erzbischof Tobji hat sich bereits viermal mit Präsident el-Scharaa getroffen. „Wenn er mit uns spricht“, sagt er gegenüber Fides, “zeigt er, dass er fortschrittliche Visionen hat. Aber ich weiß nicht, ob es ihm gelingen wird, das zu tun, was er sagt, dass er es tun will. Ich hoffe es“.
In der Zwischenzeit wurden die Sanktionen, die zu Zeiten Assads gegen Syrien verhängt wurden, zwar aufgehoben, aber im Land - so Tobji - „haben wir noch keine positiven Auswirkungen gespürt. Es ist die Rede von Geschäftsleuten, die kommen, um zu investieren. Wenn sich die Wirtschaft verbessern würde, würde sich alles ändern. Aber bis jetzt gibt es keine beruhigenden Anzeichen“.
In Syrien bietet sich das einzigartige Szenario einer von dschihadistischen Gruppen angeführten Machtstruktur, die in den Ländern des nordatlantischen Westens Rückhalt und politische Anerkennung findet. „Syrien“, so Erzbischof Tobiji, “hat eine Kehrtwende vollzogen. Früher wurde das Regime von Russland und dem Iran unterstützt, jetzt wird die el-Scharaa-Regierung von den USA und Europa unterstützt. Aber ich glaube, dass es in diesen Szenarien und bei diesen Frontverschiebungen keine ewigen Verbündeten, keine ewigen Freundschaften gibt. Es sind die Interessen, die die Dinge bewegen“.
(Fides 1/7/2025)
ASIEN/THAILAND - Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke zur Suspendierung der Premierminsterin: “Die Rechtsstaatlichkeit ist gewährleistet”
Bangkok (Fides) - „Die Straßenproteste haben einen Tag gedauert und jetzt ist wieder Ruhe in Bangkok eingekehrt. Ich glaube, dass der Prozess der Ablösung des Premierministers in Übereinstimmung mit der Rechtsstaatlichkeit und den Regeln der Demokratie fortgesetzt wird. Die Hoffnung des thailändischen Volkes ist es, die Grenzprobleme mit Kambodscha schnell zu lösen und die Situation wieder in die Sphäre der guten Beziehungen zwischen den beiden Nationen zu bringen“, so der Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke (POM) in Thailand, Pfarrer Peter Piyachart Makornkhanp, im Interview mit Fides.
Das Land ist erschüttert durch das jüngste Urteil des Verfassungsgerichts, das die Premierministerin Paetongtarn Shinawatra suspendierte, der wegen „ethischer Verstöße“ bei der Pflege der Beziehungen zu Kambodscha angeklagt war. Die Suspendierung - so wurde bekannt gegeben - gilt „bis zur Entscheidung des Verfassungsgerichts“, die mehrere Wochen oder Monate dauern kann. Das Gericht reagierte auf eine Petition von 36 Senatoren, nachdem ein Telefongespräch zwischen der Regierungschefin und dem ehemaligen kambodschanischen Premierminister Hun Sen öffentlich gemacht worden war, in dem Shinawatra den thailändischen Armeechef als „Gegner“ bezeichnete. Politisch war die 38-jährige Premierministerin - Tochter des ehemaligen Premierministers Thaksin Shinawatra - bereits geschwächt, nachdem die wichtigste Partei in der Regierungskoalition, die Bhumjaithai („Thailändischer Stolz“), ihr vor zwei Wochen die Unterstützung entzogen hatte. Es folgte eine Regierungsumbildung
Jüngst war der Territorialstreit mit Kambodscha wieder Thema, der zu grenzüberschreitenden Zusammenstößen führte, bei denen ein kambodschanischer Soldat ums Leben kam (vgl. Fides 24/6/2025). Der Premierministerin wird nun vorgeworfen, die Armee zu schwächen und gegen die Verfassungsbestimmungen zu verstoßen, die „Integrität“ und „ethische Standards“ verlangen.
Pfarrer Piyachart Makornkhanp bemerkt dazu gegenüber Fides: „In den Beziehungen zwischen Thailand und Kambodscha tauchen manchmal sehr alte gegenseitige Vorurteile auf. Aber im Leben und Denken der einfachen Leute gibt es heute keine Probleme, es werden gute Beziehungen gepflegt, die intensive wirtschaftliche und soziale Verbindungen hervorbringen, besonders in den Grenzgebieten. Bei einigen der Feindseligkeiten geht es um die Beziehungen zwischen einigen politischen Führungskräfte, nicht um die Menschen“.
Der Nationaldirektor berichtet weiter, dass „auf kirchlicher Ebene ausgezeichnete Beziehungen und eine fruchtbare pastorale Zusammenarbeit zwischen den Kirchen Kambodschas und Thailands bestehen: Wir haben derzeit mehrere thailändische Priester und Ordensleute, die in Kambodscha leben und arbeiten. Wir hoffen, dass die Spannungen nachlassen und sich die Situation mit der Wiedereröffnung der Grenzen normalisiert“.
Der Bangkoker Priester weist auch darauf hin, dass „viele thailändische Menschen und Organisationen, darunter auch die Caritas, ihr Bestes tun, um sich um die Kambodschaner zu kümmern, die als Vertriebene in Thailand gestrandet sind und wegen der Schließung der Grenzen nicht nach Kambodscha zurückkehren können. Dies ist ein sehr schönes Zeichen der Solidarität, das das Wesen der Beziehung zwischen den beiden Völkern zum Ausdruck bringt“, schließt er.
(PA) (Fides 1/7/2025)