23.05.2025

Frankreich: Sicherheitsbehörden geben Alarm – Islamismus "von unten" bedroht den nationalen Zusammenhalt.

Gemäß einem aktuellen Bericht beabsichtigt die Muslimbruderschaft, die französische Gesellschaft grundlegend zu verändern.

 

IIRF-D/NZZ/Tübingen/23.05.25 - Mit einem Beitrag von Daniel Steinvorth, Paris, berichtet die NZZ vom 22.05.2025 von erschütternden Ergebnissen eines vom französischen Innenministerium in Auftrag gegebenen Berichts. Kenner der Muslimbruderschaft und ihrer Ziele werden weniger überrascht gewesen sein von den Schlussfolgerungen des Berichts. Es geht um folgendes:

Vor vier Jahren hat Frankreich mit einem Gesetz zur Stärkung der Prinzipien der Republik den militanten Islamismus ins Visier genommen. Nach dem Mord an dem Lehrer Samuel Paty durch einen jungen Tschetschenen und weiteren Terrorattacken im Herbst 2020 sah sich Präsident Emmanuel Macron veranlasst, konkrete Maßnahmen zu ergreifen.

Die Regierung unternahm Schritte, um den Einfluss des "separatistischen Islam" einzudämmen, darunter verstärkte Kontrollen religiöser Vereine, strengere Auflagen für Privatschulen sowie Maßnahmen gegen Zwangsehen und sogenannte Jungfräulichkeitszertifikate. Der Begriff bezieht sich auf eine Weltanschauung, die sich von den Werten der Republik abgrenzt und die Bildung einer Parallelgesellschaft fördert. Dabei wurden mindestens 139 Moscheen identifiziert, die von den Auswirkungen betroffen sind.

Es ist jedoch fraglich, ob das Anti-Separatismus-Gesetz die Akzeptanz für Frankreichs laizistische Ordnung gestärkt hat. Ein neuer, brisanter Bericht über die Aktivitäten der Muslimbruderschaft in Frankreich legt das nicht unbedingt nahe. Das 75 Seiten lange Dokument wurde im Auftrag des französischen Innenministeriums erstellt und am Mittwoch im Rahmen einer Sitzung des Rats für nationale Verteidigung vorgestellt. Kurz darauf forderte Macron die Regierung auf, angesichts der "Schwere der Fakten" konkrete Vorschläge zu formulieren.

Der Bericht kommt, wir die NZZ berichtet, zu dem Schluss, dass die Entwicklung eines Islamismus "von unten", das heißt auf der Ebene von Vereinen und Kommunen, eine potenzielle Bedrohung für den nationalen Zusammenhalt darstellt. Die Muslimbruderschaft verfolgt hier das Ziel einer "langfristigen Transformation der französischen Gesellschaft im Sinne eines islamistischen Weltbilds".

Wie in der Presse zu lesen war, handelt es sich bei den Autoren um zwei hochrangige Beamte. Im vergangenen Jahr bereisten sie zehn französische Regionen sowie vier europäische Länder, um dort Gespräche mit rund 45 Forschern, Behördenvertretern sowie muslimischen Organisationen zu führen. Ziel war es, Informationen über die Präsenz und Wirkung der Islamisten zu sammeln. Im Visier standen dabei vor allem Vertreter der Organisation "Musulmans de France", der direkten Nachfolgerin der "Union des organisations islamiques de France". Letztere wird der internationalen Bewegung der Muslimbruderschaft zugerechnet.

Gemäß dem Bericht sind derzeit 139 Moscheen offiziell mit den "Musulmans de France" verbunden. 68 weitere gelten als nahestehend. Hinzu kommen rund 280 Vereine, die in Bereichen wie Bildung, Jugendarbeit und Wohlfahrt tätig sind. Etwa 91 000 Gläubige besuchen regelmäßig die Moscheen. Als Kern der Bewegung identifizieren die Autoren eine Gruppe von 400 bis 1000 besonders loyalen Mitgliedern. Der Bericht enthält zudem Angaben zur finanziellen Basis der Organisation. Die Finanzierung der Bewegung erfolgt hauptsächlich durch Spenden aus dem Inland, Mitgliedsbeiträge und Einnahmen aus wirtschaftlichen Aktivitäten einzelner Vereine. Darüber hinaus gibt es Anzeichen für punktuelle Unterstützung durch ausländische Geldgeber, insbesondere aus Katar.

Besonders hervorzuheben ist der Einfluss der Muslimbruderschaft im Bildungsbereich: 21 Privatschulen in Frankreich mit rund 4200 Schülern werden ihr nahestehend betrachtet. Ein prominentes Beispiel ist das Lycée Averroès in Lille, das wegen des Vorwurfs illegaler Finanzierung unter Beobachtung steht. Auch das Lycée Al-Kindi bei Lyon ist Gegenstand der Untersuchung der Behörden. Zusätzlich gibt es 114 Koranschulen, die direkt der Bruderschaft unterstellt sind.

 

Der Bericht des Innenministeriums erwähnt auch die außerschulische Indoktrinierung durch junge Prediger, die ihre Botschaften über soziale Netzwerke verbreiten. Namentlich genannt wird Marwan Muhammad, der ehemalige Präsident des sogenannten Kollektivs gegen Islamophobie in Frankreich. Er lebt heute im kanadischen Exil. Laut einiger Quellen wird über ihn und andere Prediger ein ideologisches Milieu geschaffen, das religiöse Radikalisierung auch außerhalb von Moscheen ermöglicht. Hierbei handelt es sich um kulturelle Parallelstrukturen.

Es wird behauptet, dass Organisationen wie "Humani'terre", die ausschließlich caritativ tätig sind und gegen die wegen möglicher Finanzflüsse zur Hamas ermittelt wird, das "Ökosystem" der Bruderschaft ergänzen. Die Autoren stellen fest, dass die Muslimbrüder soziale Dienstleistungen, Halal-Zertifizierungen und "islamkonforme Finanzprodukte" schrittweise dazu einsetzten, kulturelle Parallelstrukturen aufzubauen.

Diese Strategie, diskret und auf niedriger Ebene in Sport-, Kultur- und andere Vereinigungen zu infiltrieren, wird in der französischen Diskussion auch als "Entrismus" bezeichnet. Hierbei handelt es sich um einen Begriff, der ursprünglich aus dem Trotzkismus stammt. Hinter dieser Fassade verbirgt sich ein janusköpfiges Auftreten: Die Organisation präsentiert sich nach außen hin gesetzestreu, während im inneren Führungszirkel geheime strategische Funktionen ausgeübt werden. Öffentliche Vertreter der Bruderschaft vermeiden offene Konfrontationen und überlassen stattdessen Partnern wie dem mittlerweile aufgelösten Kollektiv gegen Islamophobie die Auseinandersetzung um strittige Themen.

Die Aktivitäten der Mutterorganisation der «Ikhwan al-Muslimin» in Ägypten reichen in Frankreich bis in die 1950er Jahre zurück. Nach den Repressionen im Nahen Osten fanden führende Kader wie Saïd Ramadan in Europa Zuflucht und gründeten dort islamische Zentren. Die Bewegung formulierte früh das Ziel, den Islam als umfassendes Regelwerk auch in westliche Gesellschaften zu integrieren, oft verborgen hinter zivilgesellschaftlichem Engagement und interreligiösem Dialog.

Der Bericht fordert von Staat und Öffentlichkeit eine neue Aufmerksamkeit für das Phänomen. Während der Fokus der Sicherheitsbehörden bislang auf akuten Terrorgefahren gelegen habe, agiere die Bruderschaft schleichend und mit dem Ziel, Gesellschaften auf Dauer "Scharia-kompatibel" zu machen. Die größte Herausforderung besteht in der Langfristigkeit des Vorhabens sowie dem geschickten Wechsel zwischen legaler Taktik und ideologischem Ziel.

Vertreter der "Musulmans de France" protestierten umgehend gegen die "unbegründeten Anschuldigungen". Auch andere Stimmen warnten am Mittwoch vor einer "gefährlichen Vermischung von Islam und Radikalismus". Der Frontmann der linksradikalen Partei La France insoumise, Jean-Luc Mélenchon, warnte vor den Gefahren, die durch die zunehmende Islamophobie in Frankreich entstehen.

(Beitrag überarbeitet von IIRF-D)

Quelle: https://www.nzz.ch/international/ein-bericht-warnt-vor-dem-einfluss-der-muslimbrueder-in-frankreich-ld.1885588?utm_source=MoEngage&utm_medium=EMAIL&mktcid=nled&mktcval=124&kid=nma&ga=1