11.09.2025

Deutschland: Mission im Brennpunkt

Bremen: Die Abraham-Gemeinde in Bremen-Kattenturm verkündet das Evangelium in einem sozialen Brennpunkt – mit klaren Botschaften, praktischer Hilfe und theologischer Distanz zur Landeskirche. IDEA-Redakteur Daniel Scholaster hat die Gemeinde besucht.

(IDEA) Vor der Silhouette der vielen dunklen Hochhäuser wirkt die Abraham-Gemeinde in Bremen-Kattenturm erfrischend warm. Neben dem Gemeindezentrum zeigt sich ein buntes Bild: Kinder toben zwischen aufgestellten Bänken, Eltern unterhalten sich, aus einem Festzelt dringen Lieder und Gebete: Es ist Evangelisationswoche in der evangelisch-lutherischen Gemeinde. Viele Besucher sind Bremer, die schon ihr ganzes Leben im Viertel wohnen und zur Gemeinde gehören. Aber auch eine junge Familie mit Fahrrädern oder eine Muslima mit ihren Kindern sind gekommen. Pastor Rüdiger Kurz predigt mit fester Stimme. Seit 25 Jahren arbeitet der 60-Jährige im Viertel und ist überzeugt, dass Gott auch hier wirkt.

Der Stadtteil kämpft seit Jahrzehnten mit Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Mitten in diesem sozialen Brennpunkt beginnt vor 50 Jahren die Geschichte der Gemeinde. Sie wurde 1975 von Pastor Reinhard Schubert gegründet, nachdem die Bremische Evangelische Kirche ihn in das Viertel entsandt hatte, um eine Gemeinde zu gründen. Im selben Jahr entstand das Gemeindezentrum mit Kindergarten; acht Jahre später folgte der Bau der Kirche. Kattenturm ist bis heute von sozialer Not geprägt. Viele Bewohner sind Migranten aus den unterschiedlichsten Ländern. Pastor Kurz wünscht sich daher mehr Mitarbeiter mit entsprechenden Sprachkenntnissen. Während viele Gemeinden vor allem ein gehobenes bürgerliches Milieu ansprechen, „ist bei uns alles dabei: vom promovierten Physiker über die alleinerziehende Mutter bis zum Sozialhilfeempfänger“, sagt er.

Glaube mit klaren Botschaften

Viele Besucher einer Evangelisation würden nie eine Kirche betreten, erzählt der Jugendpastor der Gemeinde, Jan-Philipp Köhler. Insbesondere Muslime seien sehr zurückhaltend. Der 34-Jährige erlebt aber immer wieder, wie junge Menschen Christen werden. Er sagt, das Evangelium müsse „klar verkündet werden“. Dabei scheut er sich nicht, den Absolutheitsanspruch Jesu zu vertreten. Viele Gemeinden seien da sehr zurückhaltend. „Sie haben vielleicht Angst, Menschen damit vor den Kopf zu stoßen.“ Doch Köhler weiß, dass gerade Jugendliche klare christliche Positionen schätzen: „Nachdem in unserer Gesellschaft eine zunehmende Beliebigkeit um sich gegriffen hat, sehnen sich Jugendliche danach.“ Allerdings räumt der Jugendpastor ein, dass er junge Muslime im Viertel bisher kaum erreichen konnte.

Kita beliebt – auch bei Muslimen

In der Kindertagesstätte der Gemeinde ist das anders. Sie ist auch bei muslimischen Familien beliebt. Überhaupt hat der Großteil der Eltern, die ihre Sprösslinge anmelden, ausländische Wurzeln. Gerade muslimische Eltern schätzen die Wertevermittlung. Kita-Leiterin Jasmin Laas betont, dass die Eltern ihr Einverständnis erklären müssen, dass sich die Kinder an den gemeinsamen Aktivitäten beteiligen dürfen. Niemand werde gezwungen, zu beten, sagt Laas. Aber es sei nicht umsetzbar, vor jeder Andacht einzelne Kinder hinauszuschicken: „Das wäre ihnen gegenüber auch nicht fair.“ Die Kita leistet einen wichtigen Dienst in dem sozialen Brennpunkt. Viele Kinder leben in schwierigen Verhältnissen. Sie sollen lernen, dass Gott sie bedingungslos liebt. Die Gemeinde zieht inzwischen auch Christen aus anderen Denominationen an, ohne dass diese ihr formell beitreten – wie etwa Nils Freerksema. Der frühere Pastor einer Freien evangelischen Gemeinde (FeG) zog mit seiner Familie für eine Arbeitsstelle an der Freien Evangelischen Bekenntnisschule Bremen in den Stadtteil. „Mir war ziemlich schnell klar: Die Christen hier glauben an das, was sie predigen“, sagt er.

Keine Kompromisse in wichtigen Fragen

Die Abraham-Gemeinde ist theologisch konservativ. So praktiziert sie bis heute die „Kirchenzucht“, was sehr selten geworden ist. Pastor Kurz schildert ein Beispiel: „Ein Paar, das unverheiratet zusammenwohnt, lasse ich nicht zum Abendmahl zu. Ich kann nicht zum Tisch des Herrn gehen und gleichzeitig an einem Lebensstil festhalten, der Gottes Wort widerspricht.“ Dem lutherischen Theologen ist die Eucharistie viel zu wichtig. „Ich glaube, dass Christus im Abendmahl leibhaftig unter uns ist.“ Auch dürfen nur Männer predigen. Kurz sieht sich in seiner Auffassung durch die Bibel bestätigt, die sowohl die Kirchenzucht (Matthäus 18,15–18) als auch den zeitweiligen Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft (1. Korinther 5) kennt. Bei der Form des Gottesdienstes hingegen hat er einige Modernisierungen vorgenommen: „Mein Vorgänger war da deutlich traditioneller, ich setze stärker auf Lobpreismusik und Bandbegleitung.“

 

In die USA und zurück

Rüdiger Kurz ist mit Leib und Seele Missionar. Nach seinem Vikariat lebte er mit seiner Frau ein Jahr in den USA. Er lernte von mehreren Gemeinden, wie das Evangelium in verschiedenen Milieus verbreitet werden kann. „Es hätte nicht viel gefehlt, und wir wären dortgeblieben.“ Ein Angebot für eine Stelle als Pastor in Phoenix im Bundesstaat Arizona gab es schon. Doch er bat Gott, ihm zu zeigen, wo er ihn haben wolle. Das Gebet wurde erhört: Der gebürtige Bremer hörte, dass eine Gemeinde in seiner Heimatstadt dringend einen Pastor suchte. So sei er schließlich hier gelandet. Die Anfangsjahre waren schwierig, es gab viele interne, vor allem zwischenmenschliche Konflikte, die gelöst werden mussten. Doch ab 2009 wuchs die Gemeinde. Kurz sieht darin Gottes Wirken: „Wir können das nicht beeinflussen, sondern müssen lediglich das ganze Evangelium vom Kreuz, der Auferstehung, der Vergebung der Sünden, dem zweiten Kommen Jesu zum Gericht sowie den radikalen Ruf zur Umkehr predigen.“ Der Theologe ist davon überzeugt, dass im Wort Gottes eine große Kraft liegt, die Menschen in die Nachfolge Jesu ruft.

Die Gemeinde als Gottes Werkzeug

Der Pastor ist im Stadtteil geschätzt. Wer mit ihm unterwegs ist, muss Zeit mitbringen. Kurz, der nur auf Beerdigungen seinen Talar trägt, wird ständig von Passanten erkannt und angesprochen. Zwei ehemalige Muslime, die zur Abraham-Gemeinde gehören, kommen freudestrahlend auf ihn zu und schütteln ihm die Hand. Kurz fragt sie: „Wie geht es euch, was macht die Familie?“ Einen der Männer hatte er für sein Asylverfahren zu einer Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) begleitet, um den Beamten die Echtheit seines christlichen Glaubens zu bestätigen. „Es ist immer wieder enttäuschend, wenn ich sehe, wie oft die Konversion durch die Behörden angezweifelt wird“, sagt Kurz kopfschüttelnd.

Jesus gebührt die Ehre

Die Abraham-Gemeinde ist ohne Rüdiger Kurz heute nicht zu denken. Er hat über die Jahrzehnte beständig im Viertel missioniert und genießt bei städtischen Behörden und vielen Muslimen ein gewisses Ansehen. Eines ist für ihn immer klar: „Jesus ist das Zentrum dieser Gemeinde, er ist das Ziel, die Kraftquelle – und wir werden hoffentlich niemals etwas anderes tun, als ihn zu predigen. So wie der Apostel Paulus es sagt: ‚Ich will unter euch nichts anderes wissen als allein Jesus Christus und ihn als den Gekreuzigten.‘ Und wenn Gott uns gnädig ist und uns davor bewahrt, davon abzuweichen, kann er diese Gemeinde noch lange als sein Werkzeug in diesem Stadtteil benutzen.“

Abraham-Gemeinde Bremen

Gründung: 1975
Mitglieder: ca. 1.200
Gottesdienste: jeden Sonntag mit Kinderprogramm
Gottesdienstbesucher: 80 bis 100
angestellte Mitarbeiter: 1 leitender Pastor, 1 Jugendpastor, 1 Hausmeister, 1 Sekretärin
Angebote: mehrere Bibelgruppen, 1 Jugendkreis, Kleiderkammer („Truhe 24“) für bedürftige Menschen, Treffpunkt für Suchtgruppe „Blaues Kreuz“

Formell gehört die Abraham-Gemeinde zur Bremischen Evangelischen Kirche (BEK). Seit November 2024 lässt sie – ebenso wie die St.-Martini-Gemeinde von Pastor Olaf Latzel – ihre Rechte und Pflichten ruhen. Hintergrund ist ihre Ablehnung der neuen Kirchenverfassung der BEK, die dem Kirchenausschuss (Kirchenleitung) deutlich erweiterte Befugnisse einräumt. So kann dieser künftig eine Gemeinde kommissarisch leiten, wenn er deren verfassungsgemäße Aufgaben als nicht erfüllt ansieht. Die Abraham-Gemeinde kritisiert dies als massiven Eingriff in die Glaubens-, Gewissensund Lehrfreiheit – gerade bei theologisch strittigen Themen sei das höchst problematisch.