22.09.2025
Deutschland: Die Täufer haben „große Ideen in die Welt gebracht“
Der Bundespräsident würdigte die Rolle der Täuferbewegung
Hamburg (IDEA) – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Berlin) hat die Rolle der Täuferbewegung für die europäische Geschichte gewürdigt. Beim Festakt „500 Jahre Täuferbewegung 1525–2025“ am 21. September in den Räumen der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) Hamburg-Altona sagte er, dass die Täufer ein Teil der europäischen „Freiheitsgeschichte“ seien. Diese kleine Gemeinschaft habe „große Ideen in die Welt gebracht“. Steinmeier erinnerte während seiner Rede an ein prägendes Ereignis für die Geschichte der Täufer im Januar 1525: Damals war in Zürich eine kleine Gruppe um Konrad Grebel und Felix Manz zusammengekommen, um eine Erwachsenentaufe an einem bereits als Kind getauften Mann zu vollziehen. Mit dieser damals verbotenen Handlung hatten sie laut Steinmeier „die Machtfrage“ aufgeworfen. „Die Menschen wussten: Was sie vorhatten, war gewagt. Wer sich gegen die Obrigkeit stellte, riskierte alles – Heimat, Familie, Leben.“ Manz selbst wurde zwei Jahre später ertränkt, weil er an diesen Überzeugungen festgehalten hatte. Mit der Durchführung dieser Erwachsenentaufe hätten er und seine Mitstreiter den Anspruch auf individuelle religiöse Mündigkeit artikuliert, betonte der Bundespräsident. „Darin lag natürlich eine gewaltige gesellschaftliche Sprengkraft.“
Die Täufer gingen einen „gundsätzlicheren Weg“ als die Reformatoren
Diejenigen, die an jenem Tag zusammengekommen seien, hätten zwar in derselben Zeit des Umbruchs wie die Reformatoren Martin Luther (1483–1546), Johannes Calvin (1509–1564) und Ulrich Zwingli (1484–1531) gelebt. Dennoch seien die Täufer einen anderen, „grundsätzlicheren Weg“ gegangen. Sie hätten sich „vollkommene Unabhängigkeit“ gewünscht und die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, von Gewissen und Autorität gestellt: „Wenn jeder Mensch mündig über seinen Glauben entscheiden soll, warum dann nicht auch über andere Bereiche des Lebens? War nicht jeder in dieser Entscheidung gleich und gleich viel wert? Und musste nicht jeder Mensch ganz frei und selbst entscheiden können, woran er glaubt und wofür er zu streiten bereit ist, oder auch: wofür nicht?“
Freiheit und Demokratie müssen auch militärisch verteidigt werden
Zugleich hob Steinmeier die bis heute wirksamen Impulse hervor, die von der Täuferbewegung ausgegangen seien. Sie hätten sich früh für die Trennung von Kirche und Staat, gleichberechtigte Abstimmungen, den sozialen Ausgleich und eine gewaltfreie Konfliktbewältigung eingesetzt. Der Bundespräsident bekundete seinen „hohen Respekt“ vor der Gewaltlosigkeit, die bis heute für die Kirchen in der Tradition der Täufer prägend ist. In einer Demokratie müsse es möglich sein, für die eigenen Überzeugungen einzutreten, aber auf friedliche Weise. Steinmeier hob hervor, dass diese Haltung auch in der jüngeren Geschichte beispielhaft gelebt worden sei, etwa von Christen in der früheren DDR, die mit friedlichen Mitteln den Boden für die Friedliche Revolution bereitet hätten. Zugleich wies er jedoch darauf hin, dass die liberalen Demokratien Europas militärisch bedroht seien. „Wenn wir unsere Freiheit und unsere Demokratie bewahren wollen, bedeutet das auch und vor allem, dass wir sie verteidigen können müssen“, sagte er. Dies erfordere stärkere Streitkräfte – „nicht um Krieg zu führen, sondern um zu vermeiden, ihn führen zu müssen“.
ACK-Vorsitzender: Die „Stimme der Friedenskirchen“ muss gehört werden
Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), Pfarrer Christopher Easthill (Wiesbaden), sprach davon, dass das Zeugnis der Täuferbewegung bis heute eine Herausforderung bleibe – „und das ist gut so“. „Die Ökumene wäre ohne die täuferischen Kirchen viel ärmer.“ Man könne von ihnen viel lernen. Dazu gehöre auch die unbedingte Feindesliebe und Gewaltlosigkeit, für die sie einträten. Auch wenn in der Ukraine derzeit ein Krieg tobe, müsse „die Stimme der Friedenskirchen“ gehört werden. Am Festakt nahmen neben dem Bundespräsidenten und Easthill unter anderen die amtierende EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs (Hamburg), der römisch-katholische Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, sowie der Chef der Hamburger Senatskanzlei, Staatsrat Jan Pörksen, teil.