23.04.2026

Deutschland: Scharfe Kritik an Journalisten-Papier zur Prostitution

Verband Nordisches Modell: Handreichung blendet Gewalt und Ausbeutung aus

Berlin (IDEA) – Der Bundesverband Nordisches Modell (Berlin/BVNM) hat die vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV/Berlin) veröffentlichte Handreichung zur Berichterstattung über Prostitution kritisiert. Das Papier sei „erkennbar ideologisch geprägt“ und übernehme weitgehend die Perspektive von Interessenvertretungen, Prostitution als gewöhnliche Erwerbstätigkeit darstellten. Damit wird laut BVNM ein verzerrtes Bild gezeichnet, das die Realität vieler betroffener Frauen ausblendet: Gewalt, Ausbeutung, ökonomischer Zwang und fehlende Alternativen würden relativiert oder marginalisiert. Die Handreichung des DJV erhebt den Anspruch, zu einer sachlichen und diskriminierungsfreien Berichterstattung beizutragen. Laut BVNM ist aber das Gegenteil der Fall. Dessen Vorständin Simone Kleinert erklärte: „Wer Prostitution auf eine Frage von Sprache und Stigmatisierung reduziert, verkennt die strukturelle Gewalt, die diesem System innewohnt.“ Kleinert weiter: „Hier wird nicht aufgeklärt, sondern verklärt.“

Rolle der Freier wird nicht problematisiert

Besonders kritisch sei, dass die Rolle der Nachfrage – also der Freier – in der Handreichung nicht problematisiert werde. Damit werde ein zentraler Faktor unsichtbar gemacht, so der BVNM: „Prostitution existiert nur in Abhängigkeit von einer zahlenden Nachfrage. Ohne Geld des Freiers gäbe es keine Prostitution, keine Zuhälterei und keinen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung.“ Wer darüber berichte, müsse diese Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse kennen und benennen. Die Begriffe „Freier“ oder „Sexkäufer“ kämen in der Handreichung nicht vor; lediglich dreimal sei von „Kundschaft“ die Rede.

Grundlegende Überarbeitung gefordert

Journalismus trage Verantwortung für die gesellschaftliche Einordnung komplexer Themen, so der BVNM. Eine Handreichung, die zentrale Risiken und Realitäten systematisch ausblende, werde dieser Verantwortung nicht gerecht. Sie trage vielmehr dazu bei, bestehende Missstände zu verharmlosen und notwendige politische Debatten zu verzerren. Der BVNM fordert den DJV daher auf, die Handreichung grundlegend zu überarbeiten. Notwendig sei eine „evidenzbasierte, multiperspektivische Darstellung“, die die gesamte Bandbreite der Realität berücksichtige – einschließlich Gewalt, Menschenhandel und struktureller Zwänge. Nur so könne eine Berichterstattung entstehen, die nicht beschönige, sondern informiere und einen Beitrag zum Schutz der Betroffenen leiste. Der BVNM wurde 2023 gegründet und vertritt nach eigenen Angaben knapp 30 Vereine, Netzwerke, Initiativen, die gemeinsam für ein Umsteuern in der Prostitutionspolitik in Deutschland eintreten. Der Verband setzt sich für die Einführung des Nordischen Modells ein, das unter anderem die Entkriminalisierung Prostituierter sowie die Kriminalisierung von Freiern, Zuhältern und Bordellbetreibern vorsieht.

Veranstaltungstipp:

Der Kongress „Freiheit 2026 – Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ findet vom 26. bis 29. April im Christlichen Gästezentrum „Schönblick“ (Schwäbisch Gmünd) statt. Er befasst sich auch mit dem Thema Prostitution in Deutschland.

IDEA ist Medienpartner des Kongresses.

Anmeldung unter: schoenblick.de/de/freiheit2026