27.04.2026
Armenien: 111 Jahre Völkermord - Vertreter rufen zu klarer Haltung auf
CSI-Präsident bemängelt internationale Zurückhaltung im Bergkarachkonflikt
Frankfurt am Main (IDEA) – Der Geist des Völkermords an den Armeniern lebt fort und bedroht heute die Republik Armenien. Davor warnten der internationale Präsident von Christian Solidarity International (CSI), John Eibner, und der Vorsitzende des Zentralrats der Armenier in Deutschland, Jonathan Spangenberg, am 25. April in der Paulskirche in Frankfurt am Main. Sie sprachen bei der zentralen Gedenkveranstaltung anlässlich des 111. Jahrestages des Völkermords an den Armeniern. Eibner und Spangenberg erinnerten an die mehr als eine Million armenischer Christen, die im Osmanischen Reich ab dem 24. April 1915 ermordet, vertrieben oder zum Übertritt zum Islam gezwungen wurden. Sie riefen in ihren Beiträgen – sie liegen der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA schriftlich vor – dazu auf, die Opfer nicht zu vergessen, und forderten politische Konsequenzen angesichts der aktuellen Lage in Armenien.
Eibner: Kein Fossil der Geschichte
Eibner zufolge ist der Völkermord an den Armeniern „nicht einfach ein Ereignis, das versteinert und zu einem Fossil der Geschichte geworden ist“. Das Verbrechen sei in einem osmanisch-türkischen Kalifat geschehen, das offiziell einen Dschihad ausgerufen hatte. Auch nach 1915 sei es immer wieder zu Pogromen gegen Armenier gekommen. Jüngster Höhepunkt sei der militärische Angriff Aserbaidschans auf Bergkarabach im Jahr 2023 nach neunmonatiger Blockade gewesen – ein Akt, den der frühere Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Luis Moreno Ocampo, als Genozid eingestufte. „Die Schande, dass ein solches Verbrechen gegen die Menschlichkeit innerhalb des Zuständigkeitsbereichs der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa geschehen konnte, wird noch vertieft durch die bewusste Untätigkeit ihrer Mitgliedstaaten“, betonte Eibner.
„Wunden des armenischen Volkes werden leichtfertig behandelt“
Hinter diesen Verbrechen stehe eine Ideologie, die „einen althergebrachten muslimischen Suprematismus osmanischer Prägung mit einem modernen pan-türkischen Ultranationalismus“ verbinde. Heute bedrohten die Türkei und Aserbaidschan gemeinsam die Republik Armenien mit Krieg. Ministerpräsident Nikol Paschinjan rechne bereits im kommenden September mit einem möglichen Kriegsausbruch. Dieser versuche, erneute Aggressionen abzuwenden, indem er öffentliche Diskussionen über die Vertreibung aus Bergkarabach unterbindet und die Unterstützung für die internationale Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern zurückfährt, kritisiert Eibner. So sei die Direktorin des Genozidmuseums, Edita Gzoyan, entlassen worden, weil sie den US-Vizepräsidenten J. D. Vance auch über die Lage in Bergkarabach informiert habe. Auch Vance selbst habe einen Tweet zum Gedenken an die Genozidopfer später wieder gelöscht. Eibner befürchtet, dass europäische Staats- und Regierungschefs beim EU-Armenien-Gipfel und dem Treffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft (EPG) am 4. Mai in Jerewan den Völkermord und sein jüngstes Kapitel in Bergkarabach herunterspielen werden. Der Menschenrechtler verwies auf die Bibelstelle in Jeremia 6,14: „Und heilen den Schaden meines Volkes nur obenhin, indem sie sagen: ‚Friede! Friede!‘, und ist doch nicht Friede.“ Die Wunden des armenischen Volkes würden tatsächlich von den Mächtigen leichtfertig behandelt, während sie „Frieden, Frieden“ riefen, so Eibner. „Aber ein so schweres Leiden leichtfertig zu behandeln – das ist kein Rezept für dauerhaften Frieden.“
Spangenberg: „Wir dürfen nicht schweigen“
Spangenberg zitierte mahnend den Holocaustüberlebenden und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel: „Für die Toten und die Lebenden – müssen wir Zeugnis ablegen.“ Der türkische Staat erkenne den Völkermord bis heute nicht an. Diese Leugnung setze das Verbrechen auch nach 111 Jahren fort. Deutschland selbst habe den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten 2016 anerkannt. Damit habe der Bundestag ein klares Zeichen historischer Verantwortung gesetzt. Mit Blick auf die militärische Offensive Aserbaidschans gegen Bergkarabach und die Vertreibung der dort lebenden Armenier appellierte Spangenberg an Bundeskanzler Friedrich Merz, sich am 4. Mai für die Freilassung der armenischen Gefangenen, das Rückkehrrecht der Vertriebenen sowie den Schutz der dortigen armenischen Kulturgüter einzusetzen. Erst vor wenigen Tagen seien zwei Kirchen in Stepanakert dem Erdboden gleichgemacht worden: „Wenn das keine Politik systematischer Zerstörung ist – was ist es dann?“ Deutschland habe als Unterzeichnerstaat der UN-Völkermordkonvention die Pflicht zu handeln. Spangenberg forderte zudem, die Aufarbeitung des Genozids als festen Bestandteil schulischer, universitärer und politischer Bildung in Deutschland zu verankern. Die zentrale Gedenkveranstaltung in Frankfurt richteten der Zentralrat der Armenier in Deutschland und die Armenische Kirche in Deutschland aus. Laut Spangenberg nahmen an ihr 200 Personen teil. Befremden äußerte er darüber, dass die Frankfurter Bürgermeisterin und Dezernentin für Diversität, Antidiskriminierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt, Nargess Eskandari-Grünberg (Bündnis 90/Die Grünen), trotz schriftlicher Zusage nicht erschien.