20.02.2026

Ukraine: Zwischen Raketen und Gottesdienst

Der pensionierte Pfarrer Johannes Mann (68) reiste nach Kiew, um eine verwaiste Kirchengemeinde zu unterstützen. Er erlebte Todesangst und große Dankbarkeit – und will wieder dorthin. Ein Porträt von IDEA Redakteurin Jelena Simmer

Als in Kiew die Sirenen heulen, fährt Johannes Mann im Bett hoch. Eine Handy-App fordert ihn dazu auf, Schutz zu suchen. Zwei, drei Minuten bleiben, dann schlagen die Raketen ein. Über Wochen verbringt der Theologe die Nächte im Schutzbunker: Das war vor einigen Monaten der Alltag des 68-Jährigen. „Man kann da nicht schlafen – und doch geht das Leben weiter“, erinnert er sich. Im Juli 2025 reiste der pensionierte evangelische Pfarrer auf eigene Gefahr in die Ukraine. Zuvor hatte er in einem Vortrag von der verwaisten St.-Katharina-Gemeinde in Kiew erfahren – einer Gemeinde der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU). Niemand war da, der Gottesdienste hält. „Niemand, der die Gefallenen beerdigt“, so Mann. Als er gefragt wurde, ob er helfen könne, zögerte er nicht. Aufgewachsen in einer Pfarrersfamilie, geprägt von der Bekennenden Kirche, begleitet ihn ein Satz von Dietrich Bonhoeffer seit seiner Jugend: Man müsse „dem Rad in die Speichen greifen“, wenn es auf Menschen zurolle. Mann wurde darum Pfarrer, war in Bitburg, Adenau und Erlangen tätig. Er baute eine Notfallseelsorge auf, engagierte sich gegen Armut und für die Erinnerung an Euthanasieopfer in der NS-Zeit. „Es ging mir immer um Menschen ohne Lobby“, betont er.

Eine Gemeinde im Krieg

Und deswegen ging der Witwer auch nach Kiew. Er erlebte drei Monate lang massive Angriffe. Drohnen über dem Regierungsviertel, Abwehrfeuer, Druckwellen. „Da hatte ich auch Angst.“ In solchen Momenten betete er viel, klammerte sich an Psalm 91: „Es wird dich nicht treffen.“ Oder er sang leise: „Lobe den Herrn … in wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.“ Die Menschen in Kiew überraschten ihn immer wieder: „Ich habe keinen getroffen, der gejammert hätte.“ Seelsorgerlich brachte er den Schmerz über den Krieg vor Gott. In jedem Gottesdienst gab es eine Schweigeminute für Gefallene und Gebet für verschleppte ukrainische Kinder. Die Gemeindemitglieder waren ihrem „Pfarrer Johannes“ dafür sehr dankbar. Als im Oktober Heizung und Strom ausfielen, lud Mann zur „Klageandacht“ in die dunkle Kirche ein. Im Schein von Teelichtern nannten die Besucher die Orte, an denen ihre Lieben kämpften. Dazwischen sangen sie: „Herr, erbarme dich.“ Mann: „Es war wie ein Singen gegen die Angst.“ Danach gab es Borschtsch – eine traditionelle Suppe, gekocht auf seinem Gasherd.

Dienen aus Verantwortung

Im Dezember kehrte er erschöpft nach Deutschland zurück. „Ich hatte noch nie eine solche Müdigkeit.“ Deutschlands Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg in der Ukraine ist ihm bewusst. „Ich wollte ein anderes Deutschland zeigen – eines, das dient, schützt und birgt.“ Wenn es wieder wärmer ist, möchte er zurück nach Kiew. Denn er hat erlebt, was bleibt, wenn alles wankt: eine Gemeinde, die im Dunkeln singt. Menschen, die teilen, obwohl sie selbst wenig haben – und einen Glauben, der stärker klingt als jede Sirene.