15.06.2026
Deutschland: „Verfolgung fängt nicht erst mit Gewalt an“
Seit fast einem Jahr hat der Stephanuskreis der CDU/CSU-Bundestagsfraktion einen neuen Vorsitzenden: Lars Rohwer. Wofür sich der Gesprächskreis einsetzt und welche Schlüsse Rohwer in Bezug auf Religionsfreiheit aus seiner DDR-Vergangenheit zieht
IDEA: Wenn man im politischen Berlin nach dem Stephanuskreis fragt, bekommt man oft fragende Blicke. Warum ist der Kreis so unbekannt?
Lars Rohwer: Der Stephanuskreis ist ein überkonfessioneller Gesprächskreis der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und deshalb zunächst bewusst fraktionsintern angelegt. Das heißt aber nicht, dass er politisch keine Wirkung entfaltet. Im Gegenteil: Bei unserer letzten Sitzung zur Religionsfreiheit in Syrien haben neben Ralph Brinkhaus auch Kolleginnen und Kollegen anderer Parteien den Austausch bereichert, etwa Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Die Linke) und Rasha Nasr (SPD), die sich seit Jahren intensiv mit der Lage religiöser Minderheiten in Syrien beschäftigen. Das zeigt: Der Stephanuskreis gewinnt auch über Fraktionsgrenzen hinweg an Bedeutung. Trotzdem wollen wir natürlich, dass die Thematiken rund um Religionsfreiheit und Christenverfolgung noch stärker auf die politische Tagesordnung kommen. Gerade in der international angespannten Lage für Christen weltweit darf dieses Thema nicht am Rand stehen. Christen gehören zu den am stärksten verfolgten Glaubensgemeinschaften der Welt. Das muss sich auch im politischen Fokus widerspiegeln.
IDEA: Wo ist Ihnen konkret aufgefallen, dass Christenverfolgung medial unterschätzt wird?
Lars Rohwer: Leider gibt es dafür viele Beispiele. Sehr deutlich wird es bei aktuellen Fällen in Afrika oder in Teilen des Nahen Ostens. Gerade die angespannte Lage christlicher Glaubensgemeinschaften im Nahen Osten ist besorgniserregend. Entscheidend ist: Diese Gemeinden gehören seit vielen Jahrhunderten zur Region. Wenn sie verschwinden, verliert der Nahe Osten nicht nur religiöse Vielfalt, sondern das Christentum einen Teil seiner eigenen Geschichte. Wenn dort Christen angegriffen, vertrieben oder Kirchen zerstört werden, taucht das in Deutschland oft nur kurz in den Medien auf, wenn überhaupt. Bei Syrien sehen wir Ähnliches. Wir sprechen viel über Geopolitik, Flucht und Wiederaufbau, aber zu wenig darüber, ob Christen, Drusen, Alawiten und andere Minderheiten dort wirklich sicher leben können.
IDEA: Warum wird das Thema unterschätzt?
Lars Rohwer: Ich glaube, viele Menschen in Deutschland tun sich schwer damit, das Thema ein- und zuzuordnen. Manche fürchten, man betreibe Identitätspolitik, wenn man über verfolgte Christen oder Religionsfreiheit im Allgemeinen spricht. Andere sehen Religion generell als Privatsache und unterschätzen deshalb, wie existenziell Religionsfreiheit für Menschen ist. Ich sage: Wer Christenverfolgung anspricht, darf andere Minderheiten nicht ausblenden. Aber wer sie verschweigt, macht es sich zu einfach.
IDEA: Wie prägt Ihre DDR-Erfahrung Ihren Blick auf Christenverfolgung weltweit?
Lars Rohwer: Ich habe in der DDR persönlich erlebt, wie Christen benachteiligt und bedrängt wurden. Sowohl im Bildungsweg als auch im Beruf und im öffentlichen Leben. Das ist nicht eins zu eins vergleichbar mit religiös motivierter Haft, Folter oder Mord in anderen Ländern. Aber es schärft den Blick dafür, wie früh Unfreiheit beginnt. Verfolgung fängt nicht erst mit Gewalt an. Sie beginnt dort, wo Menschen wegen ihres Glaubens Chancen verlieren oder Angst haben müssen.
IDEA: Was muss zur Bedrängung von Christen in der DDR noch aufgearbeitet werden?
Lars Rohwer: Wir müssen genauer hinschauen, wie subtil gesellschaftlicher und privater Druck ausgeübt wurde. Dass Ostdeutschland neben Tschechien als säkularste Region der Welt gilt, ist kein Zufall. Das Regime fürchtete die Kirche. Sie war eine unabhängige Institution mit einer eigenen Wertebasis, einer anderen, höheren Autorität und damit dem direkten Zugriff des Staates entzogen. Viele Biografien sind bis heute nicht aufgearbeitet. Mir geht es dabei nicht um neue Opferkonkurrenzen, sondern darum, dass wir uns unserer eigenen Vergangenheit bewusster werden und die Folgen verstehen, die bis heute in unserer Gesellschaft spürbar sind. Wer diese Vergangenheit ernst nimmt, versteht besser, warum Religionsfreiheit nie selbstverständlich ist.
IDEA: Wo ziehen Sie die Grenze zwischen legitimer Thematisierung des Themas Christenverfolgung und Instrumentalisierung?
Lars Rohwer: Legitim ist, wenn es um konkrete Menschen, konkrete Länder und konkrete Hilfe geht. Instrumentalisierung beginnt dort, wo christliches Leid benutzt wird, um pauschal gegen Muslime, Migranten oder politische Gegner Stimmung zu machen. Christenverfolgung ist ein Menschenrechtsthema, kein Instrument für Populismus. Wer es ernst meint, verteidigt Religionsfreiheit für Christen, Juden, Muslime, Jesiden, Bahai, Atheisten – für alle.
IDEA: Sie sind der Meinung, das Thema sollte stärker in die Außenpolitik integriert werden. Was heißt das konkret?
Lars Rohwer: Das heißt zuerst, dass Religionsfreiheit in Gesprächen mit Regierungen regelmäßig auf den Tisch kommen muss, nicht nur am Rande. Zweitens: Unsere Botschaften müssen Fälle dokumentieren und Betroffene sichtbar machen. Drittens: Bei schweren Verstößen müssen auch Konsequenzen möglich sein, etwa gezielte Sanktionen gegen Verantwortliche, Konditionierung von Zusammenarbeit oder klare Kriterien bei Entwicklungsprojekten. Symbolik reicht nicht. Aber Außenpolitik bleibt immer eine Abwägung. Entscheidend ist, dass Menschenrechte nicht nur Sonntagsreden sind.
IDEA: Religionsfreiheit ist aus Ihrer Sicht ein „Seismograph“ – was sagt dieser Seismograph aktuell über Syrien?
Lars Rohwer: Er schlägt aus. Syrien ist ein Land, in dem religiöse Minderheiten berechtigterweise große Angst vor der Zukunft haben. Nach dem Ende der Assad-Diktatur entscheidet sich jetzt, ob ein neues Syrien wirklich pluralistisch wird oder ob alte Gewalt nur durch neue Willkür ersetzt wird. Der Schutz von Christen und anderen Minderheiten ist dafür ein Gradmesser, wie gewillt die neuen Machthaber in Syrien tatsächlich sind, Veränderungen anzustoßen.
IDEA: Warum setzen Sie sich für Aleh Loika ein? Was erhoffen Sie sich?
Lars Rohwer: Aleh Loika ist Pastor in Belarus. Er hat Menschen geholfen, unter anderem in der Arbeit mit Suchtkranken. Jetzt sitzt er in Belarus in Haft, verurteilt unter politisch missbrauchten Extremismusvorwürfen. Eine politische Patenschaft kann keine Gefängnistür allein öffnen. Aber sie nimmt dem Regime die Anonymität. Sie zeigt Aleh Loika und seiner Familie: Ihr seid nicht vergessen. Und sie erhöht die internationale Sichtbarkeit des Falles. Wir tun unser Möglichstes, Aleh mit allen Mitteln zu unterstützen.
IDEA: Welche Themen wird der Stephanuskreis in den nächsten Jahren setzen?
Lars Rohwer: Das Ziel des Stephanuskreises ist es nach wie vor, verfolgte Christen sichtbarer zu machen, ohne Religionsfreiheit für andere auszublenden. Dafür bewegen wir uns einmal um die Welt und nehmen Länder wie Syrien, Nigeria, Iran, China und weitere genauer in den Blick. Insbesondere wollen wir Betroffenen selbst eine Stimme geben. Über sie wird viel gesprochen. Wir müssen mehr mit ihnen sprechen.
IDEA: Vielen Dank für die Antworten!