18.06.2026

Norwegen: Erster Marsch für das Leben seit 40 Jahren

Rund 1.000 Lebensschützer demonstrierten in Oslo gegen Abtreibung

Oslo (IDEA) – Rund 40 Jahre nach dem letzten Marsch für das Leben in Norwegen haben sich am 13. Juni rund 1.000 Lebensschützer in Oslo zu einem öffentlichen Zeugnis für das ungeborene Leben versammelt. Das berichtet unter anderem die katholische Nachrichtenplattform EWTN News. Nach einer Kundgebung zogen die Teilnehmer durch die Innenstadt der norwegischen Hauptstadt und hörten Reden vor dem norwegischen Parlament. Organisiert wurde der Marsch von der Lebensschutzorganisation „Velg Livet“ (Wähle das Leben). Auf Bannern war unter anderem die Zahl „650.000 seit 1978“ zu lesen – ein Verweis auf die Zahl der Abtreibungen in Norwegen seit der Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes. Die Direktorin von Velg Livet, Cecilie Marie Røinås, erklärte gegenüber EWTN, der Marsch sei eine Antwort auf jüngste Ausweitungen des norwegischen Abtreibungsrechts. „Es ist wichtig, dass wir weiterhin eine Stimme für das ungeborene Leben sind und nicht so tun, als sei die Diskussion vorbei.“ Dass viele junge Menschen an der Organisation des Marsches beteiligt gewesen seien, zeige, „dass die Frage der Abtreibung keine verlorene Sache ist“. Nach einer Gesetzesreform sind seit Juni 2025 in Norwegen Abtreibungen bis zur 18. Schwangerschaftswoche erlaubt. Zuvor lag die Grenze dafür bei zwölf Wochen.

Politische Minderheit, aber wachsendes Bewusstsein

Laut der Vorsitzenden der Jugendorganisation der norwegischen Christdemokratischen Partei (Kristelig Folkepartis Ungdom), Ingrid Olina Hovland, bilden Politiker, die für den Lebensschutz einstehen, in Norwegen weiterhin eine Minderheit. Sie sprach bei der Veranstaltung vor dem Parlament. Dabei beklagte sie, dass sich die öffentliche Diskussion vor allem auf Gesundheitsversorgung und Frauenrechte beschränke, ungeborenen Kindern werde weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Das Argument, wirtschaftliche Not sei der Hauptgrund für Abtreibungen, lasse sich angesichts des norwegischen Sozialstaates kaum aufrechterhalten, so die Politikerin. „Auch in einer Gesellschaft mit großzügigen Sozialleistungen bleibt die grundlegende Frage: Welchen moralischen Wert messen wir dem ungeborenen menschlichen Leben bei, und wie soll dieser Wert gegenüber anderen Interessen und Rechten gewichtet werden?“ Hovland zeigte sich verhalten optimistisch, dass jüngere Norweger zunehmend bereit seien, sich ernsthaft mit den moralischen Dimensionen der Abtreibung auseinanderzusetzen. Die Pressesprecherin der norwegischen katholischen Bischofskonferenz, Ragnhild Helena Aadland Høen, hob die konfessionsübergreifende Einheit bei der Veranstaltung hervor: „Katholiken, Lutheraner, Pfingstler und Evangelikale standen Seite an Seite.“ Anders als bei der Demonstration 1986, die von teils gewaltsamen Gegenprotesten begleitet war, habe man diesmal „in Frieden gehen“ dürfen.

Bischof sieht Zeichen eines Wandels in Norwegen

Der katholische Bischof von Oslo, Fredrik Hansen, – selbst aufgrund anderer Verpflichtungen beim Marsch nicht anwesend – bezeichnete diesen gegenüber EWTN als Beleg für einen breiteren Wandel in der norwegischen Gesellschaft: „Der Oslo Marsch für das Leben zeugt vom wachsenden Interesse und Engagement für die Verteidigung des Lebens und der Würde des Lebens in Norwegen.“ Er hoffe, dass der Marsch zu einer jährlichen Veranstaltung und zu einem verbindenden Glied zwischen den Lebensschutzorganisationen des Landes werde. Hansen verwies zudem auf Zeichen religiöser Erneuerung in dem als säkular geltenden Land: „Das Interesse am Christentum nimmt zu, vor allem unter jungen Menschen.“ Er rief die Katholiken weltweit zum Gebet für Norwegen auf.