06.03.2026

Iran: Jüdischer Verbandsvertreter kritisiert „orientierungslose Kirchen“

Daniel Neumann wirft Kirchen moralische Gleichsetzung im Nahostkonflikt vor

Berlin (IDEA) – Der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Daniel Neumann (Frankfurt am Main), hat die Reaktionen großer Kirchen in Deutschland auf die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten scharf kritisiert. In einem Kommentar für die Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“ (Berlin) vom 5. März wirft er ihnen Orientierungslosigkeit und eine moralische Gleichsetzung der Konfliktparteien vor. Es gehöre inzwischen „fast zum liturgischen Reflex“ der großen Kirchen in Deutschland, nach Gewaltausbrüchen im Nahen Osten sofort „Deeskalation“ zu fordern, schreibt Neumann. So habe die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Kirsten Fehrs (Hamburg), vor einer „Gewaltspirale aus Angriff und Vergeltung“ gewarnt. Der Vorsitzende der (katholischen) Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer (Hildesheim), bete für alle Beteiligten gleichermaßen, während der Weltkirchenrat ein Ende der Kampfhandlungen und eine Rückkehr zum Dialog fordere. Diese Haltung entspreche zwar dem kirchlichen Selbstverständnis und klinge „fromm“ und „verantwortungsvoll“, so Neumann. Zugleich vermittle sie aber den Eindruck, als hätten die Kirchen „die letzten 47 Jahre iranischer Geschichte verpasst“.

Kein Konflikt zwischen gleichwertigen Parteien

Neumann betont, im aktuellen Konflikt gehe es nicht um gleichwertige Parteien, die sich gegenseitig in eine Eskalation hineingesteigert hätten. Vielmehr stehe ein „islamistisch-theokratisches Regime“ im Mittelpunkt, das seit Jahrzehnten seine eigene Bevölkerung unterdrücke und dessen Außenpolitik von der Vernichtungsdrohung gegen Israel und der Dämonisierung der USA geprägt sei. Zugleich erinnert der Jurist an iranische Stellvertretergruppen im Nahen Osten, darunter die Hamas, die Hisbollah, die Huthis sowie schiitische Milizen in Syrien und im Irak, die von Teheran finanziert, bewaffnet und trainiert würden. Die Haltung vieler Kirchenleitungen wirke, als hielten sie „moralische Äquidistanz“ für eine christliche Tugend, kritisiert Neumann. Doch moralische Gleichsetzung sei keine Neutralität, sondern „Blindheit“. Wer gegenüber einem Regime, das Eskalation zur Staatsräson erhoben habe, vor allem Deeskalation fordere, riskiere letztlich die Fortsetzung von Angst, Leid und Unfreiheit. Zwar sei der Wunsch der Kirchen nach Frieden ehrenwert, räumt Neumann ein. Wer Frieden predige, ohne die „Feinde der Freiheit“ klar zu benennen, verliere jedoch nicht nur die Orientierung im Nahen Osten, sondern auch den moralischen Kompass.