04.05.2026

Deutschland: Jugendamt holt sechs Kinder aus christlicher Einrichtung

Oberallgäu: „Gewichtige Anhaltspunkte für eine mögliche Gefährdung des Kindeswohls“

Augsburg/Hamburg (IDEA) – Im Oberallgäu haben die Behörden sechs Kinder aus einer christlichen Einrichtung in Obhut genommen. Es handelt sich um das Haus „SeeNest“, eine Unterkunft für Kinder und Jugendliche mit frühkindlichen Traumatisierungen. Das bestätigten sowohl der Regierungsbezirk Schwaben als auch das Landratsamt Oberallgäu auf Nachfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA. Alle sechs in dem Haus befindlichen Kinder habe das zuständige Jugendamt am 17. April in Obhut genommen. Das Landratsamt betonte in diesem Zusammenhang: „Die Aktion hängt nicht mit der vielfach von verschiedenen Seiten kritisierten weltanschaulichen Ausrichtungen des Trägers zusammen.“ Dem Jugendamt seien „gewichtige Anhaltspunkte für eine mögliche Gefährdung des Kindeswohls bekanntgeworden“. Hierunter zählten unter anderem „fragwürdige Erziehungsmaßnahmen“, etwa „ein unangemessener Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen gegenüber den betreuten Kindern“. Für sie sollten schnellstmöglich „stabile und verlässliche Anschlusslösungen“ sichergestellt werden.

Vorwürfe durch Ex-Mitarbeiter

Laut der Regierung von Schwaben hat es im Februar von ehemaligen Mitarbeitern erste Hinweise gegeben, die daraufhin überprüft worden seien. Konkreter wird die Behörde jedoch nicht. Medienberichten zufolge erteilte die Regierung von Schwaben der pädagogischen Leiterin bereits im März ein Tätigkeitsverbot als Heimaufsicht. Auch soll die Staatsanwaltschaft mittlerweile ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet haben. Wie die Polizei auf IDEA-Anfrage mitteilte, gab es seit der Gründung der Einrichtung im August 2023 29 Polizeieinsätze, unter anderem wegen Ruhestörung. Wie der Bayerische Rundfunk (BR) meldete, sollen die Kinder immer wieder weggelaufen sein. Das Jugendamt Oberallgäu äußerte gegenüber dem BR jedoch auch, dass traumatisierte Kinder durch Stresssituationen oder bestimmte Trigger in Ausnahmezustände geraten können. Mit Hilfe starker Reize könnten solche Kinder ins „Hier und Jetzt“ zurückgeholt werden, das sei ein traumapädagogischer Ansatz. Die Grenze zwischen dem, was dem Kind in solchen Momenten helfe und was ihm schade, seien jedoch fließend. Im „SeeNest“ sei der Grat Richtung psychischer und physischer Misshandlung in letzter Zeit häufiger überschritten worden, heißt es.

Einrichtung gehört zu „Mission Freedom“

Das Haus „SeeNest“ ist eine Einrichtung des freien Trägers „Himmelsstürmer“. Er gehört zum christlichen Hilfswerk „Mission Freedom“. Es betreibt unter anderem Schutzhäuser in Hamburg und Frankfurt am Main für Frauen, die aus der Zwangsprostitution aussteigen wollen. Gründerin und Vorsitzende ist die pfingstkirchliche Pastorin Gaby Wentland (Hamburg). Sie hat auf eine IDEA-Anfrage bislang nicht reagiert. Wentland gehört auch zum Vorstand von „Gemeinsam gegen Menschenhandel“, ein Bündnis von fast 40 Organisationen und Initiativen. Bis zur Klärung der aktuellen Vorwürfe lässt sie ihre Vorstandstätigkeit dort ruhen. Das geht aus einer Stellungnahme des Bündnisses hervor, das IDEA vorliegt. Darin heißt es zudem, dass es die Vorwürfe sehr ernst nehme: „Im Mittelpunkt stehen für uns der Schutz der betroffenen Kinder, die Wahrnehmung ihrer Privatsphäre sowie eine sorgfältige und fachlich verantwortliche Klärung der Vorgänge.“ Das Haus „SeeNest“ verwies gegenüber IDEA auf den Schutz „der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen“ sowie den Datenschutz. „Mission Freedom“ wurde 2011 gegründet zur Bekämpfung von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Ziel ist es nach eigenen Angaben, Aufklärung zu leisten, die Betroffenen in ein neues Leben in Freiheit zu begleiten und ihnen nachhaltig zu helfen.