11.05.2026
Rußland: Geflüchteter russischer Priester berichtet von Druck in der Kirche
Ein Priester der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK), der dank eines humanitären Visums vor einem Monat nach Frankreich emigrieren konnte, hat in einem Interview detailliert über die Situation von Kriegsgegnern innerhalb der ROK berichtet. Konstantin Kokora, Theologe und Lehrer aus Moskau, kam bereits 2023 unter Druck, weil er das umstrittene Gebet über den Sieg der Heiligen Rus in abgeänderter Form vorgetragen und seine Meinung zu Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine geäußert hatte. Später wurde ihm der Dienst verboten und jegliche Aktivität im kirchlichen Bereich verunmöglicht, was ihn schließlich zur Emigration veranlasste.
Im September 2022 ordnete der russische Patriarch Kirill an, dass alle Geistlichen bei jeder Hl. Liturgie das Gebet „Über die Heilige Rus“ vortragen müssen. Kokora störte sich an der darin enthaltenen Bitte um den Sieg, er ließ die betreffende Stelle weg oder fügte der Bitte um den Sieg ein „über die Sünde“ an. 2023 rief ihn sein Bischof zu sich und forderte ihn auf, das Gebet unverändert vorzutragen. Sonst würde er an den Patriarchen schreiben, und Kokora würde es wie Ioann Koval ergehen. Daraufhin zwang er sich aus wirtschaftlicher Angst zur vollständigen Form des Gebets, litt aber sehr darunter. Nachdem dem prominenten Priester Alexej Uminskij zunächst der Dienst verboten und dann der Rang aberkannt worden war, hörte er wieder damit auf.
Im Sommer 2024 warnte ihn der zweite Geistliche seiner Kirche, dass er beobachtet werde. Der Vorsteher der Kirche wies ihn darauf hin, dass sich Gemeindemitglieder wegen des Gebets über ihn beschwerten. Danach versammelte der Vorsteher alle Geistlichen und Diakone in ihrer Kirche und stellte Kokora ein Ultimatum, das Gebet „richtig“ vorzutragen, sonst würde er es der Leitung melden. Unter vier Augen erklärte er ihm, dass die ROK wie die Armee sei, Anordnungen müssten befolgt werden. Dieser Vergleich ist für Kokora inakzeptabel, was er dem Vorsteher auch klar sagte.
Von den Gemeindemitgliedern befürwortet laut Kokora die Mehrheit den Krieg. Seine eigene Meinung äußerte er in Vorlesungen und persönlichen Gesprächen offen. Unter den Kriegsbefürwortern habe es einige wenige gegeben, die ihn trotzdem verstanden, seine Position respektiert und ihm zugestimmt hätten, dass in der Kirche Willkür herrsche. Er habe sich auch geweigert, Kriegsteilnehmern die Kommunion zu spenden.
Als er von der Disziplinarkommission zu einer Sitzung gerufen wurde, sei diese wie ein Verhör abgelaufen. Die Kommission habe ihn nicht anhören und verstehen wollen, er sei bereits der Illoyalität für schuldig befunden gewesen. Er wurde aufgrund eines Verstoßes gegen den 25. Apostolischen Kanon verurteilt, wobei ihm kein konkretes Vergehen mitgeteilt wurde. Eigentlich müsste ein Verstoß gegen diese Regel die Aberkennung der Priesterwürde nach sich ziehen, wie das bei Uminskij und Koval der Fall war. Ihm wurde jedoch „nur“ der Dienst vorübergehend verboten. Kokora vermutet, dass der Patriarch nicht wolle, dass weitere Geistliche vom Ökumenischen Patriarchat aufgenommen werden. Der Jurisdiktionswechsel ist möglich, wenn ihnen der Rang aberkannt wurde, nicht aber wenn ihnen lediglich der Dienst verboten ist.
Nach seiner Bestrafung wandten sich die meisten Gemeindemitglieder von Kokora ab und sprachen nicht mehr mit ihm, was ihn sehr schmerzte. Oft habe er gehört, dass seine Situation schlimm, er aber selbst daran schuld sei. Viele Geistliche sind laut ihm gegen den Krieg, schweigen aber aus Angst. Ihm seien jegliche Aktivitäten wegen seiner Lage oder direkter Interventionen der Kirchenleitung verunmöglicht worden, sei es in der Sonntagsschule, im Altersheim oder im Gefängnis. Seine Situation empfand er als „gesellschaftlichen Tod“. Ausgehalten habe er dank seiner Familie und der Hilfe eines Gemeindemitglieds, das ihm eine Ausbildung finanzierte. Den Grund für diesen Zustand in der ROK sieht er in einer Betonung des Formalen seit den 1990er Jahren: Es seien Kirchen und Institutionen gebaut sowie das Wohlergehen der Kirchenleitung sichergestellt worden. Aber im Inneren fehle es an Integrität und kritischem Denken.
Zunächst wollte Kokora in Russland bleiben, obwohl er direkt nach seiner Bestrafung vom Verein Friede allen kontaktiert wurde, der Geistliche mit Antikriegspositionen unterstützt. Er habe sich aber immer fremder gefühlt, und die Propaganda in der Schule seiner Kinder habe ihn beunruhigt. Zudem sei ein Bekannter vom Geheimdienst verhaftet worden, was seine Familie sehr erschreckt habe. Deshalb wandte er sich doch wieder an „Friede allen“ und konnte mithilfe der Partnerorganisation InTransit Russland verlassen. Nun lebt er seit kurzem mit seiner Familie in Frankreich, wo die Kinder in Sicherheit seien, und er und seine Frau nicht mehr völlig isoliert leben. Seine berufliche Zukunft ist hingegen offen. (NÖK).
ROK