15.02.2011
Ägypten: Schwerer Verdacht gegen Mubarak-Regime nach Christenmord von Alexandria
Warum war keine Polizei am Tatort?
Ägypten: Schwerer Verdacht gegen Mubarak-Regime nach Christenmord von Alexandria
Warum war keine Polizei am Tatort?
Von Michaela Koller
GÖTTINGEN/ KAIRO, 15. Februar 2011 (ZENIT.org <http://www.zenit.org> ).-
Gegen den früheren ägyptischen Innenminister Habib el-Adly wird derzeit
wegen des Verdachts auf Verstrickung in den Terroranschlag auf Kopten in der
Neujahrsnacht in Alexandria ermittelt. Dies berichtet die Gesellschaft für
bedrohte Völker (GfbV), die damit eine Meldung des arabischen
Nachrichtensenders al Arabiya aus Dubai aufgreift. Berichte britischer
Diplomaten und Geheimdienstmitarbeiter sollen Zweifel an den offiziellen
ägyptischen Versionen des Tatgeschehens nähren.
Bei dem Anschlag auf die Kathedrale waren 24 Kopten getötet und 170 Personen
verletzt worden. Augenzeugen des Blutbades hatten sich gegenüber der GfbV
verwundert darüber gezeigt, dass trotz Gewaltdrohungen bis auf vier
Polizisten und einen Vorgesetzten alle Überwachungskräfte unmittelbar vor
dem Anschlag von der mit 2.000 Gläubigen besetzten Kirche abgezogen worden
waren.
"Sollte sich der ungeheuerlich klingende Verdacht erhärten, würde dies das
Mubarak-Regime in ein noch düstereres Licht rücken", kommentiert der
Afrikareferent der Gesellschaft für bedrohte Völker, Ulrich Delius, den
Vorgang. Das ägyptische Innenministerium hatte mehrfach neue Versionen des
Tatgeschehens präsentiert und unerwartet schnell ausländische Attentäter des
Terrornetzwerks El Kaida für das Blutbad verantwortlich gemacht. Später
musste die Regierung einräumen, dass der Anschlag von Ägyptern verübt wurde.
Für die Planung des Anschlags machte Kairo die im Gaza-Streifen ansässige
"Armee des Islam" verantwortlich, die jedoch jede Beteiligung bestritt.
Der ägyptische Rechtsanwalts Ramzi Mamdouh berichtet, sich dabei auf
britische Diplomaten berufend, dass der frühere ägyptische Innenminister in
den vergangenen sechs Jahren ein Sonderkommando von 22 Mitarbeitern
aufgebaut hat, zu denen auch radikale Islamisten zählten. Sie sollten
Anschläge im Land verüben, damit das Mubarak-Regime sich als Retter vor
Islamisten darstellen könne.
Britischen Geheimdiensten sollen zudem Informationen vorliegen, denen
zufolge ein Mitarbeiter des Innenministeriums in Kairo, Major Fathi
Abdelwahid, am 11. Dezember 2010 Ahmed Mohamed Khaled, der elf Jahre in
ägyptischer Haft verbrachte, angewiesen habe, mit der radikalen Gruppe
Jundullah Kontakt aufzunehmen. Sie sollten einen Anschlag auf die Kathedrale
in Alexandria vorbereiten. Khaled soll gegenüber der Gruppe erklärt haben,
er habe Waffen in Gaza beschafft, um "die Kopten zu disziplinieren".
Ein Jundullah-Mitglied sollte das mit dem Sprengsatz beladene Auto vor die
Kirche fahren. Entgegen der Absprache zündete der Major den Sprengsatz,
obwohl der Attentäter es noch nicht verlassen hatte. Später soll Khaled mit
Jundullah-Kämpfern in einer konspirativen Wohnung in Alexandria
zusammengetroffen sein, um das Attentat auszuwerten. Einige Tage danach
wurden die Jundullah-Aktivisten verhaftet und ins Innenministerium gebracht.
Als die öffentliche Ordnung zusammenbrach, sollen sie am 28. Januar geflohen
sein und in der britischen Botschaft Zuflucht gesucht haben.
"Die Vorwürfe klingen abenteuerlich, erinnern jedoch an ähnliche
Kommandoaktionen des algerischen Geheimdienstes, der 1996 sieben
französische Mönche entführte, die später getötet wurden", sagte Delius.
"Außerdem verübten Geheimdienstler zahlreiche Terroranschläge, für die die
Regierung in Algier fälschlicherweise radikale Islamisten verantwortlich
machte."
Auffallend war im Anschluss an die Bluttat auch die aggressive Rhetorik
regierungsnaher ägyptischer Repräsentanten als Reaktion auf einen Appell aus
Rom: Nachdem Papst Benedikt XVI. Anfang Januar mehrfach an die Regierungen
islamischer Staaten appelliert hatte, "sich dafür einzusetzen, dass ihre
christlichen Mitbürger in Frieden leben können", zeigt sich die ägyptische
Diplomatie entrüstet und wertete den Aufruf die Stellungnahme als
Einmischung in innere Angelegenheiten. Zudem wurde der Vorwurf erhoben, der
Papst habe zu einem regelrechten Kreuzzug europäischer Mächte aufgerufen.
Die Arabische Republik Ägypten rief ihre Botschafterin beim Heiligen Stuhl
nach Kairo zu Konsultationen mit dem ägyptischen Außenministerium zurück und
wenig später brach die staatliche Universität Al Azhar den Dialog mit dem
Vatikan ab.
Der Großscheich der Universität Al-Azhar, Ahmed Al-Tayyeb, der der Regierung
Mubarak treu ergeben war, warf dem katholischen Oberhaupt vor, sich nur für
die Religionsfreiheit von Christen einzusetzen und behauptete, hinter dem
Anschlag steckten fremde Mächte, wobei er ausdrücklich Israel nannte. Eine
offizielle Begründung für den Abbruch der Gespräche zwischen Kairo und dem
Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog liegt bisher nicht vor.
Sollte sich nun der Vorwurf der Beteiligung des Regimes an Christenmord
erhärten, dann stach Papst Benedikt mit seinem Appell an die
Mubarak-Regierung, die einheimischen Christen besser zu schützen, genau ins
Wespennest.