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Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Aber du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels. Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
(Luther 2017)
Psalm 22,2-6
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Aus der Not in die Hoffnung
Wie viele andere Klagepsalmen ist auch der Psalm 22 geprägt von einem langen Abschnitt der Klage (Verse 2-22), der dann durch einen Stimmungsumschwung in eine Phase der Zuversicht mündet (Verse 23-32). Im Kleinen finden wir diese beiden Elemente auch schon in den ersten Versen, auf die wir uns heute beschränken.
1. Zeiten gefühlter Gottesferne
Der Psalm beginnt unvermittelt mit einem Aufschrei aus der tiefsten Situation des Leidens: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es ist kein Vorwurf an Gott, sondern Ausdruck absoluter Einsamkeit inmitten des großen Leids. Man spürt das Ringen des Beters David darum, die eigentlich geglaubte Nähe Gottes mit seiner derzeitigen schlimmen Situation zusammendenken zu können. Seine bisherige Gewissheit des Glaubens wird von den aktuellen Erlebnissen und Gefühlen zutiefst in Frage gestellt. Was genau David so sehr an Gott zweifeln ließ, wissen wir nicht. Aber wir kennen aus seinem Leben etliche Situationen, in denen er lebensgefährlich bedroht war. Sein Schwiegervater Saul hat ihn mehrfach verfolgt und umzubringen versucht. Später hat sich Davids Sohn Absalom gegen den eigenen Vater erhoben und ihn aus Jerusalem verjagt, ebenfalls in der Absicht ihn zu töten. Aus diesem Psalm geht klar hervor, wie Davids Leben bedroht ist. Er sieht sich am Ende seiner Kräfte und Möglichkeiten. Es bleibt ihm nur noch, an seinen Gott zu appellieren. In all diesem großen Leid hält David daran fest, dass Jahwe sein persönlicher Gott ist. Deshalb ruft er zweimal „mein Gott“. Aber er verbindet mit diesem Bekenntnis auch gleich die große Warum-Frage, weil er sich so verlassen fühlt.
So oft erhalten wir in Leidenszeiten keine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Wenn eine lebensbedrohende Krankheit diagnostiziert wird, wenn ein junger Mensch stirbt, wenn eine Ehe zerbricht, wenn sich eine Gemeinde spaltet, wenn eine Naturkatastrohe maximalen Schaden verursacht. Das Warum bleibt bohrend, verletzend, deprimierend unbeantwortet.
Jesus hat am Kreuz unter größten Schmerzen genau diesen Psalm gebetet. So vieles, was David im Psalm schildert, ist auch Jesus am eigenen Leib widerfahren. Damit weist der Psalm über Davids Erleben hinaus prophetisch auf den Messias Jesus hin. Und auch heute finden sich viele Juden und Christen in Psalm 22 wieder. Wenn die eigenen Worte nicht beschreiben können, was man gerade durchmacht, gibt dieser Psalm einen Raum, sich in allem Leid bei Gott zu finden.
Den ganzen Tag über ruft David zu Gott. Eigentlich ist es kein Rufen, es ist ein Schreien, das Brüllen eines hungrigen Löwes; so lässt sich das hebräische Wort am besten übersetzen. Und auch nachts kommt er nicht zur Ruhe angesichts der großen Leiden. Neben körperlichen Schmerzen werden die schlimmsten Nöte durch feindlich gesinnte Menschen verursacht.
Weltweit werden viele Christen benachteiligt, bedrängt, verfolgt und getötet. Nur weil sie sich zu Jesus bekennen. Noch nie war das Maß an Christenverfolgung so groß wie in unseren Zeiten. Menschen anderer Religion oder Ideologie verwehren den Jesus-Leuten die Existenzberechtigung. Das fühlt sich manchmal an wie von Gott verlassen.
2. Zeiten des Lobgesangs
Den ganzen Psalm über spürt man deutlich das Schwanken zwischen Klage und Hoffnung. In all dem Schrecklichen hält David an dem Bekenntnis fest: „Aber du bist heilig“! David ist sich gewiss: Gott bleibt heilig, auch wenn ich ihn gerade nicht erlebe. Unbestreitbar – weit über meinem gegenwärtigen Empfinden – bleibt diese Realität, dass Gott heilvoll wirkt. Das zeigt der Blick in die Vergangenheit. Wie oft hatte Gott dem Volk Israel geholfen! Wie oft durfte ich seine Hilfe schon in meinem Leben erfahren. Und „wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht“, so gibt es viele neben mir, die im selben Moment Gottes Kraft erfahren. Diese objektive Tatsache bleibt, jenseits von meiner Erfahrung. Das gibt mir Hoffnung, an Gott zu appellieren: Herr, weil du schon so oft geholfen hast, darum hilf jetzt auch mir!
Deshalb gebührt Gott alles Lob. Zurzeit ist es der Lobgesang der anderen, weil mir gerade nicht nach Singen zumute ist. Aber unbestreitbar bleibt die Erinnerung an die vielen Heilstaten Gottes. Das gibt Hoffnung, das richtet wieder auf. Es ist der berühmte Silberstreif am Horizont, die Insel des Trostes im Ozean der Leiden. Dort wo sich Leidende, Verfolgte und Verzagte zum Lobgesang einfinden, erkennen sie wieder etwas von Gottes Größe. Sie sehen den Thron dessen, der alle Macht zu helfen hat. Die Aussage „der du thronst über den Lobgesängen“ kann auch übersetzt werden mit „der du wohnst inmitten des Lobgesangs“. Gott ist alles andere als ein in der Ferne thronender Herrscher. Im Gegenteil, er wohnt inmitten derer, die ihm trotz allem vertrauen und ihm dabei die Ehre geben.
Deshalb wollen wir vor Gott kommen mit unserem Lob und auch mit unseren Gebeten für alle, die um seines Namens willen leiden.