05.08.2026

Syrien: Appell an Kirchen und Politik: Glaubensfreiheit in Syrien einfordern

Gesellschaft für bedrohte Völker warnt vor wachsendem Druck auf Christen

Göttingen (IDEA) – Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV/Göttingen) hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die katholische Kirche und den Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe, Lars Castellucci, aufgefordert, sich für Glaubensfreiheit in Syrien einzusetzen. Anlass ist die Verhaftung des kurdisch-christlichen Priesters Nihad Hassan am 20. Juli in Afrin. Nach fast dreiwöchiger Haft soll der 46-Jährige inzwischen freigelassen worden sein. Die islamistischen Machthaber in Afrin werfen Hassan vor, den Islam beleidigt zu haben. Nach Informationen der GfbV habe der Geistliche jedoch lediglich Verbrechen syrischer Islamisten gegen Kurden und andere Minderheiten kritisiert. Der Kurde habe 2008 den Islam verlassen und sei zum Christentum konvertiert. „Wir vermuten, dass die Konversion zum Christentum der eigentliche Grund für die Festnahme ist. Denn nach Auffassung der Islamisten darf niemand den Islam verlassen“, erklärte der GfbV-Nahostreferent Kamal Sido. Hassan habe Glück gehabt, in der kurdischen Gesellschaft Syriens Verständnis gefunden zu haben und den Islam verlassen zu können, ohne getötet zu werden. Viele Kurden in Syrien, der Türkei, im Irak und im Iran wollten dem Islam den Rücken kehren, „da in dessen Namen täglich Verbrechen an Kurden und anderen Gemeinschaften begangen werden“.

Druck auch auf syrischen Erzbischof

Afrin steht seit 2018 unter türkischer Besetzung. Zuvor habe dort und in anderen Regionen Nordsyriens unter kurdischer Verwaltung vollständige Glaubensfreiheit – auch für Konvertiten – geherrscht, so Sido. Seit 2011 habe sich in Afrin eine kurdisch-christliche Gemeinde mit etwa 2.000 Personen gebildet, die Weihnachten öffentlich habe feiern und Gottesdienste abhalten können. Diese Freiheiten seien dem türkischen Staat und den von ihm kontrollierten islamistischen Milizen ein Dorn im Auge gewesen. Inzwischen hätten diese Milizen die Macht in Syrien übernommen. Im Dezember 2024 wurde der langjährige Machthaber Baschar al-Assad gestürzt. Seither herrscht der sunnitisch-islamistische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa (früher Abu Muhammad al-Golani). Laut GfbV setze dieses Regime auch andere christliche Geistliche unter Druck, damit sie sich gegenüber ausländischen Medien nicht kritisch zur Lage der Christen und anderer Minderheiten äußerten. Als Beispiel nannte Sido den Erzbischof von Homs, Jacques Mourad, der im Juli nach Europa gereist sei. In Interviews habe er sich kritisch geäußert und vor dem Aussterben des Christentums in der Region gewarnt. Nach seiner Rückkehr nach Syrien habe Mourad seine Aussagen in einem veröffentlichten Video teilweise relativieren müssen. Die GfbV vermutet, dass die neuen Machthaber ihn unter Druck gesetzt haben.

Warnung vor iranischem Szenario

Beide Fälle zeigten nach Ansicht Sidos, dass die neuen islamistischen Machthaber in Syrien „auf Zeit spielen“. Säßen sie fester im Sattel, würden sie die Islamisierung des Landes sowie die Unterdrückung von Christen und anderen Religionsgemeinschaften noch intensiver vorantreiben. Diese Strategie sei auch vom Mullah-Regime im Iran nach 1979 praktiziert worden: „Erst haben sie ihre Macht konsolidiert und dann vor allem konvertierte Christen, aber auch Bahai im Iran brutal verfolgt.“ Eine vergleichbare Situation könne sich in Syrien wiederholen, warnt der Menschenrechtler. Christliche Kirchen und demokratische Parteien in Deutschland, Europa und weltweit müssten die Lage der Christen und anderer Minderheiten in Syrien aufmerksam beobachten. Jegliche Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern müsse davon abhängig gemacht werden, dass das Regime vollständige Glaubensfreiheit garantiere und praktiziere – einschließlich des Rechts, den Islam zu verlassen. Nach Angaben Mourads leben von ehemals zwei Millionen Christen in Syrien nur noch 300.000 bis 350.000 im Land.