Nigeria

Länderinformation

  • Einwohner: ca. 230 Mio.
  • Hauptstadt: Abuja
  • Staatsform: Bundesrepublik
  • Staatsoberhaupt: Präsident Bola Tinubu
  • Religionen: Muslime 46,9 %, Christen 45,7 %, Animisten 7,0 % (Quelle: World Christian Database)

Christen zwischen den Mühlen von Scharia, Dschihad und Konflikten um Land 

Mit der Jahrtausendwende haben zwölf nördliche Bundesstaaten trotz der säkularen Verfassung des Zentralstaats das islamische Recht, die Scharia, eingeführt, und insbesondere auf das Strafrecht ausgeweitet. Blasphemie (Gotteslästerung) zählt demnach zu den Kapitalverbrechen: Mehrfach bereits haben nigerianische Gerichte Menschen zu langer Haft oder gar zum Tode auf der Grundlage der entsprechenden Gesetze verurteilt.  

Entgegen der anfänglichen Propaganda betreffen diese Bestimmungen sehr wohl auch Nicht-Muslime. Ein bekanntes – jedoch nicht das einzige – Beispiel ist die christliche Krankenschwester Rhoda Jatau. Am 20. Mai 2022 wurde sie festgenommen, nachdem sie über den Mitteilungsdienst WhatsApp einen Kommentar aus Ghana zum Lynchmord an der christlichen Studentin Deborah Emmanuel Yakubu im nigerianischen Bundesstaat Sokoto erhalten und an Kollegen weitergeleitet hatte. Wegen einer angeblich gotteslästerlichen Audionachricht auf WhatsApp war Yakubu – ebenfalls Christin – von einem Mob gesteinigt und verbrannt worden. Am 19. Dezember 2024 wurde Jatau glücklicherweise von den Vorwürfen freigesprochen. 

Die Einführung des islamischen Rechts führte schließlich nicht zu mehr Gerechtigkeit, wie angekündigt, sondern provozierte im Gegenteil weitere Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften. Bald bildeten sich Gruppen, für die diese begrenzte Gültigkeit des islamischen Rechts nicht weit genug geht und die daher den Umsturz der Regierung in Abuja anstreben. So hat die im Jahr 2002 gegründete islamisch-extremistische Organisation „Boko Haram“ („Westliche Bildung ist Sünde“) seit einem Aufstand im Jahr 2009 im Nordosten Nigerias und in angrenzenden Ländern zehntausende Menschen, Sicherheitskräfte wie Zivilisten gleichermaßen, ermordet; mindestens zwei Millionen Nigerianer flohen bislang vor dieser Gewalt. Von „Boko Haram“ spalteten sich mehrfach Gruppen ab, darunter 2016 auch der „Islamische Staat – West-Afrika Provinz“.  

Nigeria und seine Nachbarn Tschad, Kamerun und Niger haben durch gemeinsame militärische Anstrengungen „Boko Haram“ zwar weit zurückgedrängt. Aber radikalisierte Milizionäre führen zugleich den Dschihad im Nordosten des Landes in anderen Gruppen fort. Der Sicherheitsapparat stößt nach wie vor an seine Belastungsgrenze. Sicherheitskräfte reagieren – wenn überhaupt – nur zögerlich auf Angriffe. Diese offensichtlichen Schwächen ermutigen nicht nur zu schwerer Bandenkriminalität durch organisierte Kriminalität und Geheimbünde, sondern geben das gefährliche Signal, dass Angreifer nach Gewaltanwendung straflos entkommen können. Die Täter sind folglich nicht aufzuhalten, während überlebende Opfer hilflos, verletzt und schwer traumatisiert zurückbleiben.  

Im Nordwesten brechen nach wie vor Auseinandersetzungen um Land aus, wozu ausgedehnte Dürren beitragen. Dabei geht es auch um den Einfluss der jeweils eigenen Ethnie und Religionsgemeinschaft. Raubüberfälle, Brandschatzung, Verwüstung unter Einsatz von Sprengstoff, Vergewaltigungen, Entführungen und (Massen-)Morde bleiben vielfach ungesühnt. Inzwischen ist von der Gewalt auch Zentralnigeria und zunehmend auch der Süden des Landes betroffen. Die Spur reicht bis ins Kernland der christlichen Ethnie der Igbo im Südosten, so etwa an der Grenze Enugus zum Bundesstaat Benue. Dutzende bis mehrere hundert Mordopfer sind als Folge monatlich zu beklagen. 

Mit ausländischer Hilfe werden die Milizen mit Waffen ausgerüstet, insbesondere mit reichlich Gewehren (und die größeren Gruppen sogar mit Sprengstoff und modernsten Drohnen). Notwendige Finanzmittel beschaffen sie sich durch weitere Verbrechen: So kommt es häufig zu Entführungen, insbesondere von Pastoren und Priestern, hinter denen finanzstarke Netzwerke vermutet werden, um Lösegeld zu erpressen.  

Ein fatales Signal für Christen und die Anhänger traditionell-afrikanischer religiöser Praktiken, die auf diese Weise an ihrer freien Religionsausübung gehindert werden: Die religiös-ideologische Radikalisierung setzt sich – ungeachtet militärischen Vorgehens gegen dschihadistische Gewalt – in den vergangenen Jahren weiter fort, insbesondere unter Hirten der Volksgruppe der Fulani. Somit werden Ansprüche auf Ressourcen religiös legitimiert. Die Christen, über 40 Prozent der Bevölkerung, die überwiegend im Süden leben, werden zu Unrecht für Ungerechtigkeit, Korruption und Misswirtschaft verantwortlich gemacht. Trotz einiger Veränderungen, die der muslimische Präsident Bola Tinubu, der seit dem 29. Mai 2023 im Amt ist, in Angriff genommen hat, sind bislang dringende Reformen des Sicherheitsapparates sowie der Wirtschaft ausgeblieben. 

Die Kette der Gewalt gegen Christen hat bereits Beobachter dazu veranlasst, von einem schleichenden Genozid zu sprechen. Tatsächlich existiert eher Konkurrenz als Koordination unter den islamisch-extremistischen Gruppen, aber der Blutzoll der Christen und der Druck auf sie sind beispiellos.  

Der „Beobachtungsstelle für Religionsfreiheit in Afrika“ („Observatory for Religious Freedom in Africa“) zufolge sind allein die Milizen der Fulani für 42 Prozent der zivilen Opfer verantwortlich. Mehr als 80 Prozent der Attacken im Erhebungszeitraum zwischen Oktober 2019 und September 2023 geschahen im ländlichen Raum und richteten sich überproportional häufig gegen Christen, die laut der Statistik der Beobachtungsstelle fast dreifache Verluste zu betrauern haben.  

Michaela Koller, IGFM 

Im Folgenden seien einige Beispiele aus der Zeit der aktuellen Präsidentschaft aufgeführt:

  • An Weihnachten 2023 fielen mindestens 200 Menschen – darunter viele Kinder und Senioren – Angriffen in mehrheitlich von Christen bewohnten Gemeindegebieten von Bokkos und Barkin-Ladi im Bundesstaat Plateau zum Opfer; mehr als 500 weitere Personen überlebten verletzt und tausende Bewohner flohen. Die Täter steckten zudem hunderte Häuser und dutzende Fahrzeuge in Brand. Gleich zu Beginn des Jahres 2024 folgten weitere Attacken, insbesondere durch Hirtennomaden der Volksgruppe der Fulani. Überlebende berichten von Slogans wie „Vernichte die Ungläubigen“ und „Allahu akbar“, die die Täter ausriefen.

  • Die Welle der Gewalt ebbte im Jahr 2024 nicht ab. An Weihnachten fielen in der Stadt Anwase im Bundesstaat Benue insgesamt 47 Christen einem Massaker zum Opfer. Die Täter steckten eine Kirche mit Pfarrhaus und Gesundheits- sowie Bildungseinrichtungen in Brand. In der Region kommt es häufig zu Überfällen islamisch-radikalisierter Fulani-Hirtenbanden.

  • In der Nacht vom 12. zum 13. Juni 2025 wurden mehr als 200 Christen in der ländlichen Gemeinde Yelwata nahe Makurdi im Bundesstaat Benue von Dschihadisten aus der Volksgruppe der Fulani ermordet. Viele Überlebende vorausgegangener Attacken in dem Bundesstaat hatten in Yelwata Zuflucht gesucht, wo hauptsächlich Christen leben, wurden jedoch dort zu Opfern des nächtlichen Angriffs.

  • Allein im November 2025 wurden mindestens 400 Menschen in vier Bundesstaaten im nördlichen Zentrum Nigerias entführt, darunter Schulkinder in Niger.

  • Am 18. Januar 2026 kam es zu Massenentführungen im Dorf Kurmin Wali im Bundesstaat Kaduna: Aus zwei Kirchen wurden 177 Besucher verschleppt, 91 von ihnen konnten entkommen, die übrigen wurden Anfang Februar freigelassen.

Wir beten,

  • Für die christliche Bevölkerung in Nigeria: Mögen die Christen sich durch die Anteilnahme und Zeichen der Solidarität der internationalen Gemeinschaft und insbesondere ihrer christlichen Geschwister weltweit gestärkt fühlen und mögen sie so die Hoffnung nicht verlieren.

  • Für die politisch Verantwortlichen: Mögen sie sich ermutigt fühlen, nach Attacken von Milizen gründliche und unabhängige polizeiliche Untersuchungen zu forcieren und auf lange Sicht gegen militante islamistische Gruppen wirksam vorzugehen.

  • Für die vielen jungen Muslime, die sich scheinbar der Perspektivlosigkeit ausgeliefert sehen: Mögen sie sich nicht zu Gewaltexzessen verleiten und durch Verlockungen krimineller Banden verführen lassen. Mögen sie Möglichkeiten eröffnet bekommen, durch Arbeit und gerechten Lohn ein menschenwürdiges Leben zu führen.

  • Dass alle jungen Nigerianer ihr Herz für Verständigung und Versöhnung öffnen.