10.09.2026

Deutschland: Kritik an landeskirchlichem Interview zu „WitchTok-Trend“

Württemberg: Bibelbund-Vorsitzender: Spezifisch theologische Sichtweise fehlt

Stuttgart/Lemgo (IDEA) – Ein Interview über den sogenannten „#WitchTok-Trend“ ist auf deutliche Kritik gestoßen. In dem auf der Internetseite der württembergischen Landeskirche veröffentlichten Interview äußerten sich der Gemeindepfarrer, Autor und Podcaster Fabian Maysenhölder sowie der Referent für Weltanschauungsfragen der Landeskirche, Philipp Kohler, zu Gründen und möglichen Gefahren des modernen Hexentrends auf der Internetplattform TikTok. Der Theologe und Vorsitzende des Bibelbundes, Michael Kotsch (Lemgo), bezeichnete deren Aussagen auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA als „erstaunlich und beängstigend“. Eine spezifisch geistliche oder theologische Perspektive fehle weitgehend. TikTok-Hexerei werde vor allem als „interessante Variante“ des spirituellen Lebensstils betrachtet und als ästhetisch und lebensnah anerkannt. Kotsch kritisierte, man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass auch die Kirchenvertreter das „konkurrierende spirituelle Angebot als attraktiv“ empfänden.

Maysenhölder: Hexe als Symbol der Selbstbestimmung

So sagte Maysenhölder, es sei zunächst anzuerkennen, dass viele Aspekte des Trends auf junge Menschen attraktiv wirkten. Wer ein bestimmtes Ritual durchführe, habe das Gefühl, die Welt ein Stück weit kontrollieren zu können. Zudem sei der Zugang niedrigschwellig. Man müsse weder einer Institution beitreten noch ein bestimmtes Bekenntnis ablegen. Maysenhölder bestätigte außerdem „die emanzipatorische Kraft“ dieser Bewegung, die man ernst nehmen solle. Die Hexe als Symbol sei eine Figur, die niemanden um Erlaubnis frage, um über sich selbst zu bestimmen. Gerade für Menschen, die von traditionellen Strukturen an den Rand gedrängt worden seien, sei das eine „echte Leistung“. Auch von der „Naturverbundenheit moderner Hexen“ könne man etwas lernen.

Warnung vor Betrug

Gleichzeitig warnte Maysenhölder, kranken Menschen würden „personalisierte Distanz-Heilungssessions“ für Hunderte Euro angeboten. Wer behaupte, ein Kerzenzauber wirke gegen eine schwere Krankheit, mache keine religiöse Aussage, sondern stelle eine medizinische Falschbehauptung auf. Der eigentliche Gegenentwurf des christlichen Glaubens sei „Vertrauen statt Verfügbarkeit“. Die Form des Gebets lasse Gott die Freiheit, auch nicht zu handeln. Das sei etwas fundamental anderes als ein Ritual, das ein Ergebnis erzwingen wolle.

Kohler: Ratschlag zur Gelassenheit

Kohler rät Menschen, die Angst vor diesem Trend haben, zu etwas Gelassenheit. Aus der Beratungsarbeit der Landeskirche wisse er, dass sich vor allem Eltern Sorgen um ihre heranwachsenden Kinder machten. Der Hashtag „#WitchTok“ bringe „die großen Fragen nach Sinn, Identität und Orientierung in einer ‚Multioptionsgesellschaft‘“ zum Ausdruck. Gleichzeitig warnt er vor der Gefahr, ausgenutzt zu werden, sowie vor Kanälen, die sich bewusst mit „dunkler“ Magie beschäftigten und mit denen anderen Menschen aktiv geschadet werden solle. Nicht selten gerieten Ratsuchende in Abhängigkeitsbeziehungen. Kritisch sieht Kohler zudem eine bei „WitchTok“ verbreitete Tendenz zur Fokussierung auf sich selbst als Mittelpunkt des Weltgeschehens.

Kotsch: Gott greift aktiv ins Weltgeschehen ein

Hintergrund der kirchlichen Kritik an Internet-Hexerei sei primär ein „materialistisches, postmodernes Weltbild“, bemängelt Kotsch. Kritik werde vor allem dort geübt, wo Hexen überhöhte Preise verlangten, unrealistische Erfolge versprächen, die Selbstbestimmung gefährdeten oder an die Stelle professioneller medizinischer oder psychologischer Behandlung träten. Nach Auskunft der Bibel und der meisten Lehrer der Kirchengeschichte seien übernatürliche Kräfte aber „mehr als Psychologie und Neurologie“. Gott sei „nicht nur Inhalt eines traditionellen Glaubensbekenntnisses, sondern Teil der allgemein zugänglichen Realität“. Christen gingen davon aus, dass er aktiv ins Weltgeschehen eingreife, sich für konkrete Menschen interessiere, ihnen zuhöre und Wunder bewirke. Es sei „beschämend“, dass die Kirche diesen zentralen Aspekt der übernatürlichen Welt in ihrer Stellungnahme zur Hexerei vollkommen übergehe, kritisiert Kotsch. Außerdem enthalte der Beitrag keinen Hinweis auf die Realität schädigender Mächte, Dämonen und gefallener Engel.

 

Warnung vor okkulten Mächten

Bei vielen „WitchTok“-Angeboten handelt es sich dem Theologen zufolge tatsächlich nur um Scharlatanerie, Geldmacherei und den Versuch, die komplexe Welt mit einfachen Ritualen im Griff zu behalten. Darüber hinaus steckten hinter Zauberei und Hexerei aber auch „reale okkulte Mächte, die dem Menschen kurzzeitig helfen, ihn langfristig aber schädigen und geistlich binden“. Jesus und die Apostel sprächen von der realen, personalen Macht Gottes und der Dämonen. Der Teufel versuche, Menschen durch spirituelle Angebote und übernatürliche Phänomene von Gott zu isolieren. Die Bibel warne eindringlich davor, sich mit dem Okkulten, mit esoterischen Praktiken und Hexerei einzulassen. Nach dem Selbstanspruch Jesu gebe es nur einen glaubwürdigen Weg zu Gott.