14.10.2026
Deutschland: Katharina von Schnurbein wird neue Antisemitismusbeauftragte
Die Politikwissenschaftlerin wechselt von der EU-Kommission ins Innenministerium
Berlin/Brüssel (IDEA) – Die Bundesregierung hat eine neue Beauftragte für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus berufen. Katharina von Schnurbein, bislang Antisemitismusbeauftragte der Europäischen Kommission, tritt das Amt am 28. Oktober an. Das teilte das Bundesinnenministerium am 14. Oktober mit. Sie folgt auf den Diplomaten Felix Klein, der zum deutschen Botschafter bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris berufen wurde. Derzeit übt der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium, Christoph de Vries, das Amt kommissarisch aus. Wie die Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“ berichtete, hatte sich Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) zunächst für den Münchner Oberstaatsanwalt Andreas Franck als Nachfolger Kleins entschieden. Aufgrund von Unstimmigkeiten über beamtenrechtliche Fragen habe Franck jedoch auf das Amt verzichtet.
Elf Jahre Erfahrung auf EU-Ebene
Von Schnurbein ist seit knapp elf Jahren Antisemitismusbeauftragte der Europäischen Kommission. In dieser Funktion brachte sie fast 90 Initiativen auf den Weg. Mittlerweile nutzen alle 27 EU-Mitgliedstaaten die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), 24 von ihnen haben nationale Strategien aufgelegt und 21 Antisemitismusbeauftragte eingesetzt. Gegenüber der „Jüdischen Allgemeinen“ sagte von Schnurbein, dass sie nicht nach dieser neuen Aufgabe gesucht habe; „sie wurde an mich herangetragen“.
Evangelische Prägung und frühe Begegnung mit Holocaustüberlebendem
Die 52-jährige Politikwissenschaftlerin und Slawistin aus Regen im Bayerischen Wald entstammt einem evangelischen Adelsgeschlecht. Die Mutter von vier Kindern ist mit einem niederländischen Juristen verheiratet. Besonders geprägt hat sie nach eigenen Angaben ein Besuch in der Synagoge in Straubing im Alter von zehn Jahren, bei dem ein Holocaustüberlebender ihr seine Geschichte erzählte. Nach dem Abitur studierte sie Slawistik und Politikwissenschaft, bevor sie über verschiedene Stationen bei der Europäischen Kommission 2015 zur ersten EU-Koordinatorin für den Kampf gegen Antisemitismus berufen wurde.
Ausmaß des Judenhasses auf dem höchsten Stand „seit der Schoah“
Von Schnurbein betonte, dass sie dazu beitragen wolle, jüdisches Leben im öffentlichen Raum wieder zu normalisieren. Auf das bislang Geleistete wolle sie ausdrücklich nicht stolz sein, da das eigentliche Ziel, Antisemitismus zurückzudrängen, nicht erreicht worden sei. Das Ausmaß des Judenhasses sei „seit der Schoah“ noch nie so groß wie heute gewesen. Für ihre ersten Monate im neuen Amt plant sie Besuche in allen 16 Bundesländern, um mit jüdischen Gemeinden, Antisemitismusbeauftragten und Politikern vor Ort Kontakte zu knüpfen. „Um dem Antisemitismus, der sich auf der Straße breitmacht, entgegenzutreten, braucht es weniger öffentliche Debatten über Definitionen. Man sollte sich lieber fragen, wie man Menschen aktivieren kann, wie man Brücken baut und wie man Bündnisse schmiedet.“
Europaabgeordnete forderten ihre Entlassung
Das Engagement von Schnurbeins in Brüssel war nicht frei von politischen Reibereien. Im Sommer 2025 forderten israelkritische Abgeordnete im Europaparlament in einem Brief an die EU-Kommission ihre Entlassung. Sie soll in einem internen Austausch mit europäischen Diplomaten einseitig Partei für Israel ergriffen haben. Der Vorstoß verpuffte jedoch, da mehr als 80 jüdische Organisationen eine gemeinsame Solidaritätsadresse veröffentlichten und ihre „uneingeschränkte Wertschätzung“ für von Schnurbein ausdrückten.
Zentralratspräsident Schuster begrüßt die Wahl
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, äußerte sich in einer Presseerklärung positiv über die Berufung von Schnurbeins. Mit der Amtsübernahme stelle sie sich großen Herausforderungen: „Nach dem 7. Oktober 2023 beobachten wir nach dem explosionsartigen Anstieg des Judenhasses nun seine fortschreitende Normalisierung in der Mitte der Gesellschaft.“ Immer häufiger trage der alte Hass das neue Gewand des „‚Antizionismus‘“.