16.10.2026
Westjordanland: Jüdische Siedler dringen in christliches Zentrum ein
Herrnhuter Missionshilfe spricht von einer „Demonstration der Macht“
Ramallah (IDEA) – Im Westjordanland ist es zu Übergriffen radikaler jüdischer Siedler auf eine Einrichtung der weltweiten Evangelischen Brüder-Unität (Herrnhuter Brüdergemeine) gekommen. Betroffen ist das Förderzentrum Sternberg zwischen Ramallah und Birzeit im nördlichen Teil der Westbank. Dort werden rund 100 Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen durch etwa 20 Lehrkräfte – vorwiegend Frauen – gefördert. Wie die Herrnhuter Missionshilfe (Bad Boll) mitteilte, überwand eine Gruppe jüdischer Siedler am 9. Oktober den Schutzzaun des Zentrums, durchstreifte das Gelände und verließ die Einrichtung durch das Eingangstor. An diesem Tag sei nur ein Wachmann anwesend gewesen. Am 11. Oktober habe der Landwirt des Sternbergs festgestellt, dass ein Gewächshaus beschädigt worden sei. Die Eindringlinge hätten auch Pflanzen ausgerissen und Plastikkanäle der Wasserversorgung aufgeschnitten. Die Herrnhuter Missionshilfe hat das deutsche Vertretungsbüro in Ramallah und die deutsche Botschaft in Tel Aviv über den Vorfall informiert.
„Psychische Schäden“ sind enorm
Wie der Referent der Missionshilfe, Pfarrer Niels Gärtner (Bielefeld), auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA sagte, ging es den Eindringlingen offenbar nicht darum, große Schäden anzurichten. Vielmehr werte man die Tat als „Demonstration der Macht“. Die Siedlergruppe habe zeigen wollen, dass das ganze Westjordanland zu Israel gehöre. Eine Reaktion offizieller israelischer Stellen auf den Vorfall habe es bisher nicht gegeben. Auch wenn die Schäden in finanzieller Hinsicht überschaubar seien, „sind die psychischen Schäden und Ängste der Menschen vor Ort enorm“, so die Missionshilfe. Die christlich basierte Sozialarbeit auf dem Sternberg sei in ihrer Existenz bedroht, wenn er nicht mehr als sicherer Zufluchtsort für Menschen mit Behinderungen angesehen werde.
Bischof Haddad ruft zum Schutz des Zentrums auf
Der Bischof der rund 2.000 Mitglieder zählenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, Imad Haddad (Jerusalem), bezeichnete den Angriff in einer Stellungnahme als „Teil eines äußerst besorgniserregenden Musters israelischer Siedlergewalt“ in der Region um Ramallah. Palästinensische Häuser, landwirtschaftliche Flächen und Einrichtungen seien von Gewalt bedroht. „Kein Palästinenser im Westjordanland ist von dieser Bedrohung ausgenommen, auch nicht christliche Gemeinden und Institutionen.“ Haddad forderte die internationalen Regierungen und die religiösen Führer auf, unverzüglich und entschlossen zu handeln, um das Zentrum Sternberg zu unterstützen und das Recht der Palästinenser auf ein Leben in Frieden und Sicherheit zu schützen.