17.07.2026

Iran: UN-Experten verurteilen Kirchen-Beschlagnahmung

Sie sehen darin einen Höhepunkt von einer Reihe von Maßnahmen gegen Christen

Genf/Teheran (IDEA) – Zwei Sonderberichterstatterinnen der Vereinten Nationen (UN) haben die Beschlagnahmung des Geländes der presbyterianischen St.-Peter-Kirche in der iranischen Hauptstadt Teheran durch die iranischen Behörden verurteilt. In einer gemeinsamen Mitteilung vom 15. Juli kritisierten die UN-Sonderberichterstatterin für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Nazila Ghanea, und die UN-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte im Iran, Mai Sato, die Vertreibung der 20 auf dem Kirchengelände wohnenden armenischen und assyrischen Familien scharf. Zum Hintergrund: Anfang Juli hatte die christliche britische Hilfsorganisation Article18 (London) berichtet, dass die auf dem Kirchenkomplex lebenden Familien zur Räumung ihrer Wohnungen aufgefordert und die Gottesdienstbesucher angewiesen wurden, sich eine andere Kirche zu suchen. Nach Angaben eines Ex-Pastors der Kirche wurde den aktuellen Gemeindeleitern mit Verhaftung gedroht, falls die Familien der Aufforderung nicht nachkämen. Die St.-Peter-Kirche wurde von amerikanischen Missionaren gegründet und 1876 eingeweiht. Grundlage der Enteignung ist ein Urteil eines Revolutionsgerichts aus dem Jahr 1998, das das Grundstück der staatlichen Stiftung „Execution of Imam Khomeini’s Order“ (EIKO/Vollstreckung des Befehls von Imam Chomeini) zuspricht.

Komplex könnte abgerissen werden

Das rund vier Hektar große Gelände mitten im Zentrum von Teheran umfasst nach Angaben der beiden UN-Experten neben dem Kirchengebäude zwei Schulen, Wohnhäuser sowie Büros – darunter jene der Bibelgesellschaft und des Rates Evangelischer Kirchen im Iran. Auf dem Komplex wohnten vor allem einkommensschwache Familien. „Zwangsräumungen sind mit dem internationalen Menschenrechtsschutz unvereinbar und riskieren, dass Angehörige anerkannter religiöser und ethnischer Minderheiten obdachlos werden“, so Ghanea und Sato. Wie aus der Mitteilung hervorgeht, hat am 12. Juli der letzte Bewohner das Gelände verlassen. Die Expertinnen befürchten, dass der Komplex nun abgerissen werden könnte.

„Kein Einzelfall“

Der Vorgang sei „kein Einzelfall, sondern der Höhepunkt einer langen Reihe von Maßnahmen, die sich gegen die christliche Gemeinschaft im Iran und insbesondere gegen den persischsprachigen christlichen Gottesdienst richten“, erklärten die UN-Sonderberichterstatterinnen. Früher habe es im Iran etwa 50 protestantische Kirchen gegeben, von denen die meisten Gottesdienste auf Persisch abhielten. Heute gebe es praktisch keine mehr, da sie entweder geschlossen wurden oder das Abhalten von Gottesdiensten auf Persisch einstellen mussten. Die letzten drei anglikanischen Kirchen, denen es noch gestattet war, dürften seit Beginn der Corona-Pandemie nicht mehr öffnen. „Die Religions- und Weltanschauungsfreiheit umfasst die Freiheit, in Gemeinschaft mit anderen und in der eigenen Sprache Gottesdienst zu feiern sowie Gebetsstätten zu unterhalten“, betonten die beiden Expertinnen. Werde eine Kirche beschlagnahmt, verliere eine Glaubensgemeinschaft „nicht nur ein Gebäude, sondern einen Ort des Gottesdienstes und des Gemeinschaftslebens“.

Was die UN fordern

Die Sonderberichterstatterinnen wiesen ferner darauf hin, dass Christen im Iran weiterhin Verhaftungen, Inhaftierungen und Misshandlungen ausgesetzt seien. Mindestens 79 Christen befänden sich in Haft, die große Mehrheit seien ehemalige Muslime. Einige seien unter Folter zu Geständnissen gezwungen worden. Ghanea und Sato forderten die iranischen Behörden dazu auf, den Bewohnern und den Mitgliedern der St.-Peter-Kirche die Rückkehr zu ermöglichen, alle Drohungen und Einschüchterungen gegen die Kirchengemeinschaft einzustellen und willkürlich Inhaftierte freizulassen. Man stehe mit der iranischen Regierung in Kontakt, um die Vorgänge zu klären. Von den rund 90 Millionen Einwohnern des Landes sind etwa 98 Prozent Muslime. Der Anteil der Christen liegt laut Schätzungen christlicher Hilfswerke bei rund einem Prozent.