20.09.2026
Deutschland: 4.200 Menschen beim „Marsch für das Leben“
Berlin: Bundesverband Lebensrecht warnt vor einer „Normalisierung des Tötens“
Berlin (IDEA) – Rund 4.200 Menschen haben nach Angaben des Veranstalters, dem Bundesverband Lebensrecht (BVL/Berlin), am 19. September am „Marsch für das Leben“ in Berlin teilgenommen. Die Polizei sprach von etwa 2.200 Demonstranten sowie mehreren hundert Gegendemonstranten. Gegenüber anderen Medien nannten die Beamten eine Zahl von bis zu 300 Gegendemonstranten. Nach eigenen Angaben waren 1.150 Polizisten aus mehreren Bundesländern im Einsatz. Bei der Auftaktkundgebung am Washingtonplatz warnte die BVL-Vorsitzende Alexandra Maria Linder (Willich) vor einer „Normalisierung des Tötens unschuldiger Menschen“. Menschen würden „begrifflich entmenschlicht“, nach willkürlichen Kriterien aussortiert und für weniger wert erklärt. Als Beispiele nannte Linder ein Gesetz im US-Bundesstaat Massachusetts, das Abtreibungen bis zur Geburt erlaube, sowie das Angebot der Euthanasie als „gleichwertige Alternative“ zu medizinischen Behandlungen in Teilen Kanadas.
Linder: Kinderwunsch junger Menschen sinkt erstmals
Die Demokratie in Deutschland sei vor allem dann in Gefahr, wenn ihre Grundlagen verlassen würden – etwa „wenn man versucht, vorgeburtliche Kinder aus dem Menschsein herauszudefinieren“ oder „zur bestellbaren Ware“ zu machen und Frauen „als Gebärmaschinen“ zu degradieren. Linder verwies zudem darauf, dass erstmals der Kinderwunsch junger Menschen sinke – aus Angst vor Krieg, Wirtschaftskrisen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Wer in schwierigen Lebenslagen – etwa in einem Schwangerschaftskonflikt, in Krankheit, mit Behinderung oder am Lebensende – zusätzlich einsam sei, treffe aufgrund mangelnder Hilfe möglicherweise „keine Lebens-, sondern eine Todesentscheidung“. Es sei Aufgabe der Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass Menschen gar nicht erst in eine solche Lage kämen. Die Verteidigung jedes Lebens sei eine „zivilisatorische Aufgabe“ und eine Grundaufgabe eines modernen demokratischen Staates.
Kaminski: „Erst das Kind“
Die Bundesvorsitzende der „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALfA), Cornelia Kaminski (Fulda), widmete ihre Rede dem Thema der Leihmutterschaft. Sie berichtete von einem 14-jährigen Mädchen aus Georgien, das nach einer Schwangerschaft aus einem Frauenhaus geworfen worden sei und viermal als Leihmutter Kinder für fremde Menschen ausgetragen habe – „nicht aus Idealismus“, sondern aus purer Not. Kaminski wandte sich gegen die verbreitete Rede vom „Babyglück“ bei Leihmutterschaften prominenter Personen wie den CDU-Politikern Jens Spahn und Hendrik Streeck: „Da ist ein Baby in dieses Haus gekommen, das schon im Kreißsaal seine Mutter verloren hat.“ Für das Kind sei die austragende Mutter neun Monate lang „die ganze Welt“ gewesen. Werde es dieser sofort nach der Geburt entrissen, sei das „kein Babyglück“, sondern „ein Albtraum“ und „ein himmelschreiendes Unrecht“. Ein Verbot von Leihmutterschaft in Deutschland reiche nicht aus, solange wohlhabende Deutsche in die USA, die Ukraine oder Georgien ausweichen könnten. Sie betonte: „Erst das Kind – nicht die Bedürfnisse von Erwachsenen.“ Deutschland habe aufgrund seiner Geschichte eine besondere Verantwortung: Schon einmal sei danach selektiert worden, wer ein Recht auf Leben habe und wer nicht. Nun müsse sich Deutschland an die Spitze einer Bewegung stellen, die Leihmutterschaft international verbietet.
Hüppe: Bluttest dient nur der Selektion
Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und Mitbegründer der „Christdemokraten für das Leben“ (CDL), Hubert Hüppe (Unna), kritisierte scharf die Kassenfinanzierung des nicht-invasiven Pränataltests (NIPT). Ein Staat sei „nicht inklusiv, wenn er 60 Millionen Krankenkassenmittel ausgibt für einen Bluttest, der Trisomien feststellen soll, zum Beispiel das Down-Syndrom, nur um sie zu selektieren“. Der Test habe keinen therapeutischen Sinn und widerspreche der UN-Behindertenrechtskonvention. Neun von zehn Kindern mit Trisomie 21 würden vorgeburtlich getötet. Hüppe nannte es einen Skandal, dass ungeborene Menschen mit Behinderung in Deutschland bis zur Geburt abgetrieben werden dürften – selbst wenn sie außerhalb des Mutterleibes lebensfähig wären. Zugleich bekannte sich Hüppe zur Inklusion nach der Geburt: „Die Angst vor Menschen mit Behinderung wäre nicht so groß, wenn wir nicht immer getrennt aufwachsen würden.“
Godsey: „Jeden Tag für das Leben eintreten“
Der Präsident der US-Lebensrechtsorganisation „Heartbeat International“ (Columbus/Bundesstaat Ohio), Jor-El Godsey, rief dazu auf, den Einsatz für das Leben nicht auf öffentliche Demonstrationen zu beschränken. Kundgebungen forderten Politiker heraus, weckten das Bewusstsein und riefen zur Gerechtigkeit auf. „Aber wir können nicht nur einmal im Jahr marschieren. Wir müssen jeden Tag für das Leben eintreten.“ Innere Zweifel, wirtschaftliche Schwierigkeiten und kultureller Druck könnten Frauen inmitten einer ungeplanten Schwangerschaft davon überzeugen, dass eine Abtreibung ihre einzige Option sei. Wie der barmherzige Samariter müssten Christen in solchen Situationen ganz praktisch helfen – mit Hoffnung, Hilfe und einer führenden Hand. Schwangerenberatungsstellen und Hotlines leisteten diese Arbeit weltweit. „Heute marschieren wir für das Leben. Morgen lasst uns das Leben feiern.“
Protestaktionen begleiten den Marsch
Wie in den Vorjahren wurde der Marsch auch von Protestaktionen begleitet. So veranstaltete das Berliner „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ parallel eine Gegendemonstration unter dem Motto „Es reicht! Sichere und legale Schwangerschaftsabbrüche – JETZT!“. Unterstützer des Bündnisses sind unter anderem Bundestagsabgeordnete der Parteien Bündnis 90/Die Grünen, SPD und „Der Linken“, aber auch die „Omas gegen Rechts“, das Frauenwerk der Nordkirche und der Verband „pro familia“. Der Marsch wurde mehrfach durch zwischenrufende Gegendemonstranten am Straßenrand gestört. An einem Gebäude der Charité in der Luisenstraße seilten sich einige der Protestler auf einen gläsernen Verbindungsgang zwischen zwei gegenüberliegenden Gebäuden des Krankenhauses ab. Weitere zerschlugen ein Fenster, um auf den Gang zu gelangen. Sie versuchten, ein Banner zu entrollen und die Polizei hinderte sie dabei. Die Berliner Polizei meldete über den Vorfall auf dem Nachrichtendienst X, dass sich 30 bis 40 Personen Zutritt zur Charité verschafft hätten, die wegen des Verdachts auf Hausfriedensbruch überprüft wurden. Der nächste „Marsch für das Leben“ in Berlin findet am 18. September 2027 statt.