28.10.2026
China: „Gott lässt die Tür immer einen spalt offen“
Obwohl die Kommunistische Partei seit Jahrzehnten den Atheismus propagiert, leben in China viele Millionen Christen. Mit immer neuen Gesetzen verschärft die Partei die Kontrolle über die Gläubigen, vor allem in den nicht registrierten Hauskirchen
(IDEA) Obwohl die Kommunistische Partei seit Jahrzehnten den Atheismus propagiert, leben in China viele Millionen Christen. Mit immer neuen Gesetzen verschärft die Partei die Kontrolle über die Gläubigen, vor allem in den nicht registrierten Hauskirchen. Das Hilfswerk Open Doors gibt einen Einblick.
Als Pastor Jin Mingri Anfang Juli nach dem persönlichen Einsatz von US-Präsident Donald Trump freikam und in die USA ausreisen durfte, machte das weltweit Schlagzeilen – denn gute Nachrichten für Chinas Christen sind rar geworden. Die von ihm gegründete Pekinger Zion-Kirche galt bei seiner Verhaftung 2025 als eines der größten und einflussreichsten Netzwerke der chinesischen Untergrundkirche: über 10.000 Mitglieder in rund 40 Städten. Wie viele Hauskirchen war sie offiziell illegal, wurde aber lange geduldet, solange der Staat der Zivilgesellschaft etwas mehr Raum ließ. Doch dieser Spielraum schrumpft. Wie stark der Druck wächst, zeigt der Weltverfolgungsindex: 2018 lag China noch auf Rang 43, heute steht es auf Rang 17.
Glaube nur unter Parteiaufsicht
Dahinter steht ein Grundsatz: Die Kommunistische Partei Chinas (KPC) betrachtet Religion als Bedrohung, erst recht, wenn sie sich staatlicher Kontrolle entzieht. Mit der Politik der „Sinisierung“ unterstellt sie seit Jahren alle gesellschaftlichen Kräfte ihrer Führung, auch die Religionsgemeinschaften. Deren Lehren, Bräuche und Moralvorstellungen müssen sich der dominierenden Han-chinesischen Kultur anpassen.
Christen werden deshalb zunehmend gedrängt, sich registrierten Kirchen anzuschließen. Diese stehen unter staatlicher Aufsicht und folgen der Ideologie der Partei; Predigten und Personalentscheidungen werden kontrolliert. Viele Gemeinden lehnen eine Registrierung daher ab und zahlen dafür einen hohen Preis: Razzien, Schließungen, Verhaftungen von Leitern und die Beschlagnahmung christlicher Materialien häufen sich.
Gesetz um Gesetz wird es enger
Unter Xi Jinping, seit rund 14 Jahren Parteichef, ist der Wirkungskreis der Hauskirchen systematisch beschnitten worden. Seit 2018 hat die Regierung in rascher Folge neue Vorschriften erlassen, die vor allem Pastoren und Gemeindeleitern kaum noch Handlungsfreiheit lassen. Nach dem Ende der Pandemie 2023 hat sich die Verfolgung nochmals verschärft und erfasst immer mehr Regionen und Gruppen, weil die Partei zunehmend auf „nationale Sicherheit“ und die Kontrolle potenziell „gefährlicher“ Unruheherde setzt. Zugleich nehmen Anklagen gegen Christen zu, die scheinbar nichts mit Religion zu tun haben, etwa wegen „illegaler Geschäfte“ oder „Betrugs“. Solche Anklagen sind zu einer Art „neuem Standard“ geworden – womöglich, um der Bevölkerung zu zeigen, dass der Staat sie vor gefährlichen Gruppen schützt.
Online-Vorschriften bringen weitere Einschränkungen
Seit September 2025 verbieten neue Online-Vorschriften Geistlichen digitale Gottesdienste, Spendensammlungen und christliche Jugendarbeit außerhalb staatlicher Kontrolle. Pastor Jin wurde wenige Wochen später wegen „illegaler Nutzung von Informationsnetzwerken“ verhaftet, weil seine Zion-Kirche einen der größten Zoom-Gottesdienste des Landes anbot.
Auch 2026 ging es weiter: Am 1. Januar trat das revidierte „Gesetz zur öffentlichen Sicherheit“ in Kraft. Es ahndet „illegale religiöse Aktivitäten“ und trifft damit besonders die Hauskirchen. Am 1. Juli folgte das Gesetz zur „Förderung der ethnischen Einheit und des Fortschritts“. Es zielt vor allem auf die ethnischen Minderheiten und schreibt unter anderem den Vorrang von Mandarin vor; Beobachter sprechen von „Assimilierung“. Ausdrücklich nimmt es auch religiöse Autoritäten wie buddhistische Mönche und Kirchenleiter in die Pflicht. Für Christen unter den Minderheiten drohen damit schärfere Konsequenzen als zuvor.
Abgetaucht, aber nicht allein
Weit über die Zion-Kirche hinaus spüren Zehntausende Gemeinden die Folgen. Viele haben sich in kleine Gruppen aufgeteilt und noch weiter aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, um den Behörden nicht aufzufallen. So auch die Gemeinde von Jinyi (Name geändert). Nach der zweiten Razzia wurde ihr Ehemann als Leiter verhaftet. „Es gab so viele Momente, in denen ich aufgeben wollte“, erinnert sie sich. Kraft habe ihr der Gedanke gegeben, dass weltweit viele Christen für sie beten. Während sich einige Kirchen auflösen, will die mutige Christin weitermachen. Geschichten wie die von Jinyi zeigen: Der Druck ist enorm, und doch wirkt Gott weiterhin in seiner Gemeinde in China. Das betont auch Yun (Name geändert): „Seht die gegenwärtige Situation in China nicht hoffnungsloser, als sie ist. Natürlich stehen die Christen unter hohem Druck, aber es ist nicht so schrecklich, wie es scheint. Gott lässt die Tür für uns immer einen Spalt weit offen. Und durch diesen Spalt entfaltet sich sein Reich auch weiterhin.“
Hintergrundinformationen
1949 rief Mao Tse-tung die Volksrepublik China aus. Xi Jinping, seit 2012 Generalsekretär der KPC, gilt als mächtigster Führer seit Mao. Seine Vorstellungen vom nationalistischen Sozialismus flossen 2017 in die Parteiverfassung. Sie und die Sinisierung – die Anpassung an Chinas Kultur und sozialistische Werte – sollen Volk und Religionen auf Linie bringen. Registrierte Kirchen gehören zur Drei-Selbst-Bewegung oder zur Katholisch-Patriotischen Vereinigung. Illegale Haus- und Untergrundkirchen werden zunehmend verfolgt. Geistliche müssen Partei und Sozialismus unterstützen, sonst drohen Strafen. Hunderte Millionen Kameras, teils mit Gesichtserkennung, überwachen Menschen. Künstliche Intelligenz (KI), die Muster leicht erkennt, verstärkt die digitale Kontrolle weiter. Religions-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit bleiben Theorie. Mit Partnerschaften, z. B. mit den BRICS-Staaten, will China weltweit Einfluss gewinnen und Menschenrechte umdeuten. Die Zahl der Christen im Land ist schwer zu bestimmen. Unabhängige Schätzungen liegen zwischen 96 und 130 Millionen; die meisten gehören Untergrund- oder Hauskirchen an. Die Regierung meldete 2018 rund 38 Millionen Protestanten und 10 bis 12 Millionen Katholiken – laut Experten deutlich zu wenig. Während einige weiter von einem Wachstum ausgehen, sieht das Pew Research Center eher eine Stagnation.
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