28.10.2026

Pakistan: Vom Ziegelofen in die Freiheit

Ohne Land, ohne Bildung und ohne Fürsprecher: Christen in Pakistan stehen am Rand der Gesellschaft und können sich kaum gegen Unrecht wehren. Viele geraten deshalb in Schuldknechtschaft, aus der es für sie allein kaum einen Ausweg gibt.

(IDEA) Christian Solidarity International (CSI) zeigt auf, wie tief diese Not reicht.

Er bestimmte ein Vierteljahrhundert über unser Leben“, erinnert sich Bashir Masih. Viele Jahre arbeitete er als Schuldknecht in einer Ziegelei bei Faisalabad (Provinz Punjab). Völlig vom muslimischen Besitzer abhängig, schuftete der 48-jährige Christ ohne Schutz und ohne Rechte. Seinen Arbeitsort durfte er nicht verlassen. Das galt auch für seine Frau Shazia (43) und die drei Kinder Preshay (11), John Azeem (9) und Matthew (7). Dass Bashir und seine Familie dem Ziegeleibesitzer so ausgeliefert waren, ist kein Einzelfall. Es hat System: Im mehrheitlich muslimischen Pakistan gelten Christen als Bürger zweiter Klasse. Sie haben kaum Fürsprecher, und ihnen fehlt das Ansehen, um sich erfolgreich gegen Benachteiligung zu wehren. Viele von ihnen sind Analphabeten und können die Verträge nicht lesen, die sie arglos mit ihrem Daumenabdruck bestätigen. Hinzu kommen die rigiden Blasphemiegesetze: Schon eine falsche Anschuldigung kann Christen Besitz und Leben kosten.

Generationen in der Ziegelsklaverei

Am deutlichsten eigt sich diese Schutzlosigkeit in den Ziegeleien. Das US-Außenministerium schätzte 2025, dass in Pakistan rund 4,5 Millionen Menschen in sklavenähnlichen Verhältnissen leben. Die Ziegelherstellung gehört dabei zu den wichtigsten Branchen. Anders als Textilien werden Ziegel nicht exportiert, deshalb greifen hier keine Lieferkettengesetze. Schätzungen zufolge stellen Christen rund 60 % der Arbeitskräfte in den Ziegeleien im Punjab, obwohl sie nur 2 % der Bevölkerung ausmachen. Mitunter wird ihnen dort sogar der Zugang zu Kirchen verwehrt. Zwar hat Pakistan die Schuldknechtschaft 1992 verboten, doch das Gesetz wird nur unzureichend umgesetzt. Ziegelei- und Großgrundbesitzer gehören oft selbst zur lokalen politischen Elite oder finanzieren sie. Deshalb zögern Polizei und Gerichte, zugunsten religiöser Minderheiten einzugreifen. Für christliche Familien ohne Land und gesellschaftlichen Einfluss ist es so besonders schwer, sich gegen die Besitzer zur Wehr zu setzen.

Dass gerade Christen so häufig in dieser Lage sind, hat historische Wurzeln. Viele ihrer Vorfahren gehörten niedrigen hinduistischen Kasten an und wurden während der britischen Kolonialzeit im 19. und 20. Jahrhundert Christen. Diese Herkunft prägt ihre gesellschaftliche Stellung bis heute. Weil diese Gruppen nie eigenes Land besaßen, sind sie weiterhin auf schlecht bezahlte, gefährliche Arbeit angewiesen. Dazu gehört neben der Ziegelherstellung auch die Reinigung von Abwasserkanälen. Diese strukturelle Armut macht sie anfällig für ausbeuterische Kredite von Land- oder Ziegeleibesitzern, sobald ein medizinischer Notfall oder eine familiäre Krise eintritt.

Eine Niere für die Schulden

So war es auch bei Bashir: Weil sein Vater an Asthma und Arthritis litt, musste die Familie immer wieder Geld beim Ziegeleibesitzer leihen. Als die Schulden wuchsen, verkaufte der verarmte Christ sogar eine Niere, um einen Teil davon zu tilgen. „Ich habe einen Teil meines Körpers aufgegeben, nur um ein wenig Frieden zu finden“, sagt er. Doch das Opfer war vergebens, die Familie blieb in der Schuldenfalle. Seitdem fiel Bashir die Arbeit schwerer denn je, vor allem in der Sommerhitze. Inzwischen brauchte er selbst medizinische Hilfe. Vielen Ziegeleisklaven geht es ähnlich: Nach jahrzehntelanger Arbeit und Unfällen werden sie zu Pflegefällen, und ihre Nachkommen müssen sich erneut Geld leihen. So bleiben ganze Generationen an die Ziegeleien gebunden.

Keine Zeit zum Lernen und Spielen

Wenn die Kräfte der Eltern schwinden, müssen die Kinder einspringen. Auch Preshay und ihre Brüder packten nach der Schule mit an, zwischen Schlamm und Ofenqualm. Zum Lernen und Spielen blieb kaum Zeit. Doch ohne Ausbildung ist ihr Schicksal praktisch vorgezeichnet. Wie ein „Käfig“ sei die Ziegelei gewesen, sagt die Elfjährige. Das Mädchen und seine Brüder hofften, später eine Ausbildung machen zu können. „Unsere Haut brannte ständig vom Schmutz.“

Freiheit und ein neuer Anfang

Für Preshay und ihre Familie hat sich dieser Käfig inzwischen geöffnet: Seit dem 24. Juli 2026 sind die Masihs frei. Mit Hilfe eines deutschen Unternehmens beglich CSI ihre Schulden und bezahlte die medizinische Versorgung der Familie. Um neu anzufangen, zog die Familie in ein anderes Dorf. Dort hat Bashir eine Lasten-Rikscha bekommen, mit der er nun selbst Geld verdient. „Ich bin endlich ein freier Vater, der aufrecht stehen und seine Kinder beschützen kann.“ Seine Frau Shazia betreibt eine kleine Schneiderei. Die Kinder können sich jetzt ganz auf die Schule konzentrieren. „Wir schauen nicht mehr auf Ziegelsteine – wir schauen nur noch auf unsere Bücher und unsere Zukunft“, erzählt Preshay.

Nach 25 Jahren bestimmt kein Ziegeleibesitzer mehr über das Leben der Masihs. Unzählige andere christliche Familien in Pakistan warten dagegen noch immer auf diesen Tag. Für sie bleibt der Weg vom Ziegelofen in die Freiheit vorerst versperrt.

Hintergrundinformationen:

Christen werden in Pakistan vielfach benachteiligt und verfolgt. Islamisten schüren Hass und stacheln mit Blasphemievorwürfen zu Gewalt an. Schon eine Anschuldigung kann für Betroffene und ihre Familien tödlich enden. Die Blasphemiegesetze sehen Strafen bis hin zum Tod vor. Häufig werden sie für persönliche Rache oder wirtschaftliche Vorteile missbraucht. Überproportional häufig sind Christen betroffen. Konvertiten müssen zudem mit Gewalt durch ihr Umfeld rechnen, da sie als Abtrünnige gelten. Religiöse Vorurteile und Kastendenken drängen viele Christen in schlecht bezahlte Arbeit und begünstigen Schuldknechtschaft – eine Form der Sklaverei, von der Großgrundbesitzer profitieren. Christinnen sind zudem von Zwangskonversion zum Islam und Zwangsheirat mit Muslimen bedroht.

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