29.10.2026

Deutschland: Höchste Zahl an Selbsttötungen seit 1998

Starker Anstieg bei Frauen – unter anderem durch Selbstvergiftung

Kassel (IDEA) – In Deutschland haben sich im Jahr 2025 so viele Menschen das Leben genommen wie seit 1998 nicht mehr. 11.334 Menschen starben durch Suizid und damit 9,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Das teilten das Nationale Suizidpräventionsprogramm für Deutschland und die Deutsche Akademie für Suizidprävention am 28. Oktober in Kassel mit. Grundlage ist die Todesursachenstatistik für 2025. Demnach ist die Zahl der Suizide seit 2021 um rund 23 Prozent gestiegen. Zuvor war sie über Jahrzehnte tendenziell gesunken. Männer sind mit einem Anteil von 69,2 Prozent weiterhin deutlich häufiger betroffen. Die Suizidraten nähern sich jedoch zunehmend an: Seit 2020 stieg die Zahl der Suizide bei Frauen um 54 Prozent, bei Männern um 13 Prozent.

Mehr Selbstvergiftungen mit Arzneimitteln

Besonders auffällig sei der Anstieg der Todesfälle durch Selbstvergiftung mit Arzneimitteln und anderen Substanzen, hieß es. Bei Frauen stieg ihre Zahl 2025 auf 1.593 (2024: 1.073). Rechnerisch geht damit nahezu der gesamte Anstieg bei Frauen auf diese Todesursachen zurück. Diese Entwicklung falle zeitlich mit einer deutlichen Zunahme assistierter Suizide zusammen. Drei Suizidhilfe-Organisationen meldeten für 2025 insgesamt 1.287 begleitete Selbsttötungen, nach 977 im Vorjahr. Assistierte Suizide würden in der bundesweiten Todesursachenstatistik nicht gesondert ausgewiesen, erklärten Präventionsprogramm und Akademie. Die verfügbaren Daten begründeten aber die Vermutung, dass die zunehmende Suizidassistenz zum Anstieg bei Frauen beitrage. In welchem Umfang bleibe offen. Die beiden Organisationen fordern deshalb, assistierte Suizide bundesweit einheitlich und unabhängig zu erfassen. Im Februar 2020 hatte das Bundesverfassungsgericht das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung aufgehoben. Der entsprechende Paragraph 217 des Strafgesetzbuches stellte die auf Wiederholung angelegte Hilfe zur Selbsttötung unter Strafe, und zwar auch dann, wenn damit kein Geld verdient wurde.

Chefarzt: Lücke bei der Suizidprävention

Der Ärztliche Direktor und Chefarzt der DGD Klinik Hohe Mark (Oberursel bei Frankfurt am Main), Prof. Markus Steffens, sieht mehrere Ursachen für die Entwicklung. Auf Nachfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA verwies er zunächst auf die Corona-Pandemie. Mit zeitlichem Abstand hätten psychische Erkrankungen zumindest in bestimmten Altersgruppen zugenommen, vor allem durch Einsamkeit. Damit sei auch die Suizidalität gestiegen. Hinzu komme die Aufhebung des Verbots der geschäftsmäßigen Suizidhilfe im Jahr 2020. Das Bundesverfassungsgericht habe zwar mehr Suizidprävention empfohlen. Politisch und wirtschaftlich seien entsprechende Maßnahmen aber bisher weder eingeleitet noch gefördert worden. „Da gibt es einfach eine Lücke“, so Steffens.

Anstieg bei älteren Frauen besonders besorgniserregend

Besonders besorgniserregend sei der Anstieg bei älteren Frauen, vor allem bei Suiziden mit Medikamenten. Diese zählten zu den sogenannten weichen Suizidmethoden. Seit langem sei bekannt, dass Frauen eher zu solchen Methoden griffen. Männer wählten dagegen eher harte Methoden wie den Sprung aus großer Höhe oder Schusswaffen. Zugleich verzeichneten die Suizidhilfe-Organisationen seit einigen Jahren einen enormen Zulauf. Nach klinischer Beobachtung nähmen vor allem ältere Menschen, insbesondere ältere Frauen, assistierte Suizide in Anspruch, so Steffens.

Warum Männer häufiger betroffen sind

Dass Männer seit vielen Jahren deutlich häufiger durch Suizid sterben, erklärt Steffens unter anderem mit den unterschiedlichen Methoden. „Weiche“ Methoden würden häufiger überlebt. Zudem seien Frauen bislang eher bereit gewesen, sich professionelle Hilfe zu suchen und sich ihrem Umfeld anzuvertrauen. Männer hätten ihre Probleme dagegen eher für sich behalten. Zu berücksichtigen seien außerdem Suizidversuche, die nicht zentral erfasst würden. Nach einer Studie in Frankfurt am Main, an der seine Klinik beteiligt war, sei von etwa 20 Mal so vielen Suizidversuchen wie erfolgten Selbsttötungen auszugehen. Bei den Suizidversuchen überwögen die Frauen.

 

Warnsignale ernst nehmen

Laut Studienlage steht hinter Suizidgedanken in 90 bis 95 Prozent der Fälle eine psychische Erkrankung, häufig eine Depression, sagte Steffens. Als Warnsignale nannte er unter anderem sozialen Rückzug, äußerliche Veränderungen wie auffällig viel schwarze Kleidung, vernachlässigte Ernährung und Körperpflege, Stimmungstiefs und Schlafstörungen. Hellhörig machen sollten auch direkt oder indirekt geäußerte lebensmüde Gedanken, das Verschenken persönlich wichtiger Dinge und ein plötzlich aufgesetztes Testament. Gleiches gelte für riskantes Verhalten, etwa beim Autofahren oder beim Alkoholkonsum. Akute Suizidalität entwickle sich meist über Tage oder Wochen und verlaufe für Betroffene sehr bewusst. Sie teilten sich jedoch selten mit.

Wie Angehörige helfen können

Der wichtigste Schritt für Angehörige, Freunde und Kollegen sei deshalb, Betroffene anzusprechen und gezielt nach Suizidgedanken zu fragen. Steffens: „Es gibt immer so die Tendenz: Man sollte das Thema nicht ansprechen, weil damit könnte man schlafende Hunde wecken. Aber das ist Quatsch, das ist einfach falsch.“ Viele Patienten seien im Nachhinein dankbar gewesen, angesprochen worden zu sein. Hilfreich sei es, respektvoll und ohne Wertung zu signalisieren: „Ich bin für dich da.“ Angehörige sollten aber auch auf ihre eigenen Grenzen achten und sich früh Unterstützung holen. Anlaufstellen seien etwa psychosoziale Beratungsstellen, Krisentelefone, die Seelsorge vor Ort oder die Telefonseelsorge. In akuten Krisen könnten sich Betroffene und Angehörige an psychiatrische oder psychosomatische Kliniken wenden. Lehne ein Betroffener jede Hilfe ab und bleibe ein ungutes Gefühl, sollten Angehörige den ärztlichen Notdienst oder den Rettungsdienst hinzuziehen. Wer bei sich selbst Anzeichen einer Depression oder Suizidgedanken bemerke, solle sich zunächst an seinen Hausarzt wenden. Dieser könne erste Behandlungsschritte einleiten und bei Bedarf an Fachärzte oder Psychotherapeuten vermitteln. Gelebter religiöser Glaube sei mit Blick auf Suizidalität ein Schutzfaktor, betonte Steffens: „Das ist wissenschaftlich gut gesichert.“ Ein Schutzfaktor senke das Risiko jedoch nur und hebe es nicht auf: „Auch gläubige Menschen können beispielsweise im Rahmen einer Depression suizidal werden.“

Erste Hilfe bei Suizidgedanken bietet die Telefonseelsorge:  0800 1110111 – rund um die Uhr, kostenlos und anonym.