29.10.2026

Somalia: Ein Glaube, der alles kostet

In Somalia kann der Glaube an Jesus lebensgefährlich sein. Christen drohen Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt. Coworkers erzählt die Geschichte eines Mannes, der trotz dieser Gefahr an seinem Glauben festhält.

( IDEA) In Somalia kann der Glaube an Jesus lebensgefährlich sein. Christen drohen Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt. Coworkers erzählt die Geschichte eines Mannes, der trotz dieser Gefahr an seinem Glauben festhält.

Als Kinay (Name geändert) auf „Senden“ klickt, weiß er, was er riskiert. Auf der Online-Plattform einer christlichen Partnerorganisation von Coworkers kritisiert er anonym die Regierung Somalias dafür, wie sie mit Christen umgeht: Sie schränkt ihre Rechte ein und überlässt sie schutzlos ihrem feindseligen Umfeld. Unter seinem echten Namen hätte den Familienvater diese Äußerung wohl sofort seinen hochrangigen Posten in einer Behörde gekostet. Frustriert über die Verhältnisse in seiner Heimat, hatte er sich zuvor auf die Suche nach Antworten gemacht. Viele davon fand er in der Bibel.

Im Untergrund

Damit gehört Kinay zu einer Gruppe, die in Somalia als Verräter gilt. Für einen Großteil der somalischen Bevölkerung ist der Islam eng mit der eigenen, auch nationalen Identität verbunden. Die Regierung unterdrückt Christen vor allem rechtlich: Die Verfassung erklärt den Islam zur Staatsreligion. Gesetze müssen mit der Scharia vereinbar sein. Eine Kirche gibt es offiziell nicht, und christliches Leben ist im Alltag praktisch nicht vorgesehen. Bedrohte Christen können kaum auf Schutz durch Polizei oder Justiz hoffen.

Eine besondere Gefahr geht für Christen von der Terrorgruppe Al-Shabaab aus, die einen Teil des Landes kontrolliert. Ihr Ziel ist ein streng islamistischer Staat; dafür will sie alle Christen im Land auslöschen. Die Regierung hält die Miliz zwar für unislamisch, doch das Land hat seit 1991 keine stabile Regierung mehr; immer wieder kommt es zu Kämpfen mit Al-Shabaab. So bleibt Christen nichts anderes übrig, als ihren Glauben im Verborgenen zu leben, oft im Schutz des Internets.

Sichere digitale Räume

Somalias Regierung kann das Internet nicht so streng kontrollieren wie etwa China – ein Glück für Christen. So stoßen die Mitarbeiter der christlichen Organisation auf Kinays Kommentar. Vorsichtig nehmen sie Kontakt zu ihm auf und schicken ihm digitales christliches Material. Kinay berichtet: „Seit sechs Monaten verfolge ich eure geposteten Predigten. Ich erfahre Veränderung und Segen in meinem Leben. Ich habe mir eine somalische Bibel heruntergeladen und gerade das Johannesevangelium zu Ende gelesen. Schickt mir alles, was mich zur Wahrheit und zur Erlösung durch Jesus Christus führt.“ Mit dieser Bitte begibt sich Kinay in große Gefahr: Schon der Besitz christlicher Bücher, Traktate oder einer Bibel kann schwere Konsequenzen haben. Christliche Organisationen stellen deshalb evangelistische Videos und Literatur online bereit, beantworten Fragen zur Bibel und begleiten Menschen im jungen Glauben. Diese vergleichsweise geschützten digitalen Räume ermöglichen vielen Muslimen erst eine Begegnung mit dem Evangelium. „Zwei Monate nach unserem ersten Gespräch schloss Kinay erfolgreich einen unserer Online-Bibelstudienkurse ab. Er begann sogar, seinen Familienmitgliedern von Jesus zu erzählen“, erinnert sich ein Mitarbeiter.

Familie als Risiko

Damit geht Kinay das nächste große Wagnis ein: Die somalische Gesellschaft ist stark von Stammeszugehörigkeit geprägt. Wer Christ wird, stellt aus Sicht der Familie oft nicht nur den muslimischen Glauben, sondern auch gemeinsame Traditionen infrage. Schon Kinder müssen verpflichtend am Islamunterricht teilnehmen. Umso erstaunlicher ist, dass sich auch Kinays Sohn für Jesus entscheidet. Ausschlaggebend ist die Veränderung im Leben seines Vaters. Kinay bringt seine Familie daraufhin nach Kenia, wo sie sicher ist und der christliche Glaube kein Todesurteil bedeutet. Er selbst bleibt in Somalia, um mit seiner Arbeit in der Behörde die Familie zu versorgen.

Schutzhaus für Konvertiten

Wie Kinays Familie müssen viele somalische Christen ihre Heimat verlassen, um zu überleben. Dabei verlieren die meisten ihr soziales Umfeld und ihre Arbeit. Um sie zu unterstützen, baut Coworkers derzeit ein Schutzhaus in einem Nachbarland Somalias. Konvertiten sollen dort vorübergehend unterkommen, Gemeinschaft mit anderen Christen erleben und an einem Jüngerschaftskurs teilnehmen. Praktische Fortbildungen sollen ihnen zudem helfen, langfristig ihren Lebensunterhalt selbst zu sichern.

 

Kinays Geschichte steht stellvertretend für viele somalische Christen, die in einem Klima aus Angst und Unterdrückung außergewöhnlichen Mut beweisen. Und trotz aller Gefahren geschieht ein Wunder: Die kleine christliche Gemeinschaft unter Somalis wächst weiter.

Hintergrundinformationen 

Die seit 2012 in Teilen des Landes geltende provisorische Verfassung der Bundesrepublik Somalia sichert allen Bürgern unabhängig von der Religion gleiche Rechte zu. Zugleich ist der Islam jedoch Staatsreligion und die Scharia Quelle der Gesetzgebung. In den Teilregionen wie Somaliland oder Puntland geht die Justiz aktiv gegen vermeintliche christliche Einflüsse vor. Ein Glaubenswechsel weg vom Islam und die Verbreitung anderer Religionen sind je nach Region entweder indirekt oder ausdrücklich untersagt. Fast alle Christen im Land sind ehemalige Muslime. Die somalischen Behörden und auch die Gesellschaft im Allgemeinen zeigen keine Toleranz gegenüber Konvertiten, die sich vom Islam abgewendet haben. Christen treffen sich, wenn überhaupt, in kleinen Hauskreisen. Schon der Besitz christlicher Schriften kann lebensgefährlich sein. Besonders gefährdet sind Christen in den von der islamistischen Miliz Al-Shabaab kontrollierten Gebieten im Süden und Südwesten. Gefahr geht auch von Familien, Clans und Nachbarn aus. Schon der Verdacht einer Konversion kann zu Entführung oder Tötung führen. Frauen drohen zudem sexualisierte Gewalt und Zwangsverheiratung.