30.09.2026
Deutschland: Olaf Latzel über die Meinungsfreiheit: Der Druck wird stärker
Der Bremer Pastor war zu Gast beim ersten „IDEA Live“-Gespräch
Wetzlar/Bremen (IDEA) – Der Bremer Pastor Olaf Latzel sieht die Meinungs- und Religionsfreiheit in Deutschland zunehmend unter Druck. Zwar könne man dankbar sein für die Freiheiten, die man hierzulande genieße, doch der Druck werde stärker. Das sagte der Pastor der St.-Martini-Gemeinde in Bremen bei der Online-Veranstaltung „IDEA Live“ am 29. September, bei der es um sein rund vierjähriges Gerichtsverfahren wegen Äußerungen in einem Eheseminar ging. Das Verfahren war schließlich gegen eine Geldauflage von 5.000 Euro eingestellt worden. Mit Latzel diskutierte der Jurist und IDEA-Redakteur David Wengenroth über den Fall, den er gemeinsam mit dem Juristen Felix Böllmann in einem Buch aufgearbeitet hat. Latzel schilderte, wie die jahrelange Auseinandersetzung und die Ungewissheit ihn persönlich und seine Familie belastet hätten. Es hätten seine Entlassung aus dem Dienst und der Verlust seiner Pension im Raum gestanden. In dieser Zeit habe er die „komplette Abhängigkeit von unserem Herrn und Gott“ neu erfahren.
Unterstützung aus Gemeinde und „Internetgemeinde“
Rückhalt habe er vor allem aus seiner Gemeinde und der dazugehörigen Internetgemeinde erhalten – Christen, die sich der Gemeinde verbunden fühlen, ohne vor Ort zu wohnen. Die Signale seien immer gewesen: „Es ist egal, was passiert, du bleibst unser Pastor, wir arbeiten mit dir weiter.“ Die Unterstützung durch E-Mails, Briefe und Pakete sei überwältigend gewesen. Zugleich wolle er sich nicht zum Märtyrer machen: „Da gibt es Geschwister weltweit, die haben ganz anderes zu tragen.“ Von verfolgten Christen weltweit könne man das Vertrauen zu Jesus Christus lernen, so Latzel. Männer und Frauen säßen teils seit Jahrzehnten im Gefängnis und kämen nur frei, wenn sie Jesus verleugneten. Latzel ist auch stellvertretender Vorsitzender der Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK).
Nur wenige Amtsbrüder solidarisierten sich
Latzel würdigte einzelne Medien wie den „Weser-Kurier“ oder das öffentlich-rechtliche Format „buten un binnen“ als bemüht um Objektivität. Mit Blick auf andere renommierte Blätter wie das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ habe er dagegen erlebt, dass Inhalte ohne eigene Recherche übernommen worden seien. Er unterscheide inzwischen zwischen Qualitätsjournalismus und einer oberflächlichen Berichterstattung. In Bremen erlebe er weiterhin Anfeindungen: Er werde mitunter auf der Straße beschimpft, die Reifen an seinem Auto seien mehrfach zerstochen worden und Aufkleber, die sich gegen ihn richten, seien in der Stadt verbreitet worden. Dutzende Straftaten seien in den letzten drei Jahren angezeigt worden. Zugleich erfahre er Sympathie – etwa wenn im Restaurant fremde Gäste seine Rechnung übernähmen. Enttäuscht zeigte sich Latzel jedoch über die geringe Unterstützung durch andere Geistliche. Nur wenige Amtsbrüder hätten sich öffentlich mit ihm solidarisiert. Namentlich nannte er unter anderem den HMK-Leiter Manfred Müller (Schöffengrund bei Wetzlar), den Evangelisten Ulrich Parzany (Kassel) sowie die Bremer Pastoren Rüdiger Kurz und Andreas Schröder. Viele hätten ihm Gebetsunterstützung zugesagt, sich aber nicht öffentlich positioniert. Er könne das ein Stück weit verstehen, sehe darin aber auch eine problematische Selbstzensur.
„Das Evangelium ist eine Botschaft, die aneckt“
Zur Rolle von Pastoren in gesellschaftlichen Debatten sagte Latzel, das Evangelium sei „eine Botschaft, die aneckt“. Das hätten bereits Jesus Christus, die Apostel und Reformatoren wie Martin Luther (1483–1546) und Ulrich Zwingli (1484–1531) erlebt. Er wolle niemanden provozieren, aber zur Wahrheit Jesu Christi stehen. Die Bibel sei sein Maßstab: „Das, was die sagt, predige ich, Punkt.“ Mit Blick auf die Meinungsfreiheit innerhalb der Kirche kritisierte Latzel Äußerungen des Diakonie-Präsidenten Rüdiger Schuch (Berlin), wonach AfD-Wähler in der Diakonie mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen müssten. Man könne kritisch zur AfD stehen, aber es sei problematisch, Andersdenkenden keine eigene Meinung zuzubilligen. Latzel warnte außerdem davor, sie als Gegner zu betrachten, die man am Ende vernichten müsse. Das entspreche nicht dem christlichen Menschenbild. Er sehe eine Verbindung zwischen der zunehmenden Entkirchlichung und einer Verrohung der Gesellschaft.
Die Wortwahl wäre eine andere, der Inhalt bliebe gleich
Auf die Frage, ob er die damaligen Aussagen im Eheseminar heute wieder so formulieren würde, sagte Latzel, in der Wortwahl würde er es nicht mehr so tun, da einzelne Formulierungen missverständlich gewesen seien. Inhaltlich bleibe er jedoch bei seiner Position: Seine Haltung zur Homosexualität sei unverändert biblisch begründet. Er habe in einem geschützten Gemeinderaum gesprochen, das Seminar sei erst später von jemand anderem veröffentlicht worden. Bei der Veröffentlichung sei er nicht sorgsam genug gewesen. Das Landgericht habe allerdings in einem Gutachten festgestellt, dass alle seine Aussagen von der Religions- und Meinungsfreiheit gedeckt seien – erst das Oberlandesgericht habe diese Entscheidung aufgehoben.
Rechtsstaatliche Standards nicht eingehalten
Wengenroth sagte, das Verfahren habe exemplarische Bedeutung. Er sei als Berichterstatter mit der festen Überzeugung nach Bremen gereist, dass es zu keiner Verurteilung kommen werde. Als diese dann doch erfolgte, habe er es „schlicht nicht fassen“ können. Als Jurist habe er es nicht für möglich gehalten, dass rechtsstaatliche Standards „derart unverschämt“ missachtet würden. Viele Juristen hätten zudem mittlerweile festgestellt, dass sich mit Blick auf die Meinungsfreiheit „eine ungute Entwicklung“ eingeschlichen habe. Er hoffe daher, dass sich Gerichte und Staatsanwaltschaften in Zukunft wieder stärker an rechtsstaatliche Standards hielten. IDEA Live soll ab 2027 viermal im Jahr angeboten werden. Als Gesprächspartnerin für das kommende Jahr ist die frühere finnische Innenministerin Päivi Räsänen angekündigt.