03.08.2020

Türkei: Ex-Botschafter kritisiert Alleingang bei der Hagia Sophia

Martin Erdmann: Viele Entwicklungen sind verstörend

Köln (idea) – Viele Entwicklungen der vergangenen Jahre in der Türkei sind verstörend und befremdlich. Das sagte der frühere deutsche Botschafter in der Türkei, Martin Erdmann (Saterland), im Interview mit dem Deutschlandfunk. Als Beispiel nannte er die Themen Menschenrechte, Pressefreiheit, das Justizwesen sowie die aggressive Rhetorik im Bereich der Außenpolitik. Aus Sicht von Beobachtern spielten dabei ein „neoosmanisches Denken“ – der Wunsch, dass die Türkei wie das Osmanische Reich wieder eine bedeutende Ordnungsmacht in der Region wird – sowie Fragen des Machterhaltes eine Rolle. Beides habe auch bei der Umwandlung der Hagia Sophia (Istanbul) in eine Moschee eine Rolle gespielt. Erdmann kritisierte, dass die Türkei diesen Schritt international nicht abgestimmt habe. Die Hagia Sophia gehöre zum Weltkulturerbe, Alleingänge in diesem Bereich seien nicht zielführend.

Vorsichtig beim Begriff der Islamisierung

Er selbst sei sehr vorsichtig, dies als Islamisierung zu bezeichnen. Die türkische Gesellschaft sei gespalten, sagte Erdmann. Hinter dem Versuch, das Land politisch zu islamisieren, stecke eine Gruppierung, die bei Weitem nicht die gesamte Gesellschaft abdeckt. Als Beispiel nannte er den Oberbürgermeister von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, und den Oberbürgermeister der Stadt Ankara, Herrn Yavaş. Auch sie akzeptierten die Religion als ein wichtiges Bindeglied der Gesellschaft – „aber eben nicht im Sinne einer Dominanz“. Die im 6. Jahrhundert erbaute Hagia Sophia galt einst als die bedeutendste Kirche in der orthodoxen Welt. Nach der Eroberung Konstantinopels durch Truppen des Osmanischen Reiches diente sie ab 1453 als Moschee. Der türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk machte aus ihr als Zeichen für einen säkularen Staat 1934 ein Museum. Diesen Beschluss hatte das türkische Oberste Verwaltungsgericht am 10. Juli aufgehoben. Unmittelbar nach Bekanntgabe des Urteils ordnete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Nutzung als Moschee an und übergab die Hagia Sophia an die Religionsbehörde Diyanet. Am 24. Juli fand dann das erste muslimische Gebet seit 86 Jahren statt.