05.10.2020

Berg-Karabach: Es droht eine humanitäre Katastrophe

Ein armenischer Christ berichtet über die Situation im Südkaukasus

Jerewan (idea) – Dem südlichen Kaukasus droht wegen des Konflikts um die Region Berg-Karabach eine humanitäre Katastrophe. Der Kampf um die Region könnte sich zudem auf ganz Armenien ausweiten, da die Türkei ihre Machtbasis ausweiten will. Das befürchtet der in Deutschland aufgewachsene Leiter des armenischen Hilfswerks „Diaconia Charitable Fund“, Baru Jambazian (Jerewan). Armenien und Aserbaidschan befinden sich seit dem 27. September im Kriegszustand. Die überwiegend von christlichen Armeniern bewohnte Region Berg-Karabach gehört völkerrechtlich zum muslimisch geprägten Aserbaidschan, wird aber von Armenien besetzt. Aserbaidschan erhebt Anspruch auf das Gebiet und hat deshalb nun eine Offensive begonnen. Wie Jambazian der Evangelischen Nachrichtenagentur idea sagte, war der Angriff „absehbar“. In den vergangenen Monaten hätten der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und der Präsident von Aserbaidschan, Ilham Alijew, Falschnachrichten verbreitet über angeblich aggressive Armenier, die Aserbaidschan angreifen wollten. Die armenische Armee habe inzwischen „den Vormarsch stoppen und an einigen Frontabschnitten verlorenes Land zurückgewinnen“ können, so Jambazian, der einer evangelischen Freikirche angehört. Der Krieg werde die Ausbreitung des Coronavirus noch weiter beschleunigen, denn nun könne sich niemand um Abstände oder Hygiene kümmern. Dadurch werde sich die Lage im ohnehin armen Kaukasus-Staat noch verschlimmern.

Armenien behindert Erdogans Pläne

Der Kampf werde bisher vor allem in Berg-Karabach ausgetragen, da Armenien Teil eines Militärbündnisses mit Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken sei. In Armenien sei das Kriegsrecht verhängt und eine Generalmobilmachung angeordnet worden. Viele junge Männer meldeten sich freiwillig, um für ihr Land zu kämpfen. Berg-Karabach werde als Teil Armeniens betrachtet, weshalb die Armenier es gegen den Einfall der Aserbaidschaner verteidigten. „Mit den aserbaidschanischen Streitkräften könnten es die armenischen Truppen aufnehmen. Doch Aserbaidschan erhält offensichtlich Unterstützung durch die Türkei.“

Wenn Berg-Karabach fällt, ist das armenische Kernland Erdogans nächstes Ziel

Die türkische Luftwaffe greife Ziele in Berg-Karabach aus großer Höhe an, da die aserbaidschanische Armee nicht über Flugzeuge verfüge, die außerhalb der Reichweite der armenischen Luftabwehr operieren könnten. Erdogan strebe nach der Vorherrschaft in der Region und plane, alle Turkvölker unter seiner Führung zu vereinen. Das christlich geprägte Armenien stehe ihm dabei im Weg. Jambazian: „Wir Armenier wissen: Wenn Berg-Karabach fällt, ist das armenische Kernland Erdogans nächstes Ziel.“

Warnung vor einem neuen Genozid an den Armeniern

Bisher sei die armenische Hauptstadt Jerewan noch vor Angriffen verschont geblieben. Doch kürzlich seien in der Nähe vier feindliche Drohnen von der armenischen Luftabwehr abgeschossen worden. Ministerpräsident Nikol Paschinjan habe nun vor der Gefahr eines neuen Genozids an den Armeniern gewarnt. Die Kirchen versuchten zwar zu helfen, verfügten jedoch nur über wenig Mittel, um die Bevölkerung zu unterstützen. „In den Kirchen wird nun vor allem für die Regierung und die Soldaten gebetet.“ Zudem seien in den Gemeinden mittlerweile Flüchtlinge untergebracht: „Die Versammlungsräume sind voller Kinder und Frauen, die aus dem unmittelbaren Kampfgebiet flüchten mussten.“

„Christliche Welt“ sollte den Geschwistern beistehen

Er forderte die „christliche Welt“ auf, den Geschwistern in Armenien beizustehen. Sie „sollte das aggressive Vorgehen der Türkei und Aserbaidschans eindeutig verurteilen“. Eine Appeasement-Politik (Beschwichtigungspolitik), „wie sie heute gegenüber der Türkei geführt wird, hat bereits vor einigen Jahrzehnten zu einer Katastrophe geführt“. Armenien hat rund drei Millionen Einwohner. Über 90 Prozent gehören der Armenisch-Apostolischen Kirche an, der ältesten Nationalkirche der Welt. Seit 301 ist das Christentum in Armenien Staatsreligion. Es ist damit das älteste christliche Land überhaupt. Daneben gibt es eine geringe Zahl von Protestanten, Katholiken, und Anhängern anderer Religionen.