05.11.2020

Nigeria: Angriffe auch auf Christen und Kirchen

Tausende Teilnehmer riefen bei Gebetsmärschen zum Frieden auf

Jos (idea) – In Nigeria kommt es bei den seit einigen Wochen andauernden Protesten auch zu Übergriffen auf Christen und Kirchengebäude. Das bestätigte der Kirchenpräsident der „Evangelical Church Winning all“ (ECWA), Stephen Panya Baba (Jos), auf Nachfrage gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Zum Hintergrund: Seit Anfang Oktober protestieren vor allem Jugendliche gegen Polizeigewalt, Korruption und eine schlechte Regierungsführung. Auslöser war ein im Internet veröffentlichtes Video, in dem ein Mitglied der mittlerweile aufgelösten Eliteeinheit „Special Anti-Robbery Squad“ (Sars) einen jungen Mann am helllichten Tag tötete, um anschließend in dessen Wagen davonzufahren. Waren die Proteste anfangs noch friedlich, ist es Ende Oktober zu Gewalt zwischen Demonstranten und Polizeikräften sowie Gegendemonstranten gekommen, bei denen nach offiziellen Angaben fast 70 Menschen starben.

Kirchengebäude beschädigt

Wie Baba idea berichtet, hielten Tausende Christen in unterschiedlichen Staaten parallel zu den Protesten Gebetsmärsche ab oder nahmen an Demonstrationen teil. Auch sein Sohn, seine Tochter sowie deren christliche Freunde seien darunter gewesen. „Wir erlaubten ihnen die Teilnahme, weil die Demonstrationen anfangs friedlich waren und wir die Absicht dahinter für ehrbar halten.“ Als die Proteste zunehmend in Gewalt umschlugen, sei es auch zu Übergriffen auf Christen und Kirchen gekommen. Zwei zu seinem Bund gehörende Kirchen in den Städten Kano (Bundesstaat Kano) und Jos (Bundesstaat Plateau) seien angegriffen und beschädigt worden.

Anhänger des Präsidenten verbreiten Lügen

Hinter den Anschlägen sieht der Geistliche eine Strategie der Regierung, um die Protestbewegung durch die aufflammende Gewalt in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen und zu spalten. So werde vermutet, dass Regierungsbeamte Schlägertrupps beauftragt hätten, Unruhe zu schüren. Die Regierung sei in Sorge, dass die Protestbewegung einen Regimewechsel herbeiführen könnte. Gleichzeitig hätten Anhänger des nigerianischen Präsidenten Muhammadu Buhari begonnen, die Lüge zu verbreiten, dass der Protest ursprünglich von der überwiegend christlichen Bevölkerung im Süden Nigerias angezettelt worden sei, um den aus dem muslimischen Norden stammenden Präsidenten zu stürzen. Die Beteiligten missbrauchten immer wieder religiöse Gefühle, um die Muslime gegen alles aufzuhetzen, was ihre Interessen bedrohe. Dies habe letztendlich zu den Übergriffen auf Christen und Kirchen im Norden Nigerias geführt. Kirchenpräsident Baba bedauert diese Entwicklung, denn die Protestbewegung habe dem Land Hoffnung gegeben: „Die junge Generation hat uns gezeigt, dass es möglich ist, gemeinsam für Gerechtigkeit und Fairness einzutreten, unabhängig von Stamm, Ethnie oder Religion – auf gewaltlose Weise.“

Weitere Kirchen betroffen

Auch das Internetportal „Morning Star News“ meldet Übergriffe nach Gebetsmärschen in verschiedenen Städten Nigerias. In der Stadt Anyigba (Bundesstaat Kogi) seien am 19. Oktober nach einem solchen Marsch mehr als 400 Christen und Dutzende Pastoren angegriffen worden, die sich in einem Kirchengebäude getroffen hätten. Dabei wurden mehrere Geistliche verletzt und das Gotteshaus beschädigt. Ähnliches ereignete sich am selben Tag in Bukuru nahe Jos. Gleichzeitig beschädigten Angreifer die katholische Kirche Sankt Louis in Kano sowie einen Tag später die ebenfalls katholische Sankt-Thomas-Kirche. Wie das Internetportal weiter berichtet, kamen bei den Angriffen und Protesten auch Christen zu Tode. So sollen in Kano zwei christliche Demonstranten getötet worden sein. In Abuja wurden eine Pfingstkirche angezündet und zehn Christen getötet. Unter Berufung auf Augenzeugen soll es sich laut „Morning Star News“ bei den Tätern mutmaßlich um Muslime handeln, die das gegenwärtige Chaos im Land dazu ausnutzen, um gegen Christen vorzugehen. Von den über 200 Millionen Einwohnern Nigerias sind rund 46 Prozent Christen und 54 Prozent Muslime.