07.08.2020

Indien: Auf dem Weg zum Hindu-Staat

Grundsteinlegung für Tempel: Religiöse Minderheiten zahlen hohen Preis für die Hinduisierung des Landes

Göttingen (idea) – Die Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen) hat die Grundsteinlegung für einen umstrittenen Hindu-Tempel im nordindischen Ayodhya (Bundesstaat Uttar Pradesh) durch Premierminister Narendra Modi kritisiert. Damit treibe Modi den Umbau Indiens zum Hindu-Staat voran, sagte Direktor Ulrich Delius. Der Tempel wird auf den Fundamenten einer im 16. Jahrhundert errichteten Moschee erbaut, die 1992 von fanatischen Hindus zerstört wurde. Bei anschließenden landesweiten Unruhen wurden rund 2.000 Menschen getötet, die meisten von ihnen Muslime. Mit dem Bau des Tempels und der Aufhebung der Teilautonomie der mehrheitlich von Muslimen bewohnten Region Kaschmir im Vorjahr hat Modi zentrale Forderungen der hindu-fundamentalistischen Hindutva-Bewegung erfüllt. Der politische Arm dieser Bewegung ist Modis rechtskonservative Indische Volkspartei „Bharatiya Janata Party“ (BJP). Für die Partei gehört der Bau des Tempels deshalb seit Jahrzehnten zu ihren Wahlversprechen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schrieb, dürfte es kein Zufall sein, dass die Grundsteinlegung in Ayodhya auf den Tag genau ein Jahr nach der Aufhebung der Autonomie Kaschmirs stattfand.

Premierminister schürt Spannungen zwischen Religionsgemeinschaften

Menschenrechtler Delius hält die Teilnahme Modis an der Zeremonie in Ayodhya für falsch: „Statt zu deeskalieren, schürt Modi Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften. Gezielt missbraucht er Religion zur Stärkung seiner Machtposition. Indiens religiöse Minderheiten zahlen einen hohen Preis für die Hinduisierung des Landes.“ Inzwischen bekamen die Muslime für den Bau einer Moschee Land in einem 25 Kilometer entfernten Dorf zur Verfügung gestellt. Doch gegen das Vorhaben gibt es Proteste der örtlichen Bevölkerung.

Hassverbrechen gegen Christen sind gestiegen

Neben den Muslimen leiden auch Christen unter Diskriminierung. Laut einem Bericht der christlichen Organisation „Persecution Relief“ sind Hassverbrechen gegen Christen während der Corona-Krise um 40 Prozent angestiegen. Im ersten Halbjahr registrierte die Organisation 293 Fälle. Es handele sich nur um einen kleinen Teil der tatsächlichen Übergriffe. Die meisten blieben unbekannt. Auf dem Weltverfolgungsindex des Hilfswerks „Open Doors“ (Kelkheim bei Frankfurt am Main) stand Indien vor sieben Jahren auf Platz 31 – heute ist es Platz zehn. Indien ist mit etwa 1,3 Milliarden Einwohnern das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt nach China. 80 Prozent sind Hindus, 14 Prozent Muslime und mindestens drei Prozent Christen.

siehe auch AKREF vom 6.8.20