07.10.2020

Berg-Karabach: Die Lage ist sehr ernst

Christlicher Hilfsbund im Orient e.V. teilt mit:

(AKREF) Der Christlicher Hilfsbund im Orient e.V. beschreibt die Situation in Berg-Karabach wie folgt:

Mit großer Sorge blicken wir auf die gegenwärtigen Entwicklungen in der kaukasischen Region Berg Karabach. Als christliches Hilfswerk sind wir seit Jahrzehnten mit humanitären Projekten in Armenien aktiv. Wir möchten Sie als Politiker und auch als im politischen Geschehen in Deutschland Beteiligte bitten, das von uns verfasste Schreiben zur Kenntnis zu nehmen und wie es Ihnen möglich dies auch weiterzureichen.

Unser Eindruck ist, dass für die armenische Bevölkerung bei einer weiteren Eskalation sehr viel auf dem Spiel steht. Wir möchten hiermit auf die angespannte Situation aufmerksam machen und hoffen, dass Deutschland bei einer diplomatischen Lösung des Konfliktes eine vermittelnde Rolle spielen kann.   

Und weiter beschreibt Andreas Baumann der Geschäftsführer des Christl. Hilfsbund im Orient e.V., mit Sitz im Bad Homburg folgendes:

Seit mehr als einer Woche verfolgen wir mit großer Sorge die Meldungen über die Kämpfe in der kaukasischen Region Berg-Karabach. Die Lage ist sehr ernst, täglich sterben viele Menschen.
Seit Jahrzehnten haben wir als Hilfswerk Kontakte nach Armenien und sind gemeinsam mit unseren armenischen Partnerorganisationen in humanitären Projekten tätig. Mehrmals täglich stehen wir nun mit ihnen in Kontakt.
Wir teilen die Sorgen unserer armenischen Partner nicht nur um ein Fortdauern der verlustreichen Kämpfe, sondern auch um eine jederzeit mögliche Eskalation, in deren Folge „ethnische Säuberungen“ etc. durchaus zu erwarten sind. Was das ganz real bedeuten kann, ist den Armeniern aufgrund der historischen Erfahrung des Völkermords von 1915 sehr bewusst und existentiell gegenwärtig.
Große Sorge bereitet uns auf diesem Hintergrund insbesondere die Positionierung des türkischen Präsidenten Erdogan, der mit seinen Äußerungen eine aserbaidschanische Aggression geradezu befeuert. Berichten aus der internationalen Presse zufolge hat die Türkei kriegserfahrene Dschihadisten aus Syrien als Söldner zum Kampf in Berg-Karabach nach Aserbaidschan verlegen lassen. Nikol Paschinjan, der armenische Premierminister, geht davon aus, dass auch hochrangige türkische Offiziere an der Militäraktion in Karabach maßgeblich beteiligt sind.
Die vergangenen Tage zeigen, dass direkte Verhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan derzeit unmöglich zu sein scheinen und z.B. die Einigung auf einen Waffenstillstand nur denkbar ist, wenn es noch entschiedeneres Engagement und stärkeren Druck von außen gibt.
In diesem Zusammenhang begrüßen wir Initiativen, wie z.B. das Engagement der KSZE-Minsk-Gruppe (und deren Ko-Vorsitzenden Russland, Frankreich und USA) – mit denen Armenien bereit ist, Verhandlungen über einen Waffenstillstand aufzunehmen. Massiv torpediert werden diese Versuche von der Türkei.
Diese Politik (zumal eines Nato-Partners) ist nicht hinzunehmen, sondern – auch von der deutschen Politik – klar und scharf zu verurteilen. Gerade Deutschland steht hier in besonderer, historischer Verantwortung – trägt Deutschland doch eine Mitverantwortung am armenischen Genozid von 1915 durch das türkisch-osmanische Reich, den damaligen Bündnispartner Deutschlands (vgl. die Völkermordresolution des Deutschen Bundestages von 2016).
Angesichts des Ernstes der Lage rufen wir alle Verantwortungs- und Mandatsträger in unserem Land dazu auf: Bitte schieben Sie den Konflikt nicht beiseite! Die Lage ist bedrohlich.

Ein Flächenbrand jederzeit möglich. Werden Sie aktiv und nehmen Sie Ihre Einflussmöglichkeiten maximal wahr, um eine Katastrophe im Kaukasus abzuwenden!
Für alle Unterstützung in diesem Anliegen – zum Schutz der Menschen im Südkaukasus und der ganzen Region – danken wir Ihnen herzlich!