09.07.2020

Türkei: Muslime sollen Solidarität mit türkischen Christen bekunden

Gesellschaft für bedrohte Völker: Als Zeichen Kreuze in Moscheen aufhängen

Göttingen (idea) – Die Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen) hat an die Moscheegemeinden in Deutschland appelliert, Christen in der Türkei ihre Solidarität zu bekunden. Anlass sind Pläne der islamisch-konservativen Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan, die seit 1934 als Museum genutzte Sophienkirche oder Hagia Sophia wieder in eine Moschee umzuwandeln. Die Hagia Sophia wurde im 6. Jahrhundert im Byzantinischen Reich erbaut. Nach der Eroberung Konstantinopels durch Truppen des Osmanischen Reiches diente sie ab 1453 als Moschee. Das oberste Verwaltungsgericht der Türkei will bis zum 16. Juli über die Pläne der Regierung entscheiden. Die Gesellschaft für bedrohte Völker rief die große DITIB-Moschee in Köln-Ehrenfeld, andere Gemeinden der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) und weitere Moscheen auf, dort für 482 Stunden Kreuze als christliches Symbol aufzuhängen. „Die 482 Stunden sollen die 482 Jahre symbolisieren, in denen die Sophienkirche im ehemaligen Konstantinopel als Moschee genutzt wurde“, erklärte der Nahostreferent der Menschenrechtsorganisation, Kamal Sido, der selbst kurdischer Muslim ist. „So können muslimische Verbände gegen die mögliche Umwandlung des Hagia-Sophia-Museums in eine Moschee protestieren.“ Die deutsch-muslimischen Verbände, insbesondere die DITIB, könnten so die bedrängten und verfolgten christlichen und anderen religiösen Gemeinschaften in der „Islamischen Welt“ unterstützen. Gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea sagte Sido im Blick auf mögliche Proteste gegen den Vorstoß: „Wir dürfen nicht schweigen, sonst besteht die Gefahr, dass Präsident Erdogan die türkische Gesellschaft weiter radikalisiert.“

Die Hagia Sophia hat für bedrängte Christen immer noch „hohe Strahlkraft“

Nach seinen Angaben ist die Solidarität mit Christen „dringend notwendig, um den gegenseitigen Respekt, Toleranz und ein friedliches Miteinander in der Türkei, in Deutschland und in der ganzen Welt zu fördern und zu stärken“. Denn auch 567 Jahre nach der Eroberung Konstantinopels habe die Hagia Sophia für die heute bedrängten christlichen Gemeinden im Nahen Osten eine „hohe Strahlkraft“. Für die Christen sei sie ein Symbol ihrer langen Geschichte in der Region und wichtig für ihre Identität. „Die Hagia Sophia als Museum und als ein Wahrzeichen Istanbuls zu belassen, wäre ein Signal des türkischen Staates an alle Christen im Nahen Osten und weltweit“, so Sido. Das Land könne zeigen, dass es das Erbe der Völker, die einst auf seinem Gebiet lebten, respektiert. „Es kann zur Versöhnung mit den Nachfahren der Opfer von Verfolgungen und Genoziden im Osmanischen Reich und in der heutigen Republik Türkei beitragen – oder eben das Gegenteil bewirken.“ Der Gesellschaft für bedrohte Völker zufolge haben zuletzt Radikalislamisten, die von der Türkei geduldet oder unterstützt werden, im Irak, in Syrien und anderen Ländern viele Kirchen zerstört. Auch jesidische Gotteshäuser, Denkmäler, Friedhöfe und andere Heiligtümer seien verwüstet und geplündert worden.