14.07.2020

Südafrika: Fünf Tote bei Geiselnahme in einer Megakirche

Auslöser soll ein Kampf um die Vorherrschaft sein

Johannesburg (idea) – Im südafrikanischen Zuurbekom unweit von Johannesburg sind bei einer Geiselnahme auf dem Gelände einer Megagemeinde fünf Menschen getötet und Dutzende Menschen verletzt worden. Auslöser dafür ist ein jahrelanger Machtkampf um die Leitungsposition der „International Pentecostal Holiness Church“ (IPHC/Internationale Pfingst-Heiligungskirche). Mit rund 1,5 Millionen Mitgliedern gilt sie als viertgrößte christliche Glaubensgemeinschaft in Südafrika. Was war geschehen? Lokale Medien berichten unter Berufung auf den Polizeipräsidenten des Landes, Khehla John Sitole, dass Dutzende Bewaffnete in den frühen Morgenstunden des 11. Juli das Kirchengebäude stürmten und die dortigen rund 200 Gemeindemitglieder als Geiseln nahmen. Wegen Corona-bedingten Versammlungsbeschränkungen war das 20.000 Personen fassende Auditorium nicht gefüllt. Dabei sei es auch zu einem Schusswechsel gekommen. Als Polizei und Armee schließlich die Geiselnahme beendeten, hätten sie fünf Personen „erschossen und zu Tode verbrannt“ vorgefunden. Die Sicherheitskräfte nahmen mehr als 40 Verdächtige fest und stellten rund drei Dutzend Schusswaffen sicher. Wie der Professor für Religionsfreiheit und Erforschung der Christenverfolgung an der Freien Theologischen Hochschule Gießen und außerordentliche Professor an der südafrikanischen Universität Stellenbosch, Christof Sauer, der Evangelischen Nachrichtenagentur idea sagte, erklärt sich die ungewöhnliche Uhrzeit der Geiselnahme aus der Geschichte der Kirche und ihres Gründers, Frederick Samuel Modise (1914–1998). Er soll von Gott in der Nacht zu einem Samstag von einer tödlichen Krankheit geheilt worden sein. Traditionell feiere man daher in der IPHC die Gottesdienste von Freitag- bis Samstagabend. Die Mitglieder übernachteten dabei auf dem riesigen Gelände der Megakirche.

Theologieprofessor: Keine Pfingstkirche, sondern Sondergemeinschaft

Sauer zufolge ist der Begriff „Pfingstkirche“ – wenn auch im Namen vertreten – irreführend. Es handele sich vielmehr um eine Art Sondergemeinschaft, die aufgrund ihrer Größe auch einen starken Einfluss auf die Politik habe. Zugang zur IPHC hätten nur Mitglieder. Interessierte könnten sich ausschließlich zu Heilungsgebeten anmelden. Anschließend werde Druck auf sie ausgeübt, Teil der Gemeinschaft zu werden. Einerseits ist die IPHC laut Sauer ethisch gesehen äußerst streng – sie verbietet etwa den Konsum von Alkohol, Zigaretten oder Schweinefleisch –, andererseits praktiziere sie die Vielehe. Auch ihr 2016 verstorbener Pastor und Sohn des Gründers, Glayton Modise, sei mit mehreren Frauen verheiratet gewesen.

Prof. Sauer: Es geht um Macht und Geld

Nun kämpften drei seiner Söhne um die Vorherrschaft in der Kirche, teils mit Gewalt, teils vor Gericht. „Es geht dabei ausschließlich um Macht und Geld“, so Sauer. Die Kirche sei sehr reich und biete dem Pastor ein Luxusleben. Um dieses zu finanzieren, würden während der Gottesdienste gleich mehrfach Kollekten eingesammelt und den Mitgliedern bis zu 100 Prozent ihrer Gehälter abgepresst. Gleichzeitig habe der geistliche Leiter innerhalb der Kirche einen gottgleichen Status. Sauer: „Der Pastor wird auch als ‚Tröster‘ bezeichnet – ein Begriff, den die Bibel für den Heiligen Geist verwendet.“ In der Hauptkirche in Zuurbekom stehe ein Thron, auf dem der Leiter Platz nehme. Auf dem Altar befinde sich ein Leuchter mit sieben Lichtern – mit symbolischer Bedeutung für die Anwesenheit Gottes. Der Leuchter sei nur dann eingeschaltet, wenn der leitende Pastor auf seinem Thron sitze. Vor diesem Hintergrund sei es nicht überraschend, dass der Machtkampf so blutig ausgefochten werde. Es sei auch nicht der erste Übergriff dieser Art. Laut Kirchenleitung seien in den vergangenen Jahren bereits zehn Menschen zu Tode gekommen.