17.07.2020

Irak: Gesetze zum Personenstatus

Patriarch Sako fordet Achtung der christlichen Identität

Bagdad (Fides) – Christen im Irak sind keine Fremden. Die einheimischen christlichen Gemeinden seien vielmehr seit Jahrtausenden in den Ländern Mesopotamiens verwurzelt, und die assyrischen und chaldäischen Christen seien Nachkommen der alten mesopotamischen Völker. Auch aus diesem Grund müsse die Regierungen des modernen Irak die Identität der irakischen Christen respektieren und schützen und ihnen garantieren, dass Angelegenheiten in Bezug auf den persönlichen Status – darunter Erbschafts-, Ehe- und Familienrechtsfragen und die Gewissensfreiheit - auf der Grundlage des eigenen Glaubens regeln können. Mit dieser Prämisse fordert Kardinal Louis Raphael Sako, Patriarch der chaldäischen Kirche, die irakischen Behörden auf, das Problem des persönlichen Rechtsstatus von Christen und Angehörigen aller religiösen Minderheiten im Land angemessen anzugehen und zu lösen.
In der gegenwärtigen Situation erinnert der Patriarch in einer langen Ausführung - die vom Patriarchat als "Projekt" bezeichnet wird, das der nationalen Regierung vorgelegt werden soll – daran, dass rechtliche Fragen in Bezug auf den Status der Person (wie das Eherecht, oder erbliche Nachfolgen sowie Sorgerecht für Minderjährige) für alle irakischen Bürger durch Gesetze geregelt werden, die sich auf die islamische Rechtstradition stützen und sich direkt oder indirekt auf die Scharia beziehen. Dies zwingt auch Christen nach Ansicht des Patriarchen dazu, rechtliche Fragen in Bezug auf den persönlichen Status nach Kriterien zu regeln, die nicht ihrer Identität und ihrem Glauben entsprechen.
In diesem Zusammenhang nennt der Primas der chaldäischen Kirche eine Reihe konkreter Fälle, die durch die aktuelle irakische Gesetzgebung geregelt sind und im Gegensatz zu der im Christentum vorgegebenen familiären und sozialen Beziehungen stehen. Viele der vom Patriarchen hervorgehobenen Aspekte betreffen das Eherecht. Die christliche Ehe, Kardinal Sako, sei ein heiliger Vertrag, der auf der gegenseitigen Liebe zwischen zwei Erwachsenen, einem Mann und einer Frau, beruhe, für den diese sich ohne Zwang und in völliger Freiheit entscheiden und sich verpflichten, diesen ein Leben lang, zu respektieren. Aus diesem Grund seien christliche Ehen nicht mit der Polygamie, der Scheidung und auch der sogenannten "Mitgift" vereinbar, die keine unabdingbare Voraussetzung für die Eheschließung sei, da der christliche Glaube "die Frau dem Mann gleichstellt", weshalb der Ehevertrag zwischen zwei gleichberechtigten Menschen in Bezug auf Rechte und Pflichten geschlossen werde. Aus diesem Grund habe der Mann auch kein Recht, eine Braut zu kaufen indem er ihre Familie dafür bezahlt.
Patriarch Sako geht auch auf die Unstimmigkeiten ein, die in Erbschaftsangelegenheiten noch bestehen, da die islamische Gesetzgebung für Mädchen nur die Hälfte des Erbschaftsanteils vorsieht, der männlichen Kindern vorbehalten ist.
Zur Auflösung dieser Widersprüche, die Christen in Fragen des persönlichen Rechts erfahren, schlägt der Patriarch der Regierung vor, Gesetze nach dem Vorbild des Libanon zu erlassen, wobei das Zivilrecht, das für alle Bürger gilt, nicht von religiösen Rechten inspiriert ist, und es dann den Gerichten der Religionsgemeinschaften zu überlassen, Urteile über Ehe, Nichtigkeit der Ehe, Sorgerecht für Minderjährige und Erbfolge auszusprechen, die für die jeweiligen Glaubensgemeinschaften verbindlich sind.
In seinem Beitrag geht der Patriarch auch auf das Thema der Gesetze gegen den Abfall vom Glauben ein, das laut islamischer Gerichtsbarkeit mit der Todesstrafe bestraft werden kann: „Wir glauben, dass es an der Zeit ist“, so der irakische Kardinal, “ein Gesetz zu erlassen das die Gewissensfreiheit respektiert, d.h.das Recht, die Religion zu ändern, ohne Druck auszuüben, nach den Beispielen des Libanon, Tunesiens, Marokkos und des Sudan, die das Gesetz über den Abfall vom Glauben abeschafft haben".
(GV) (Fides 17/7/2020)