17.07.2020

Iran: Negin Ghadamian ist frei

Die Dozentin des Bahá‘í-Bildungsinstituts wurde 2013 verurteilt und 2017 festgenommen. Obwohl sie bereits zwei Drittel ihrer fünfjährigen Haftstrafe verbüßt hatte, verhinderten die Behörden lange ihre Freilassung während der Corona-Pandemie.

(IGFM) Frei! Fünf Jahre Gefängnis wegen Bahá‘í-Angehörigkeit

Negin Ghadamian ist Bahá‘í-Anhängerin und gehört damit zur größten religiösen Minderheit im Iran, die von der Regierung verfolgt wird. Die 37-Jährige hat einen Master-Abschluss in persischer Kultur und Literatur vom iranischen Bahá‘í-Institut für Hochschulbildung (BIHE) und lehrte dort als Dozentin bis sie in politische Gefangenschaft geriet. Im Februar 2013 wurde sie wegen „Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation des Bahá‘í-Kultes, Verstoßes gegen die nationale Sicherheit und illegaler Aktivitäten im Bahá‘í-Bildungsinstitut“ zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Seit Dezember 2017 saß sie die Strafe im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran ab. Nachdem sie am 9. Juni 2020 aus dem Evin-Gefängnis in den Hausarrest geschickt worden war, wurde sie am Sonntag, den 5. Juli 2020, während eines Telefongesprächs von der Vollzugseinheit des Evin-Gefängnisses über ihre vorzeitige Entlassung informiert.

Wegen Lehrtätigkeit inhaftiert
Nach einer Welle von Verhaftungen von Bahá‘í-Gelehrten im ganzen Land wurde Negin Ghadamian
am 24. Mai 2011 festgenommen. Die Richterin verlangte, dass sie schriftlich bestätigen sollte, dass sie nicht mehr mit dem Bahá‘í-Institut zusammenarbeitet und Bahá‘í-Studenten nicht mehr unterrichtet. Negin Ghadamian betonte jedoch, dass Bildung ein Menschenrecht sei und weigerte sich, das Dokument zu unterschreiben. Daraufhin wurde sie gegen Kaution freigelassen. In Abwesenheit wurde sie im Februar 2013 wegen „Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation des Bahá‘í-Kultes, Verstoßes gegen die nationale Sicherheit und illegale Aktivitäten im Bahá‘í-Bildungsinstitut“ zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Als Negin Ghadamian am 16. Dezember 2017 zusammen mit ihrem Mann in ein europäisches Land reisen wollte, wurde sie am Flughafen Täbris im Westen des Iran festgenommen und in das Evin-Gefängnis nach Teheran gebracht. Dort musste sie ihre fünfjährige Haftstrafe absitzen.

Keine Freilassung trotz Coronavirus-Pandemie
Im November 2018 bekam Negin Ghadamian eine Infektion im Kiefer- und Zahnbereich, wurde jedoch nicht in eine darauf spezialisierte medizinische Einrichtung gebracht. Im Dezember 2018 veröffentlichte sie einen offenen Brief über die Diskriminierungen und schlimmen Erfahrungen, denen sie seit ihrem 18. Lebensjahr als Bahá‘í-Staatsbürgerin im Iran ausgesetzt war. Ein Jahr später wurde sie für fünf Tage wegen medizinischer Gründe aus der Haft entlassen. Eigentlich sollte Negin Ghadamian wegen der im Iran stark grassierenden Coronavirus-Pandemie im April 2020 freigelassen werden, da sie bereits zwei Drittel ihrer Haftstrafe verbüßt hat. Die Behörden verhinderten aber nicht nur ihre Freilassung, sondern auch einen Hafturlaub aus medizinischen Gründen.

Hintergrund: Unterdrückung der Bahá‘í-Anhänger im Iran
Seit der Revolution im Jahr 1979, als die Geistlichen im Iran an die Macht kamen, sind religiöse und ethnische Minderheiten wie die Bahá‘í vielen Repressionen und Einschränkungen ausgesetzt. Die schwerwiegendste Einschränkung ist, dass sich die Bahá‘í laut einer Resolution des Obersten Rates der Kulturrevolution vom 25. Februar 1991 nicht an den Universitäten einschreiben dürfen. Wenn sich herausstellt, dass ein Student Anhänger der Bahá‘í ist, wird er exmatrikuliert. So wurden alle Bahá‘í-Professoren und Studenten von iranischen Universitäten ausgeschlossen. Das Bildungsverbot der Bahá‘í veranlasste die Bahá‘í-Gemeinschaft im Iran, in Zusammenarbeit mit Professoren und Lehrern Bahá‘í-Klassen einzurichten, um diese Diskriminierung zu bekämpfen. Dadurch bildete sich ein „Hochschulinstitut im Untergrund“. Seitdem werden die Bahá‘í ständig von Sicherheitskräften angegriffen. So wurden 2012 Professoren und Beamte des Instituts verhaftet sowie deren Eigentum beschlagnahmt. Mit dem Entzug der Bildung versucht die iranische Regierung, diese Gemeinschaft zu unterdrücken. Im September 2016 beschrieb UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Bahá‘í in seinem Bericht über die Menschenrechtssituation im Iran als „die am stärksten unterdrückte religiöse Minderheit“.