18.02.2021

Myanmar: Land am Abgrund?

Von Dr. Traugott Farnbacher  - Der Putsch der Militärs am 1. Februar diesen Jahres markiert einen neuen Tiefpunkt in der sehr bewegten Geschichte von Myanmar. Was wissen wir von diesem höchst faszinierenden sowie uneinheitlichen Vielvölkerstaat mit seinen 135 ethnischen Gruppen und seinen Kirchen?

Nach den zweiten demokratischen Wahlen vom November 2020 befürchtet das Militär den Verlust seiner seit ca. 50 Jahren gehaltene Vormachtstellung. Es bekämpft die über Jahrzehnte währende Widerstandsbewegung, mit ihrer Zentralfigur Aung San Suu Kyi. Stolz-trotzig zeigen unzählige Protestierende auf den Straßen von Yangon deren Konterfei. Sie erwarten von ihrer Heldin ein definitives Ende der Militärvorherrschaft, kämpfen für Reformen und Gerechtigkeit. Suu Kyi gilt als Motor der Freiheits-Bewegung. Diese geht auf ihren Vater zurück, der das viele Jahrhunderte von Königen, seit 1885 kolonial von Großbritannien regierte Land zur Unabhängigkeit geführt hatte (1948), bei  politischen Unruhen 1947 aber ermordet wurde. Unter Führung seiner Tochter hatten schon 1990 bei vom Militär geduldeten Wahlen erste demokratische Entwicklungen eingesetzt; Suu Kyi wurde jedoch für 15 Jahre unter Hausarrest gestellt; das Militär verwehrte den demokratisch Gewählten die Machtübergabe. Eine weitere Phase von Unrecht und Gewaltherrschaft folgte. Auf die Lockerung ihres Arrests hin folgte 2007 der „Safran-Aufstand“. Zwar wurde nach den 2010 folgenden, nur halbfreien Wahlen die Diktatur der Militärs für abgeschafft erklärt. Jedoch ein Trug, da die fortbestehende Junta den Reformprozess torpedierten: Ihre gewählten Minderheits-Vertreter im Parlament erließen eine Verfassung, die ihnen eine Vorrangstellung sicherte. Aufgrund weiterer Verhandlungen und Reformbemühungen kam es 2015 zu den ersten fairen, freien Wahlen, wobei die NLD eine absolute Mehrheit errang, die sie im vergangenen November noch ausbaute. Mit dieser Mehrheit böte sich dem neuen Parlament die Chance, die demokratisch nicht legitimierte Verfassung zu revidieren und damit die Vormacht der Militärs gänzlich zu überwinden. Deshalb lösten diese Kräfte das Parlament am 1.Februar auf, setzten Suu Kyi in ihrer Funktion als Staatsrätin ab und unter Arrest; sie stellten Anklage gegen sie wegen „Hochverrat“. Ebenso wurden der Präsident und andere hochrangige Regierungs-Personen gefangen gesetzt; man unterband jede Kommunikation. Wie mir Kundige bezeugten, gibt es in einigen Provinzen kriegerische Konflikte; ethnische Gruppen kämpfen um ihre Selbstständigkeit. Das Militär verhindert Befriedungen. Warum klammern sie sich so an ihre Macht? Der Soziologe Weber meinte, zu Ländern mit konservativ-buddhistischer Prägung passe keine ökonomische, auf innerweltlichen Fortschritt ausgerichtete Ethik. Mag sein. Vor wenigen Monaten erhielt das Land 350.- Mio US $ vom Weltwährungsfond, als Corona Hilfe. War der Streit über die Verteilung dieser Mittel ein Anlass des Putsches?

Keiner der fünf am Mekong-Lebensstrom gelegenen Staaten wird demokratisch regiert, weil im Griff totalitärer Machthaber: Vietnam, Laos, Kambodscha, teils in Thailand – und Myanmar. Dieses Land verfügt über viele Ressourcen: Edelsteine, Gold, Energieträger, Naturprodukte, Textilindustrie. Viele Billiglohnkräfte stellen oft unter teils unerträglichen Bedingungen Exportartikel aller Art her. Über die regionale Großmacht und offenkundig zukünftige Weltmacht China, ihre Logistik, Handelswege sind auch wir Konsumenten solcher Produkte. Für die Volksrepublik China gelten Menschenrechte und Demokratie nichts; sie protegiert das Militärregime in Myanmar seit vielen Jahren.

Ca. 90 Prozent der Bevölkerung in Myanmar sind Buddhisten. 1820 war das Christentum in das buddhistische Land gekommen; Christen/innen gehören überwiegend zur baptistischen, anglikanischen und katholischen Kirche. Bei einem landesweiten Anteil von 7 Prozent stellen Christen in den Provinzen Kachin und Chin sogar die Mehrheit. Im Zusammenwirken mit radikalen Buddhisten mit dem Regime wurden Christen verfolgt, ihre Kirchen zerstört – gravierend im Jahr 2018. Diskriminiert werden auch Muslime – gerade die Rohingya. Sie wurden seit einem Dekret von 2015 nicht als geduldete Minderheit anerkannt, sondern in Kooperation von Armee und radikalen Buddhisten zu Hunderttausenden misshandelt und vertrieben – „ethnische Säuberungen“.

 

Die erste der lutherischen Kirchen in Myanmar, indisch-stämmig, hat eine auf 1876 zurückgehende Tradition: Evangelisch-Lutherische Kirche von Myanmar. Weitere drei sind die Mara Evangelische Kirche, die Lutherische Kirche von Myanmar sowie die Myanmar Lutheran Church. Seit der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) 2010 in Stuttgart sind alle diese vier ethnischen Kirchen Mitglieder des LWB. In enger Verbindung mit ihm war 2002 das Mekong Mission Forum (MMF) für diese Region gegründet worden. Mittlerweile besteht es aus 25 Mitglieds-Kirchen und Missions-/Partner-Werken in der weltweiten lutherischen Gemeinschaft. Sie sind in allen benannten fünf Mekong Ländern, ihren lutherischen und anderen evangelischen Kirchen engagiert. Das Centrum Mission EineWelt unserer Landeskirche war im MMF seit Anfängen vertreten und prägte dessen Entwicklungen mit: Studienprogramme, theologische Kurse sowie internationale Stipendien, Förderung von Gemeindegründungen und -aufbau, Leiter-Schulungen, Projekte – bis in die Gegenwart. In Rahmen des MMF wurde 2015 ein Verband Lutherischer Kirchen in Myanmar der etwa 30.000 Lutheraner ins Leben gerufen – ein echter Fortschritt: Gemeinsame Koordinierung von Zielgruppen-Arbeit, Ausbildungsprogramme, Projekte, geistliche Veranstaltungen. Der LWB, große Hilfswerke wie World Vision, Brot für die Welt, Misereor u.a. sind in diesem Land stark engagiert. Chancen wie auch Nöte dieses 55 Mio. Einwohner zählenden, aufstrebenden Landes bleiben fordern gerade die Ökumene heraus: Wiederholte Flutkatastrophen und Plagen haben dieses mehrheitlich arme Land oft heimgesucht. Centrum Mission EineWelt engagiert sich auch hier gezielt.

Auswärtige Missionen sind nicht erwünscht; es gibt aber ein leuchtendes Beispiel für eine integrierte Förderung von Entwicklung und geistlichem Wachstum: Die weltweit tätige Missions-Flug-Gemeinschaft MAF. Weitblickend hat sie bereits in 2015 Voraussetzungen für ein Flugprogramm in diesem zerklüfteten Land erreicht; MAF erhielt die Genehmigung zur Anlage von Flugpisten Die erste davon, im Zentrum der Mara-Kirche, Leilempi, soll noch 2021 in Dienst genommen werden.

An Epiphanias 2015 besuchte eine Kleindelegation unserer Landeskirche mit Landesbischof Prof. Bedford-Strohm und Synodalpräsidentin Dr. Preidl Kirchen in Südostasien, auch Myanmar. Hoch beeindruckend war eine Audienz bei Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi in ihrem Haus, wo sie jetzt erneut unter Arrest steht. Sie empfing uns sehr offen, erläuterte Anfänge des Befreiungskampfes mit ihrem Vater, betonte wenige Monate vor den ersten freien Wahlen Chancen des Demokratisierungsprozesses, sprach über soziale Diskrepanzen, auch über Religion. Sie zeigte auch dunkle Seiten des Buddhismus auf, kannte sich gut im Christentum aus – hatte sie doch in England studiert und einen Engländer geheiratet, Anlass für die Junta, in der Verfassung zu bestimmen, dass ein/e Staatspräsident/in nicht mit einem/r Ausländer/in verheiratet sein dürfe… Sie kennt Lehre und Ethik Jesu und wollte allen Religionen gleiche Rechte einräumen. Unser Landesbischof erzählte ihr, wie seine Mutter über Amnesty International jahrelang Solidaritätsbrief-Aktionen auch für Aung San Suu Kyi organisiert hatte; wegen Totalzensur erreichten die Briefe sie nie! Eindrücklich auch Begegnungen mit Theologie-Studierenden am Seminar der Mara Kirche in Yangon. Die Kirchen wollen Teil der weltweiten Gemeinschaft lutherischer Christen sein. Gerade in dieser Krise mit völlig ungewissem Ausgang, sorgen sich Kirchenführer vor einem „Shutdown“ der Beziehungen, Willkür, Isolation, Rückschritten. Mich erreichte kurz vor der Kommunikationssperre die Bitte eines Pastors: Wir sind besorgt, wütend, aufgewühlt. Steht an unserer Seite, betet für uns! Ja, dies sollten wir tun; hier bewährt sich Ökumene.

Dr. Traugott Farnbacher, Pfr. i.R., bis 2019 Referatsleiter für den Pazifik und Ostasien im Centrum Mission EineWelt, für sechs Jahre Moderator des MMF