07.08.2007

Schweiz: Kanton Zürich lanciert erste Studie über Muslime

Zürich/Schweiz, 17.07.2007 (swissinfo) Der Kanton Zürich will mehr Substanz in die
emotionale Debatte um die Religionsausübung von Muslimen bringen. Er lässt deshalb
untersuchen, inwiefern seine Dienstleistungen den Bedürfnissen der Muslime gerecht werden.
Vor dem Hintergrund der umstrittenen Minarett-Initiative will die Studie Fakten
zusammentragen und Erkenntnisse gewinnen, um die politische Diskussion zu versachlichen.
Im vergangenen Sommer bemühte sich der Zürcher Flügel der rechtskonservativen
Schweizerischen Volkspartei (SVP), den Bau von "provokativen" Minaretten bei islamischen
Sakralbauten zu verbieten.
Dem folgte Anfang Jahr auf nationaler Ebene eine ähnlich lautende Initiative der SVP, die bei
etlichen Regierungsmitgliedern (Bundesräten) auf Ablehnung stiess.
Nun hat Thomas Widmer vom Institut für Politische Wissenschaften der Universität Zürich den
Auftrag erhalten, zu klären, inwiefern kantonale Dienstleistungen im Gesundheits- und
Erziehungswesen, im sozialen Bereich und im Strafvollzug für die muslimische Bevölkerung
angemessen sind.
"Wir möchten wissen, ob die kantonalen Dienstleistungen die Religionsfreiheit der Muslime
zulassen, und auch, ob dieses religiöse Praktizieren andere Nutzer dieser Dienstleistungen stört",
sagt Widmer gegenüber swissinfo.
"Die Verfassung garantiert die Religionsfreiheit, und am Kanton liegt die Überwachung dieses
Prinzips."
Widmer möchte Experten aus allen vier Dienstleistungsbereichen des Kantons befragen, bevor
er die Daten zusammenträgt. Ende nächstes Jahr möchte er dann die Vorschläge und
Empfehlungen liefern.
Minarett-Debatte war ausschlaggebend
Den Ausschlag zur Studie gab die laufende Minarett-Debatte. "Man hört zur Zeit viel ideologisch Gefärbtes rund um Minarette und islamischen Extremismus", sagt Widmer.
Ziel der Studie sei es, ein klareres Bild der Situation zu erhalten, um entsprechend reagieren zu
können. Es bestehe der Wunsch, mehr Substanz in die politische Diskussion zu bringen, die
bisher von Ideologien dominiert worden sei.
Der Präsident der Vereinigung Islamischer Organisationen in der Schweiz, Hisham Maizar,
begrüsst die Studie unter der Voraussetzung, dass sie auf einem echten Dialog mit der Zürcher
Muslim-Gemeinschaft beruhen.
"Die Studie ist eine gute Idee, falls die Muslime als gleichwertige Partner von Beginn an
einbezogen werden", sagt er gegenüber swissinfo.
Das Verständnis der Beschwerden
"Die Methode, eine Studie zu machen und den Leuten zu sagen, ´das ist es, was wir denken, und
ihr müsst es akzeptieren´, ist höchst fraglich", so Maizar. "Man muss den Leuten die Gelegenheit
geben, ihre Beschwerden von Beginn weg zu erklären."
Er begrüsse die Studie im Prinzip, denn es sei wichtig, an solche Informationen
heranzukommen. Bisher habe sich niemand an das Thema gewagt, aus Furcht, andere
Religionen zu verletzen.
Laut Maizar ist das Verhältnis zwischen den Zürcher Behörden und den Muslimen gut, auch
wenn es zum Vorschlag eines Minarett-Verbots gekommen sei.
Er verweist auf den muslimischen Friedhof in Zürich als Zeichen einer guten Zusammenarbeit.
"Ich sehe keine Muslime in Zürich, die leiden, weil sie nicht akzeptiert werden. Alle, die sich
um Integration in die Gesellschaft bemühen, fühlen sich nicht unwillkommen."
APD/Quelle: swissinfo