07.08.2007

Türkei: für Christen in der Türkei sei Erdogan "das kleinere Übel"

Ankara/Türkei, 21.07.2007 Im Vorfeld der Präsidentschaftswahl in der Türkei hat der
Menschenrechtsexperte des katholischen Missionswerks "Missio" Otmar Oehring die gemäßigt
islamische Regierungspartei AKP als "das kleinere Übel" für die christliche Minderheit im Land
bezeichnet. Im Interview mit der Tageszeitung "Die Welt" (am 20. Juli nannte der Türkeiexperte
den türkischen Nationalismus als größte Gefahr für Christen am Bosporus. Der Westen
verkenne die organisierten Demonstrationen national gesinnter Kräfte gegen die AKP von
Präsident Erdogan als positive Entwicklung.
Die nationalen Kräfte sehen im Islam wie in den Aktivitäten der religiösen Minderheiten die
Bedrohung der laizistischen Grundordnung der Türkei. Es herrsche die Angst vor einem
islamischen Gottesstaat. "Sie fürchten, dass eine Religionsfreiheit in unserem Sinne eine
Aufbruchstimmung des Islam auslösen und zu einem theokratischen, islamischen Staat führen
könnte", formuliert Oehring die Spannungen im Parteiengefüge vor der richtungsweisenden
Wahl des Präsidenten am kommenden Sonntag. Für Christen sei die "religiös-konservative
Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP), die in den vergangenen Jahren
Reformprozesse in Richtung Europa unternommen habe, daher die bessere Alternative.
Oehring äußerte wenig Hoffnung, dass Anschläge radikaler Islamistengruppen wie der
Missionarsmord in Malatya zukünftig verhindert werden könnten. Dem Staat und den
Sicherheitskräften warf er vor, bisher nicht das Notwendigste getan zu haben, um solches zu
verhindern. "Erst in der letzten Woche gab es einen Runderlass, um die christlichen und
jüdischen Stätten zu schützen." Der Wahlkampf wirke sich hingegen verschärfend auf die Lage
der Minderheiten im Land aus, weil die Medien sie als Problem des Landes darstellten und so
zusätzlich Emotionen schürten.
Vorhersagen sehen zwar einen deutlichen Vorsprung der AKP, die ihren Stimmenanteil
vermutlich sogar noch über die 34 Prozent der letzten Wahl ausbauen wird. Möglich ist aber
auch ein Parteienbündnis aus der Nationalistischen Bewegung (MHP) und der von Atatürk
gegründeten Republikanischen Volkspartei (CHP). Zuletzt könnten auch unabhängige
Kandidaten das Zünglein an der Waage werden.
Quelle: ORF, Wien/Österreich(APD)