10.08.2008

Russland: In Protokollen kommen Baptisten noch immer vor

Interview mit Baptistenpräsidenten Juri Sipko zum Ableben von Alexander Solschenizyn

Russland: In Protokollen kommen Baptisten noch immer vor

Interview mit Baptistenpräsidenten Juri Sipko zum Ableben von Alexander Solschenizyn

 

 

 

M o s k a u – Gekürzte Fassung des Pressedienstes der russischen Baptisten mit Juri Sipko, dem Präsidenten der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten

Am 4. August ist mit 89 Jahren der Schriftsteller Alexander Solschenizyn in Moskau verstorben. Wie schätzen Sie sein Werk ein? Was gefällt Ihnen am meisten an seinem Wirken?

Sein Werk stellt eine ganz besondere Schöpfung dar. Er war kein Romancier im üblichen Sinne. Er war eher politischer Schriftsteller und Chronist. Sein „Archipel Gulag“ ist eher Protokoll als Roman. Sein Buch „Ein Tag im Leben des Iwan Denisowitsch“ war auch ein Protokoll – die Chronik eines einzigen Tages.

Solschenizyn war ein geistiger Gigant. Er gehört zu den wirklich wenigen, die die Wahrheit vernehmbar äußerten. Er war ein Mann der Wahrheit. Im Gegensatz zu uns und im Gegensatz zu allen, die heute Reden zu Ehren des Verstorbenen schwingen, hat er die Wahrheit nicht versteckt. Er lebte die Wahrheit und er sagte die Wahrheit. Er sprach nicht die Wahrheit zugunsten seiner eigenen Person aus; er verleugnete sich selbst. Das gefällt mir an seinem Werk. Es fordert einem viel ab, seine Bücher zu lesen. Er schrieb keine spannenden Novellen – er beschrieb vielmehr das blutige Leiden meines Volkes. Das bringt mich noch heute zu Tränen.

Wie haben seine Bücher die russische Gesellschaft verändert?

 Überhaupt nicht! Erst vor kurzem hat US-Präsident George Bush die Meinung geäußert, der Kommunismus und Faschismus seien gleichermaßen brutal gewesen. Darauf hat unser Außenministerium sofort reagiert: Wagen Sie es nicht, unseren Kommunismus in den Dreck zu ziehen! Unser Kommunismus enthält eine äußerst humane Ideologie. Eine Sendereihe in unserem Zweiten Russischen Kanal, „Rußland durch Persönlichkeiten“, hat Stalin und Lenin als die attraktivsten Führer in der russischen Geschichte dargestellt. Auf den Jüngstverstorbenen reagieren viele meiner Landsleute mit Hass.

Aber es gibt auch eine nicht ganz geringe Schar von Menschen, die über das Werk Solschenizyns zur Erkenntnis der Wahrheit kamen. Es gab Menschen, die durch seine furchtlosen Worte eine Reinigung erlebt haben. Gerade heute hat mir ein Mensch bestätigt, daß das Werk Solschenitzsyns ihn zu Gott geführt habe.

Solschenizyn hat seinen Glauben nicht versteckt, doch in seinen Büchern hat er nicht versucht, den Leser zu bekehren. Dürfen wir ihn als einen christlichen Schriftsteller ansehen?

Ich würde ihn als christlichen Schriftsteller verstehen. Ein Romancier oder Mensch jeder anderen Zunft gilt nicht als Christ nur weil er sich als solchen definiert, sondern in dem er wirklich einer ist. Übrigens: In unserem gänzlich religiösen Land bleibt mit dem Ableben Soltschenitsyns kein einziger Mensch des Gewissens und der Wahrheit übrig! Die Führung unseres Landes hat das gerade eingestanden – und das war eine wirklich seltene Einsicht!

Solschenizyn ist beinahe der einzige russische Schriftsteller, der jemals über die Baptisten geschrieben hat. Einer von ihnen ist ein Hauptprotagonist des Buches „Ein Tag im Leben des Iwan Denisowitsch“. Warum kommen Baptisten in den Novellen und Romanen der Gegenwart nicht vor?

 Diese recht bekannte Geschichte ist ungewöhnlich – eigentlich ist sie eher ein Protokoll. Aloschka war als Baptist eben ein Ausdruck der wahren, russischen Gesellschaft der damaligen Zeit. Aloschka drückte die Freiheit aus – und das in einem Gulag! Einem unparteilichen Beobachter wie Solschenizyn konnte das nicht entgehen und er berichtete über diesen Teil der russischen Wirklichkeit. Die Novellen und Romane der Gegenwart sind kommerzielle Produkte – und Baptisten verkaufen sich schlecht.

Allerdings kommen Baptisten weiterhin in Protokollen vor – in jenen der Miliz. Das gehört irgendwie zu ihnen. Der Herr sagte es voraus: „Wie sie mich verfolgt haben, werden sie auch Euch verfolgen.“ „Mich haben sie gehaßt, euch werden sie auch hassen.“

Dr. William Yoder

Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB

Moskau, den 10. August 2008

baptistrelations@yandex.ru

www.baptist.org.ru

Tel/Fax: 007-495-954-9231

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 08-36, 570 Wörter.