26.07.2008

Deutschland/Irak: Doch keine christliche Irakflüchtlinge nach Europa?

Menschenrechtler kritisieren Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann

Deutschland/Irak: Doch keine christliche Irakflüchtlinge nach Europa?

Menschenrechtler kritisieren Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann

G ö t t i n g e n / S t u t t g a r t (idea) - 26.07.08 - Kaltherzigkeit und Rücksichtslosigkeit wirft die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) dem niedersächsischen Innenminister Uwe Schünemann vor. Der CDU-Politiker spiele mit dem Leben und der Gesundheit von rund 8.000 verfolgten irakischen Christen, heißt es in einer Pressemiteilung der Göttinger Organisation vom 25. Juli.

Schünemann habe die Initiative von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), einem Kontingent von assyro-chaldäischen Christen Zuflucht zu gewähren, durch seinen Einspruch torpediert. Er habe "diese verzweifelten Menschen wieder für Wochen, wenn nicht Monate in ihre elende Lage zurückgestoßen", kritisierte GfbV-Generalsekretärs Tilman Zülch. Der niedersächsische Minister hatte Sicherheitsbedenken gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Irak erhoben. Terroristen könnte so der Weg nach Deutschland geebnet werden. Schäuble hatte seine Pläne bei der EU-Innenministerkonferenz am 24. Juli in Brüssel zurückgestellt. Die EU-Minister verschoben eine Entscheidung auf September.

Christen werden massiv verfolgt

Medien, Menschenrechtsorganisationen und Kirchen haben laut GfbV berichtet, dass die neuaramäischsprachigen Christen, die sich im Irak meist Assyro-Chaldäer nennen, dort systematisch verfolgt werden. Sie würden ermordet, gekreuzigt, enthauptet, vergewaltigt, zwangsislamisiert und entführt. Über 40 Kirchen wurden zerstört, auf Schulen, Geschäfte und Institutionen wurden Bombenanschläge verübt. Hunderttausende seien nach Jordanien und Syrien geflüchtet. "Dort müssen sie kläglich ihr Leben fristen, oft ihr letztes Hab und Gut verkaufen, weil sie meist keine Arbeit finden", berichtete Zülch. Die große Mehrheit suche Schutz im Westen. Aus den gut eine Million Assyro-Chaldäern aus dem Nahen Osten seien in westlichen Ländern und in Übersee vorbildliche, integrierte und loyale Staatsbürger geworden, sagte Zülch. Ihre Integration sei genauso eine "Erfolgsgeschichte" wie die der protestantischen Hugenotten, die vor 200 Jahren aus Frankreich flohen.

Landesbischof kritisiert EU-Entscheidung

Der württembergische Landesbischof Frank Otfried July (Stuttgart) hat unterdessen die Verschiebung der EU-Entscheidung kritisiert. Er halte es für unangemessen, in dieser bedrängenden Situation neue Verzögerungen in Kauf zu nehmen. Die von einzelnen deutschen Innenpolitikern geäußerte Angst, dass mit den verfolgten Flüchtlingen auch Kriminelle einreisen könnten, dürfe keinen entscheidenden Einfluss haben, sagte July in einer Videobotschaft auf der Internetseite www.landeskirche.de. Damit die im derzeit sicheren Nord-Irak verbliebenen Christen angemessene Lebensbedingungen bekommen, hat die Evangelische Landeskirche in Württemberg über 240.000 Euro zur Verfügung gestellt. Dem Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge UNHCR zufolge fliehen jeden Monat etwa 50.000 Iraker aus ihrer Heimat. Rund 75.000 leben mittlerweile in Deutschland, mehr als 10.000 von ihnen sind Christen. Im Irak lebten am Ende der Ära des Diktators Saddam Hussein etwa 800.000 Christen. Seither hat mehr als die Hälfte der christlichen Bevölkerung das Land verlassen. Von den 26,7 Millionen Einwohnern des Iraks sind 95 Prozent Muslime.