27.07.2008
Irak: Islamisten wollen Land von Ungläubigen reinigen
Augenzeugenbericht
dieWelt/von Thomas Krapf 28.7.2008 - Innenminister Wolfgang Schäuble hat sich gegen ein schnelles Asylverfahren für Christen aus dem Irak ausgesprochen. Iraks Regierungschef Nuri al-Maliki betont zudem, wie wichtig diese gebildeten Menschen für den Wiederaufbau seien. Doch die Lage für die Christen ist brandgefährlich. Ein Betroffener berichtet.
"Al-Malikis Behauptung, Christen könnten wieder sicher im Irak leben, ist eine ungeheuerliche Lüge. Ich verstehe Frau Merkel nicht! Warum fällt sie auf diese billige Propaganda herein?" Johannes ist zorning. "Warum verhindert Deutschland, dass irakische Flüchtlinge nach Europa kommen?" Johannes ist ein Christ aus Bagdad. Seinen wirklichen Namen nennt er nicht, aus Angst, seine Familie im Irak zu gefährden.
Seit April hatte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) für die Aufnahme christlicher Irakflüchtlinge in Deutschland und der EU plädiert. Doch mit dem Besuch des Premierministers des Irak, Nuri al-Maliki, in Berlin vergangene Woche hat sich das schlagartig geändert: Am folgenden Tag sorgte Schäuble dafür, dass die EU Innen- und Justizminister ihren bereits verabredeten Beschluss zu einer bevorstehenden Aufnahme von Irakflüchtlingen in der EU auf Ende September vertagten.
Die Lage ist ernst
"Wenn ich heute in den Irak zurückginge", fährt Johannes fort, "dann würde ich 700 US-Dollar Starthilfe bekommen - und als weitere Unterstützung von den Behörden einen Stempel in meinen Pass, dass ich fünf Jahre lang nicht ausreisen darf." Den Irak nicht verlassen können, sagt Johannes, "das wäre glatter Selbstmord!" Christen würden immer noch bedroht, erpresst, ausgeraubt, angegriffen, vertrieben und ermordet. "Al-Malikis Regierung schützt uns nicht. Daran hat sich nichts geändert."
Als studierter Ingenieur verfügt Johannes über Fachkenntnisse, die al-Maliki für den Wiederaufbau seines Landes dringend benötigt. In Berlin bat er Merkel, keine weiteren Irakflüchtlinge aufzunehmen. Besonders Christen, die überwiegend der gebildeten Mittelschicht angehörten, seien unverzichtbar und dürften nicht ermutigt werden, ins Ausland umzusiedeln.
Johannes hat mit seiner Familie in Deutschland Asyl beantragt. "Vor einem Jahr lebte ich noch in Bagdad", erzählt er. "Im August kam dann der gefürchtete Tag. ,Verfluchter Ungläubiger! Dreckiger Kollaborateur! Wenn du morgen noch hier bist, bringen wir dich um!', schickte mir jemand eine SMS." Wenige Stunden später war Johannes bereits mit seiner Frau und seinem Sohn auf dem Weg nach Syrien. "Wir ließen alles zurück: unser Haus, unsere Familie, gute Freunde, alles was wir besitzen." Zum Glück hatte die kleine Familie Bargeld beiseite gelegt - sie hatten es kommen sehen. "Warum hätte es uns besser ergehen sollen als Tausenden anderen?", fragt der Iraker.
Mehr als zwei Millionen Irakflüchtlinge haben sich in die Anrainerstaaten gerettet, darunter etwa 180.000 Christen. Wie auch andere religiöse und ethnische Minderheiten werden sie im Irak Opfer von Säuberungsaktionen. Aktionen, die von verschiedensten Islamistengruppen ausgehen - die trotz ihrer politischen Zerstrittenheit das gemeinsame Ziel eint: Irak "rein" von Ungläubigen zu machen. Zugleich spielt Habgier eine Rolle. Oft genug fliehen die Opfer in Panik, beträchtlicher Besitz bleibt zurück.
"In Damaskus angekommen, war ich ohne Arbeitserlaubnis und ohne Einkommen", fährt Johannes fort. "Und dann ging unser Geld zu Ende. In den Irak zurückkehren, das kam überhaupt nicht infrage. Wo hätten wir leben sollen? Die Vorstellung, heute an meiner Haustüre zu klingeln - das ist so absurd... Sie würden mich auf der Stelle umbringen." Da es in Damaskus keine Perspektive gab, musste die Familie weiter. "Inzwischen sind wir Bittsteller in Deutschland geworden. Hier Asyl zu bekommen, ist unsere letzte Chance, unser Leben wieder aufzubauen."
Auch über die Position der Kirchen in Nahost ist Johannes verärgert: "Was Bischöfe und Kirchenfürsten zum Besten geben, ist unglaublich. Genau wie al-Maliki behaupten sie einfach, wir könnten sicher im Irak leben. Das ist reine Zweckpropaganda. Sie müssen endlich zugeben, dass wir Christen vor dem Aus stehen. Unsere Geschichte ist in Mesopotamien zu Ende."
In diesen Tagen bedrückt Johannes vor allem, dass al-Maliki mit seinem Vorstoß in Berlin überhaupt Erfolg haben konnte. "Frau Merkel und Herr Schäuble müssen doch begreifen, dass es al-Maliki nicht um uns Christen geht. Er braucht Wirtschaftshilfe. Deshalb will er glaubhaft machen, dass die Sicherheitslage im Irak in Ordnung sei - und zwar für alle, angeblich auch für Christen, über die man in Deutschland schon viel gehört hat." Dabei wisse de Regierungschef des Irak sehr genau, dass die Christen im Land keine Chance zum Überleben hätten. "Ich habe große Angst, dass unserem Asylantrag nicht stattgegeben wird", sagt Johannes. "In Europa versteht man einfach nicht, was dort passiert."
17. Oktober 2008
Christen in Mosul werden willkürlich ermordet
Uns erreichte ein dringendes Gebetsanliegen von irakischen Christen aus Mosul. Kontaktleute berichteten, dass bewaffnete islamistische Terroristen die Straßen durchstreifen und sich von Passanten ihren Ausweis, ihre ID-Card, zeigen lassen. Auf dem Ausweis ist die Religionszugehörigkeit „Muslim" oder „Christ" eingetragen. Weist er den Eintrag „Christ" auf, wird der Inhaber auf der Stelle durch einen Kopfschuss getötet. Vor fünf Jahren wohnten etwa 300 000 Christen in Mosul, doch sind es heute nur noch 30 000. Panikartig verließen viele die Stadt. Es ist zu befürchten, dass auch der Rest der christlichen Minderheit flüchten wird, wenn diese brutale Gewalt gegen Christen nicht aufhört. Die Christen im Irak sind fast schutzlos der Willkür von Extremisten ausgesetzt. Open Doors ruft dringend weltweit zum Gebet für diese Glaubensgeschwister auf. Vor kurzem wurde eine dreijährige Gebets- und Hilfskampagne für Christen in der islamischen Welt gestartet.
Einige Opfer sind uns namentlich bekannt.
Bashar Nafia, ermordet am 28. September.
Evan Enwiya Adam (15) am 4. Oktober. Er spielte gerade mit seinen muslimischen Freunden. Die Mörder isolierten ihn von seinen Freunden und töteten ihn vor seinem Haus.
Hazim Thoma Yousif, ermordet am 4. Oktober in seinem Textilladen.
Ziyad Kamal, behindert und im Rollstuhl, ermordet am 7. Oktober in seinem Ersatzteilladen.
Amjad Hadi Petros und sein Sohn Husam, am 7. Oktober ermordet. Husam war Bauarbeiter und wurde auf der Arbeit umgebracht.
Khalid Jarjis, Apotheker, ebenfalls am 7. Oktober ermordet auf dem Weg zur Arbeit.
Rayan Nafia, Fahrrad-Mechaniker, am 8. Oktober.
Jalal Mousa, am 9. Oktober in der Nähe seines Hauses getötet.
Wartkes Alton und sein Neffe Ara am 12. Oktober. Ara starb im Krankenhaus an seinen Verletzungen.
Ein Christ in der Region Mosul, der aus Sicherheitsgründen ungenannt bleiben muss, schrieb:
„Liebe Brüder und Schwestern in Christus, diese E-Mail ist ein Gebetsaufruf für den Irak, für die Menschen im Allgemeinen und insbesondere für die Stadt Mosul und für die dort noch lebenden Christen. In den vergangenen vier bis fünf Tagen wurden rund 25 Christen – manche sprechen gar von 40 - aus religiösen und politischen Gründen in verschiedenen Stadtteilen auf offener Straße ermordet. In der Vergangenheit wurden Menschen entführt, bedroht und mussten sich durch Lösegeldzahlung freikaufen, aber jetzt werden sie ohne Vorwarnung umgebracht. Die Regierung und die amerikanischen Streitkräfte haben nichts dagegen unternommen! Selbst die Medien berichteten nicht darüber, bis an einem Tag viele Christen in umliegende Dörfer und Städte flohen, wo sie unter harten Bedingungen leben. Es gibt Familien, die in ihrem Auto schlafen müssen. Überall herrscht Angst und Sorge. Wir rufen SOS und bitten um eure Gebete.