20.06.2008

Indonesien: Moslems schlugen auf Moslems ein

Militante gegen moderate Moslems

Indonesien: Moslems schlugen auf Moslems ein

Militante gegen moderate Moslems

Analyse VON MORITZ KLEINE-BROCKHOFF

Frankfurter Rundschau, 9.6.08 Prügel in Indonesien: Moslems schlugen auf Moslems ein.Die Opfer hatten friedlich für Religionsfreiheit demonstriert. Den Angreifern, militanten Moslems der "Islamischen Verteidigungsfront" FPI, behagt Religionsfreiheit nur begrenzt. Sie schlugen mit Bambusstangen und verletzten 34 Demonstranten. Manche mussten mit gebrochenen Nasen oder Jochbeinen ins Krankenhaus. Indonesien, mit 200 Millionen Gläubigen größtes islamisches Land der Welt und eine Art islamische Vorzeigedemokratie, sucht weiter seine genaue Identität. Nach Streit um lokale Scharia-Erlasse und einen mittlerweile weitgehend verworfenen Gesetzentwurf, der Zucht und Ordnung vorschrieb, geht es nun um das geplante Verbot einer islamischen Sekte. Sie heißt Ahmadiyah, entstand im 19. Jahrhundert in Pakistan, hat heute in Indonesien 200 000 Anhänger und ist dort vielen Menschen ein Dorn im Auge. Ihre Mitglieder halten nicht Mohammed, sondern ihren Sekten-Gründer Mirza Ghulam Ahmad für den letzten islamischen Propheten. Diese Abwertung Mohammeds ist für viele Moslems unerträglich. Manche sind wütend. In den vergangenen Jahren wurden in Indonesien mehrere Ahmadiyah-Moscheen angezündet. Vor zwei Monaten befand eine staatliche Behörde, der Ahmadiyah-Glaube stehe eindeutig im Widerspruch zur islamischen Lehre. Die Sekte müsse wegen Häresie verboten werden. Indonesiens Regierung entwarf ein entsprechendes Dekret, hat das Verbot aber noch nicht erlassen. Die Entscheidung ist nicht leicht. Schließlich geht es auch um die Frage, was das Verbot einer kleinen, friedlichen Religionsgemeinschaft für einen demokratischen Staat bedeutet, der zu Recht stolz auf seine weitgehende Religionsfreiheit und seinen Minderheitenschutz ist. Din Syamsuddin, Chef der moderaten Moslemorganisation

"Muhammadiyah", ist nicht vom Verbot der Sekte überzeugt, er möchte deren Anhänger lieber bekehren. Einige liberale Moslems demonstrierten zusammen mit Ahmadiyah-Mitgliedern, Christen, Hindus und Buddhisten für Religionsfreiheit. Doch die Demonstration währte nicht lange, da kamen die Militanten der FPI und prügelten los. "Das ist eine Warnung für alle, die Ahmadiyah unterstützen", brüllte ein Schläger. "Ahmadiyah muss verboten werden", forderte FPI-Chef Habib Rizieq und drohte mit "Krieg". Schön, dass die Öffentlichkeit entsetzt über die Gewalt war und laute Kritik folgte, auch von den großen, moderaten Moslemorganisationen des Landes, die Indonesiens Islam am besten repräsentieren. Nun steht die FPI am Pranger, endlich wurden ihre Schläger verhaftet und der Chef Rizieq angeklagt. Das war überfällig. Leider bleibt die Ahmadiyah-Frage ungeklärt. In der Zwischenzeit ist es in der Stadt Yogyakarta zu einer Auseinandersetzung zwischen moderaten und militanten Moslems gekommen. Das darf nicht so weiter gehen, Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono sollte sich bald entscheiden, ob er die Sekte nun verbietet oder nicht. Eine Duldung würde Indonesiens Toleranz eindrucksvoll unterstreichen. Ein Verbot würde die Religionsfreiheit einschränken, allerdings dürfte ein solcher Schritt nicht überbewertet werden, denn durch ihn würde diese Freiheit in Indonesien keinesfalls generell in Frage gestellt.