22.09.2008
Vietnam: Gebetswachen stellen Regierung vor eine Zerreißprobe
WEA/AKREF/JJ - 22.09.2008 - Die protestantischen und katholischen Kirchen im Vietnam kämpfen seit langem um eine Rückerstattung jener Besitztümer, die bei der Machtübernahme der Kommunisten konfisziert worden waren. Im Norden des Landes hatten diese Enteignungen in den 50er Jahren stattgefunden, im Süden erst um 1975.
Jahrelang waren die Ansuchen der Kirche abgewiesen oder ignoriert worden. Nur in Einzelfällen hatte die Regierung minimale Zugeständnisse angeboten – in der Hoffnung, damit die Führungspersonen der Kirche zum Schweigen zu bringen und die internationalen Beobachter zufriedenzustellen. Diesen „Geschenken“ waren jedoch stets weitere Enteignungen und Zerstörungen gefolgt, was bei der Kirche zu Frustration und Resignation geführt hatte.
Das Blatt hat sich nun jedoch gewendet und ein neuer Wind scheint zu wehen. Viele Vietnamesen werden heutzutage Zeugen von etwas, das sie noch nie zuvor gesehen haben: Bewaffnet mit Blumen, Kreuzen und Kerzen, versammelten sich im Dezember 2007 in Hanoi tausende Katholiken, um für eine Rückgabe kirchlicher Besitztümer zu beten.
Am 28. März 2008 stellte die Evangelische Kirche (Süd-) Vietnams (ECV(S)) erneut ein Ansuchen – diesmal jedoch nicht an die Regierung, sondern an den weltweiten Leib Christi. Ziel dieses Ansuchens mit dem Titel „Aufruf zum Gebet – An die weltweite Kirche Gottes“ war, im Kampf mit den kommunistischen Behörden über Besitztümer, Einflussnahme und Diskriminierung Gebetsbeistand zu erhalten.
Ein Geist des Gebets scheint in der Tat über die vietnamesische Kirche gekommen zu sein und er gibt den Gläubigen einen Mut, eine Kraft und eine Entschlossenheit, die zuvor ungekannt waren. Die Regierung ist indes augenscheinlich vor den Kopf gestoßen.
Während sich katholische Gebetswachen mehr und mehr verbreiten und an Popularität gewinnen, macht die kommunistische Regierung Vietnams Überstunden, um die Kirche und ihre Führungspersonen zu diskreditieren und gleichzeitig die eigene Unnachgiebigkeit und Feindlichkeit durch in den staatlichen Medien sorgfältig verbreitete Fehlinformationen bzw. Verleumdungen zu rechtfertigen.
Doch trotz der Verleumdungen, der Gewalt seitens der Polizei, der Androhung von Verhaftungen, „außergewöhnlicher Maßnahmen“ und einem drohenden harten Durchgreifen der Staatsmacht, setzen sich die Proteste fort – bei Tag und bei Nacht, bei jedem Wetter und mit stets steigenden Teilnehmerzahlen.
Die Gebetswachen stellen die Regierung vor eine Zerreißprobe. Aber wird dies zu einem Durchbruch in den Beziehungen zwischen der Kirche und dem Staat führen? Oder wird es zu einer Eskalation und gewalttätigen Unterdrückung der Bewegung kommen?
Es sieht nicht gut aus. Die Regierung scheint sich einem Dialog zu versperren, Polizeieinheiten werden eingesetzt und die staatlichen Medien bezeichnen die größte Gebetswache in Thai Ha als von „feindlichen Kräften“ gegen die kommunistische Regierung gerichtetes „organisiertes Verbrechen“. Die Polizei kontrolliert die Computer von Katholiken. Wer zuhause Asia News oder ausländische Nachrichten katholischer Medien über das Internet liest oder gar Informationen über Internet Blogs oder an ausländische Journalisten weitergibt, ist - wie es eine Kontaktperson in Hanoi formuliert - „in ernsthaften Schwierigkeiten“
Quelle: WEA-RLC, Übersetzung AKREF