08.11.2009
Verfolgte Christen: "Die größte Christenverfolgung aller Zeiten"
Jedes Jahr kommen 100.000 Christen in Verfolgungssituationen ums Leben. Ein Bericht von Sabine Petri.
Verfolgte Christen: "Die größte Christenverfolgung aller Zeiten"
Jedes Jahr kommen 100.000 Christen in Verfolgungssituationen ums Leben.
Ein Bericht von Sabine Petri.
ERF - 8. November 2009 - Als im Sommer dieses Jahres im Jemen zwei deutsche Krankenschwestern und Bibelschülerinnen ermordet wurden, war die Medienaufmerksamkeit groß. Dabei ging es weniger um Menschenrechte und die Situation dieser verfolgten Christen, sondern um Fragen des Missionsverständnisses evangelikaler Christen. Dass weltweit zwischen 100 und 200 Millionen Christen unter Verfolgung leiden und nach vorsichtigen Schätzungen 100.000 Christen ihr Leben pro Jahr verlieren, kam weniger zur Sprache.
Um auf die Situation der verfolgten Christen aufmerksam zu machen, findet am Sonntag, den 8. November, der „Weltweite Gebetstag für verfolgte Christen" statt. Rund um den Globus wird am 08. November in Gottesdiensten der weltweiten stattfindenden Christenverfolgung gedacht und für diese Christen gebetet.
Wo die Verfolgung zunimmt
„Open Doors", eine Organisation, die sich weltweit für verfolgte Christen einsetzt, ruft zu diesem Gebetstag zusammen mit der Evangelischen Allianz und deren Arbeitskreis für Religionsfreiheit (AKREF) auf und fordert Christen dazu auf, ihre Mitgeschwister in deren schweren Lage nicht zu vergessen: „Die derzeit größte Christenverfolgung aller Zeiten sollte uns nicht nur alarmieren: Wir müssen handeln", mahnt Markus Rode, Leiter von Open Doors Deutschland. Er erinnert daran, dass die Bibel Verfolgung als Folge auf ein entschiedenes Bekenntnis zu Jesus Christus charakterisiert. „Um Jesus Willen bedrängt, verhaftet, misshandelt oder gar getötet zu werden, gilt somit nicht als Ausnahmesituation. Für die westliche Welt ist das derzeit noch kein Thema. Daher nutzen wir unsere Freiheit und helfen wir den Glaubensgeschwistern in Not", appelliert Rode.
Deutschland müsse seine Augen für die stattfindende Diskriminierung öffnen und seine Freiheit nutzen, bekräftigt auch Max Klingberg von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).
Und in der Tat, viele Christen kommen dieser Aufforderung nach. 2008 beteiligten sich weltweit Hunderttausende im Gedenken an ihre Mitgeschwister. Allein in Deutschland wurde in über 900 Gemeinden an die Situation von verfolgten Christen gedacht. Dieses Jahr wird der Fokus auf den Ländern Indien, Laos und Zentralasien (Usbekistan, Tadschikistan, Aserbaidschan und Turkmenistan) liegen, in denen die Verfolgung besonders zugenommen hat.
100.000 Tote
Dass Christenverfolgung jedoch ein Problem globalen Ausmaßes ist, weiß Thomas Schirrmacher. Der Religionswissenschaftler weist in seinem Buch "Christenverfolgung heute: Die vergessenen Märtyrer" darauf hin, dass sich 90% der religiösen Verfolgungen heutzutage gegen Christen richtet. Damit gehören diese Übergriffen zu den zahlenmäßig häufigsten Menschenrechtsverletzungen weltweit.
Nach einer Dokumentation des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not" über die weltweite Religionsfreiheit im letzten Jahr 2008 werden geschätzte 200 Millionen Christen wegen ihres Glaubens diskriminiert und fast 100.000 Menschen wegen ihres christlichen Glaubens umgebracht.
Das Hilfswerk Open Doors International ist etwas vorsichtiger bei seinen Schätzungen, sieht die Zahl der verfolgten Christen jedoch immer noch bei 100 Millionen. Dies zeige „keine Verringerung der Verfolgung, sondern lediglich eine Eingrenzung der Definition auf Christen, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt und diskriminiert werden." Das Hilfswerk weist darauf hin, dass viele traditionelle Christen aufgrund ihrer Abstammung und nicht aus Glaubensgründen verfolgt werden. Genaue Zahlen der jährlich weltweiten Märtyrer zu nennen sei „aufgrund der Dynamik und Erfassbarkeit aller Verfolgungsfälle" aber nicht möglich, so Romy Schneider, Pressereferentin von Open Doors.
„Was die Zahl der Märtyrer im Allgemeinen anbelangt, wollen wir Abstand nehmen von veröffentlichten Zahlen und können diese auch nicht bestätigen." Der Begriff „Märtyrer" müsse sehr differenziert betrachtet werden, wie auch fehlende Informationen aus verschlossenen Ländern berücksichtigt werden. „Nicht jeder getötete Christ, etwa in Kriegen oder gewalttätigen Konflikten, starb aufgrund seines Bekenntnisses zu Jesus Christus" so Romy Schneider, das sei aber die Bedeutung des biblisch-geprägten 'Märtyrerbegriffs'. Aus ähnlichen Gründen distanziert sich der Pressesprecher Max Klingberg von IGFM von öffentlichen Schätzungen.
Die schlimmsten Verfolgerstaaten
Trotz der Vorsicht hinischtlich genauer Schätzungen ist „Open Doors" davon überzeugt, dass in den heutigen Tagen die größte Christenverfolgung aller Zeiten stattfindet. Auch das Magazin „Christsein heute" stellt fest: In den letzten hundert Jahren wurden viel mehr Christen um ihres Glaubens willen umgebracht als in den 19 Jahrhunderten zuvor zusammen."
Nach Meinung des katholischen Hilfsorganisation „Kirche in Not" hat sich in den drei vergangenen Jahren insbesondere in den muslimischen Ländern die Lage der Christen sehr verschlechtert. Obwohl die freie Religionsausübung in den meisten muslimischen Ländern offiziell möglich ist, bietet es den Christen in der Praxis Christen oft keinerlei Schutz.
Sieben der Länder mit der schlimmsten Christenverfolgung weltweit sind islamisch, drei kommunistisch. Die schwerste Christenverfolgung findet (wie schon in den Vorjahren) in den Ländern Nordkorea, Saudi-Arabien und dem Iran statt. Dazu haben es Menschen christlicher Überzeugung in Afghanistan, Somalia, in den Malediven, in Jemen und dem marxistisch regierten ostafrikanischen Land Eritrea besonders schwer. Das ist am Weltverfolgungsindex (WVI) abzulesen, der von „Open Doors" anhand von intensiven Recherchen bezüglich der Religionsfreiheit, der Lebenssituation und des gesellschaftlich-rechtlichen Status einmal im Jahr erstellt wird. Er soll auf die schwierige Lage vieler Christen in den genannten Ländern aufmerksam machen. Auch in Europa, so Klaus Eberwein, Studienleiter der Bibelschule Breckerfeld, müsse man in baldiger Zukunft mit Einschränkungen in der Glaubensausübung rechnen.
Setzen Sie ein Hoffnungszeichen!
Wie kann man Christen in Verfolgungssituationen unterstützen. Hier finden sich auf den Webseiten der verschiedenen Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen einige ganz praktische Hinweise:
Beten
Beten ist keine Notlösung. Sie kann Auslöser von politischen Veränderungen sein, persönliche Schicksale wenden und Mutlosen neue Kraft geben. Gebet rechnet mit Gottes Handeln und kann über menschliches Verstehen und sogar eigenes Gottvertrauen hinausgehen. Um Christen zu helfen und informiert und konkret für verfolgte Christen im Gebet einzustehen, liefert „Open Doors" auf seiner Webseite alle nötigen Informationen. Gemeinsam mit der Missionsgesellschaft Frontiers und der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Missionen (AEM, Korntal) ruft die Organisation zu weltweiten Gebetstagen, so wie ein-, bis dreijährigen Gebetskampagnen auf.
Worte, die Hoffnung geben
Ermutigende Worte per Brief oder Postkarte können für inhaftierte Christen ein großer Trost sein und sogar Freilassungen bewirken. So berichtet es der ehemalige inhaftierte pakistanische Christ Gul Masih: «Im Laufe unseres Dienstes haben wir viele Zeugnisse von Gefangenen und verfolgten Christen erhalten, für die ein Brief oder eine Karte aus dem Ausland eine wichtige Rolle gespielt hat. Sie selbst und ihre Familien fühlten sich in ihren Prüfungen ermutigt - und die Behörden wurden gezwungen, ihre Freisetzung zu beschleunigen.»
Nachhaken
Petitionen; Bitt-, Appellbriefe, E-Mails, Protestaktionen oder auch Leserbriefe und Unterschriftensammlungen sind wertvolle Mittel, um diese Nöte der Christen in die Öffentlichkeit zu bringen und Regierungen zum Handeln aufzufordern. „IGFM" wie auch „Open Doors" oder Amnesty International bieten dazu wertvolle Hilfen, Anregungen und Mitmach-Aktionen. Auch ehrenamtliche Mithilfe bei Menschenrechtsorganisationen, wie z. B. Teilnahme bei öffentlichen Auftritten oder Öffentlichkeitsarbeit ist möglich und kann dazu beitragen, dass dem Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit eine lautere Stimme gegeben wird.