11.11.2009
Ägypten: Lage der koptischen Kirche immer dramatischer
Immer mehr Kopten machen auf ihre Situation aufmerksam Stefan Beig
Ägypten: Lage der koptischen Kirche immer dramatischer
Immer mehr Kopten machen auf ihre Situation aufmerksam
Stefan Beig
WIEN, 12.. November 2009 (ZENIT.org).- Die Zahl von Extremisten im ägyptischen Parlament nimmt zu, immer öfter führt Religion bei Streitigkeiten zu Toten, die Sicherheitskräfte schreiten, falls überhaupt, zu spät ein, und sogar die Renovierung von Kirchen wird zum Problem. Betont negativ war der Tenor letztes Wochenende bei einer Veranstaltung der „Koptisch-Österreichischen Organisation" in Wien. Es ging um die Lage der koptischen Kirche in Ägypten. An der Veranstaltung nahmen auch Muslime und politische Kräfte aus Ägypten teil.
„Die Situation hat sich massiv verschlechtert", meinte etwa Hosny Bebawy vom Vereinsvorstand. Woche für Woche komme es mittlerweile zu anti-koptischen Ausschreitungen. Ein Journalist berichtete, dass ein naher Verwandter von ihm, der als Diakon wirkt, im September ohne nähere Gründe ermordet wurde. Eine Liebesaffäre zwischen einem Kopten und einer Muslimin endete vor eineinhalb Wochen mit der gewaltsamen Ermordung des koptischen Vaters. Wie so oft wurde niemand verhaftet, die Polizei kam viel zu spät.
Besonders in Oberägypten sind die Kopten Ziel von Gewalttaten und Anschlägen. So wurden zwischen 2000 und 2001 bei den El Kosheh Massakern 21 Kopten und ein Muslim getötet, 2002 kam es zu Unruhen nach der Einweihung einer koptischen Kirche und 2006 wurden bei Angriffen auf drei Kirchen in Alexandria ein Kopte getötet und 17 verletzt. Am meisten Gewalt findet nach dem Freitagsgebet statt. Ägypter, die vom Islam zu einer anderen Religion übertreten, können verhaftet werden. Manchmal weigern sich auch die Behörden, den Religionswechsel einzutragen. Keine Gefängnisstrafen mussten bis heute hingegen die Attentäter für ihre anti-koptischen Gewaltakte verbüßen: Bis heute wurde niemand verurteilt. Mit der Gewalt in Ägypten wuchs aber die Aktivität internationaler koptischer Organisationen, die über die Situation in Ägypten informieren.
Einige Kopten räumten ein, dass nicht alle Probleme auf Diskriminierung der Kopten zurückzuführen seien. Denn bei Streitigkeiten unter Moslems würde die Exekutivgewalt ebenfalls ihrer Aufgabe nicht gerecht und erst zu spät einschreiten. Unter den anwesenden Muslimen war auch der Rechtsprofessor Ibrahim Ahmed Ibrahim von der Ain-Shams-Universität in Kairo, der auch Strafverteidiger am Obersten Gerichtshof ist. Er relativierte etwas die schlechte Lage der Kopten und wies darauf hin, dass es im ganzen Land zu Ausschreitungen kommt. Freilich räumte auch er ein: „Es werden Fehler gemacht."
Einige Anwesende beurteilten die Bemühungen der jetzigen ägyptischen Regierung unter Präsident Hosni Mubarak durchaus positiv. 2002 wurde die koptische Weihnacht zum offiziellen Feiertag. Ein anwesender Kopte, der selbst der regierenden Nationaldemokratischen Partei angehört, betonte: „Mubarak ist Garant für Sicherheit in Ägypten. Er ist ein intelligenter Mann." Bei der nächsten Wahl im Jahr 2010 werde er auch dessen Sohn Gamal Mubarak, dem voraussichtlichen Präsidentschaftskandidaten, seine Stimme geben. Ein anderer Kopte betonte freilich: Man müsse auch seine Rechte einfordern, sonst werde die Regierung nicht aktiv.
Scharfe Kritik gab es an der Rolle der oppositionellen islamistischen Muslimbruderschaft, die zunehmend alle Lebensbereiche islamisiert und damit die Lage der Kopten massiv verschlechtert habe. Denn die Diskriminierung der Kopten sei dadurch alltäglich geworden: Selbst in den Schulen fallen Koptinnen schon auf, weil sechsjährige muslimische Mädchen im Gegensatz zu ihnen bereits das Kopftuch tragen.
Anstatt ihre Situation nur zu beklagen brachten die Teilnehmer auch praktische Forderungen vor. Etwa die Einführung eines Gesetzes, das den Wechsel der Religion in Ägypten gestattet. Manche fordern sogar die Abschaffung des Religionsunterrichts in öffentlichen Schulen und dafür mehr gemeinsame Jugendprojekte mit Muslimen und Christen. Ebenso sollte religiöse Hetze in den Gotteshäusern verboten werden.
Die Verwurzelung der Kopten in Ägypten reicht bis in die Anfänge des Christentums zurück. „Ägypten ist eine Heimat, die in uns lebt", meint der koptische Papst Shenouda III. Vor hundert Jahren bekämpften Muslime und Kopten Seite an Seite den Kolonialismus. Auch der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser (1918 bis 1970) hatte in seinen letzten Lebensjahren sehr gute Beziehungen zur koptischen Kirche und ihrem damaligen Oberhaupt Papst Kirellos VI. (1902 bis 1971). Als Wendepunkt bezeichnen viele die 70er Jahre. Nassers Nachfolger Anwar as-Sadat (1918 bis 1981) plante eine internationale Öffnung Ägyptens hin zum Westen und weg von der Sowjetunion. Vermutlich um die Kommunisten in höheren Positionen und an den Universitäten zu bekämpfen ließ er etliche religiöse Fanatiker frei, die unter seinem Vorgänger eingesperrt worden waren. Seither radikalisierte sich das Klima. Sadat selbst wurde wegen des Friedensvertrags mit Israel von den Extremisten 1981 ermordet.
Über den Anteil der Christen an der ägyptischen Bevölkerung gibt es stark abweichende Zahlen. Die meisten Schätzungen gehen von 5 bis 8 Millionen aus, was zwischen 6 und 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Die Mehrheit davon sind koptische Christen (meistens orientalisch-orthodox, ein kleiner Teil ist koptisch-katholisch), der Rest verteilt sich auf griechisch-orthodoxe, griechisch-katholische und protestantische Christen. Der Fischer Weltalmanach 2008 nennt die wesentlich höhere Zahl von 12 bis 15 Prozent Kopten.
Seit den 70er Jahren verließen etliche Kopten ihre Heimat. Rund zwei Millionen leben heute in den USA, viele auch in Europa. Wien ist mit schätzungsweise 4000 Kopten die Stadt mit den meisten Kopten im deutschsprachigen Raum. Laut Hosny Bebawy von der „Koptisch-Österreichischen Organisation" sind in den nächsten drei Monaten mehrere Aktionen weltweit geplant, um auf die Lage der Kopten in Ägypten aufmerksam zu machen und die Öffentlichkeit besser zu informieren.